Irrationale Tierliebe der Nationalsozialisten Vor 70 Jahren: Das erste Tierschutzgesetz

Düsseldorf (rpo). Es war ein langer Marsch durch die politischen und juristischen Instanzen, bis der Tierschutz sich im Jahr 2002 als Staatsziel ins Grundgesetz vorgekämpft hatte. Auf dem Weg dorthin erlebten Tierschützer eine wechselvolle Geschichte. Ausgerechnet die Nationalsozialisten waren es, die am 24. November 1933 das erste Reichs-Tierschutzgesetz verabschiedeten – nicht ohne Hintergedanken.

Tiere aus aller Welt
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Düsseldorf (rpo). Es war ein langer Marsch durch die politischen und juristischen Instanzen, bis der Tierschutz sich im Jahr 2002 als Staatsziel ins Grundgesetz vorgekämpft hatte. Auf dem Weg dorthin erlebten Tierschützer eine wechselvolle Geschichte. Ausgerechnet die Nationalsozialisten waren es, die am 24. November 1933 das erste Reichs-Tierschutzgesetz verabschiedeten — nicht ohne Hintergedanken.

In England gilt noch heute das Gesetz zum Schutz von Versuchstieren aus dem Jahr 1876. Es regelt die Voraussetzungen, unter denen Versuche an Tieren in Laboratorien durchgeführt werden dürfen. Ähnliche Bemühungen verliefen in Deutschland als Bestrebungen einer belächelten Randgruppe lange Zeit im Sande.

Regelwerke gab es zunächst nur auf Landesebene beispielsweise in Preußen (Gossler-Erlass von 1885). Danach war es verboten, einem Tier länger dauernde oder sich wiederholende Schmerzen zuzufügen. Einer der prominentesten Vertreter, der Ende des 19. Jahrhunderts gegen die als "Vivisektion" bezeichneten Tierversuche zu Felde zog, war der Komponist Richard Wagner.

Weder im Kaiserreich noch später in der Weimarer Republik wurde das Bedürfnis nach einem einheitlichen Gesetz gestillt. 1930 wurde der "Gossler-Erlass" lediglich in den inhaltlich kaum veränderten "Grimme-Erlass" umgegossen.

Aus gutem Grund

Erst die Nazis kamen den Tierschutzvereinen 1933 entgegen, und das hatte seinen guten Grund: Tierversuche galten als das Werk jüdischer Wissenschaftler und wurden entsprechend missachtet, während dem germanischen Menschen die besondere Naturverbundenheit zugeschrieben wurde. Hermann Göring und Heinrich Himmler präsentierten sich öffentlich als leidenschaftliche Tierversuchsgegner. Auf geradezu irrationale Weise stand die Tierliebe einerseits einer rassistischen Menschenverachtung gegenüber. Die Tierschutzbewegung in Deutschland hatte umgekehrt ausgedient, was im gleichgeschalteten NS-Staat ebenfalls willkommen war.

Mit dem Reichstierschutzgesetz galt als Tierquälerei, "ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu mißhandeln." Die einzelnen Begriffe wurde ausgelegt, um Interpretationsspielräume zu verkleinern. Tierversuche wurden im weiteren so rigoros wie nie zuvor reglementiert. Institute mussten Genehmigungen beim Reichsinnenminister einholen. Bei Versuchen waren grundsätzlich Betäubungen vorzunehmen.

Erst 1972 abgelöst

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches tat sich lange Zeit nichts, bis schockierende Bilder über Hühnerhaltung und Tierversuche im Fernsehen auftauchten und das Reichs-Tierschutzgesetz im Jahr 1972 durch ein zeitgemäßes Tierschutzgesetz abgelöst wurde. Darin war vorgeschrieben, dass die Versuche vor Beginn bei der zuständigen Behörde anzuzeigen sind. Außerdem verlangte der Gesetzgeber grundsätzlich, Tierversuche auf ein unerlässliches Maß zu reduzieren.

Die Vorschriften von 1972 gelten im wesentlichen noch heute. Die nächste durchgreifende Novellierung vor dem Hintergrund des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes erfolgte 1986. Im Februar 1993 hat der Gesetzgeber das deutsche Gesetz an die veterinärrechtlichen Vorschriften der Europäischen Union angepasst.

Tierschutz als Staatsziel

Gegen Ende der 90er Jahre verstärkte sich die immer wieder schwelende Diskussion über die Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel ins Grundgesetz. Die CDU/CSU hatte die Verankerung immer wieder verhindert, sich schließlich gegen den neuen Artikel 20a GG im Juni 2002 aber nicht mehr gesperrt. Deutschland ist somit das erste Land der EU, das den Tierschutz in die Verfassung aufgenommen hat.

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