Köln: Von Opa bis Enkel - alle unter einem Dach

Köln : Von Opa bis Enkel - alle unter einem Dach

Wenn mehrere Generationen gemeinsam wohnen, braucht jeder Geduld, Toleranz - und eine Tür, die er hinter sich schließen kann.

Im Garten ragen die pinkfarbenen Blüten einer Hortensie bis weit auf den schmalen Steinweg. Er führt zu einem runden Gartentisch. Dort deckt Familie Gronack-Walz fürs Kaffeetrinken. Valerie hat die Blätterteigrollen aus dem Ofen geholt und auf einem Teller mit in den Garten genommen. Sieben Stühle, sieben Tassen und Teller stehen da, eine große Kaffeekanne. Eine Idylle wie im Bilderbuch. Gleich neben dem Tisch ist ein kleines rechteckiges Wasserbecken, von dessen Boden ein buntes Mosaik durchschimmert.

Das Mosaik hat Ilse Gronack gelegt. Mit ihrem Mann Hans-Herbert ist sie vor fünf Jahren zu Tochter Isabel, deren Mann Andreas und den drei Enkeln gezogen. Die Gronacks wohnen im ausgebauten Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses. In der Wohnung darunter lebt Isabel Gronack-Walz mit ihrem Mann, Tochter Valerie (14) und Sohn Julius (8). Die älteste Tochter Alicia (17) ist vor einiger Zeit auf die Etage der Großeltern gezogen, in ein separates Zimmer. Zum Essen kommt die ganze Familie zusammen. "Wir haben das gar nicht bewusst entschieden: So, jetzt gründen wir einen Drei-Generationen-Haushalt", sagt Isabel Gronack-Walz.

Dabei lebt die Familie ein Modell, das immer mehr Vereine in ganz Deutschland auf die Beine stellen wollen: das Wohnen mit mehreren Generationen in einem Haus oder einer Wohnanlage. Die Bewohner helfen einander, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, sie treffen sich regelmäßig, um gemeinsam zu essen oder Arbeiten am Haus zu erledigen, aber es kann auch jeder seine Tür hinter sich zumachen. Das ist die Idee.

Leben in der Großfamilie, in einer heimeligen Gemeinschaft, wo keiner allein gelassen wird, so stellt man sich gerne die "gute alte Zeit" vor. Tatsächlich war das Wohnen mit drei Generationen unter einem Dach bis ins 19. Jahrhundert eine Seltenheit. Zumindest in Nord- und West-Europa. Im England des 16. bis 18. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Personenzahl pro Haushalt bei 4,75 Personen, erklärt Detlev Lück, Familiensoziologe beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. "Drei-Generationen-Haushalte waren aus mehreren Gründen selten. Erstens war die Lebensdauer wesentlich kürzer als heute. Zweitens brauchte man eine Heiratserlaubnis, bevor man eine Familie gründen konnte. Sie wurde oft erst mit der Übergabe des Hofes an den ältesten Sohn erteilt." Und das konnte lange dauern. Die Haushalte waren deshalb traditionell größer als heute, weil auch Mägde, Knechte und Verwandte ohne Heiratserlaubnis darin lebten. "Das war oft eine wirtschaftliche Notwendigkeit", sagt Lück. Viele Kinder erreichten hingegen gar nicht erst das Erwachsenenalter. "Die Kindersterblichkeit lag bei fast 50 Prozent", sagt der Soziologe.

Still ist es im Garten unweit der Aachener Straße. "Das hier hat meine Mutter geschaffen", sagt Isabel Gronack-Walz und deutet auf die blühenden Büsche und Rosenstauden. Zur Pflanzzeit im Herbst helfen die beiden Enkelinnen bei der Gartenarbeit. Ein hoher Bogen, der von weißen Rosen umrankt ist, ragt über die anderen Sträucher hinaus. Den hat sich Valerie zu ihrer Konfirmation gewünscht.

Hans-Herbert Gronack kommt auf den Tisch zu, setzt sich. Julius sitzt mit seinen kleinen Spielzeugbooten am Wasser. Eines hat eine runde Einkerbung, in die ein Teelicht passt. "Was machst du denn da?", sagt Ilse Gronack energisch und steht auf. Julius hat etwas Wachs ins Wasserbecken tropfen lassen und bestaunt jetzt, wie es eine blütenartige Form annimmt und an der Wasseroberfläche schwimmt. "Leg mal das Schiffchen weg von dem Stuhlbein", sagt Gronack. Ihr Schwiegersohn Andreas bleibt gelassen: "Ich pass' schon auf."

Wenn die Großeltern mit im Haus leben, prallen oft unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung aufeinander. "Man muss tolerant sein", sagt Isabel Gronack-Walz. "Die Generation, die früher immer als Rudelführer galt, ist das nun nicht mehr. Das birgt Konfliktpotenzial."

Zurücknehmen müssen sich alle ein wenig, damit das Zusammenleben funktioniert. Dass in Deutschland die Kinderzahlen zurückgehen und immer mehr Menschen allein leben, wird oft damit begründet, dass immer weniger Menschen diese Abstriche machen wollten.

Tatsächlich hat sich der Anteil der Einpersonenhaushalte von 1961 bis 2010 anteilig etwa verdoppelt, auf rund 40 Prozent, wie aus Materialien des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervorgeht. "In einem großen Teil der Singlehaushalte leben allerdings verwitwete Frauen", erläutert Soziologe Detlev Lück. Das liege an der höheren Lebenserwartung von Frauen und daran, dass die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter gekommen sind. Unter Einpersonenhaushalten werden auch Menschen erfasst, die zwar einen Partner haben, aber in getrennten Wohnungen leben oder Väter, die nach einer Trennung getrennt von ihren Kindern wohnen.

Ilse Gronack erzählt von einer jungen Lehrerin, die sie damals in der Schule unterrichtete. "Nach den Ferien war sie weg. Ich habe mich nach ihr erkundigt und da hieß es, sie hätte sich verlobt." Enkelin Valerie schmunzelt. "Ach, und dann war man einfach weg?"

Die Frau bleibt zu Hause, macht den Haushalt, kümmert sich um die Kinder - das können sich Familien noch gar nicht lange leisten. Auf einem Hof war viel Arbeit zu erledigen, ab der Industrialisierung musste oft die ganze Familie in Fabriken arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Erst in den 1950er Jahren erlebte das Bild von der bürgerlichen Kleinfamilie mit Hausfrau und Familienvater, der allein die Familie ernährt, seine Hochzeit. Es hat sich dennoch derart ins Bewusstsein eingegraben, dass es uns bis heute begleitet. In Debatten über das Für und Wider von Betreuungsgeld, in der Frage von Kinderbetreuung oder Teilzeitarbeit als Karrierekiller.

Isabel Gronack-Walz und ihr Mann Andreas arbeiten gemeinsam in ihrer eigenen Firma. Die Selbstständigkeit lässt ihnen den nötigen Freiraum. Mit drei Kindern gilt eine Familie bereits als kinderreich. Familie Gronack/Walz engagiert sich daher im Verband kinderreicher Familien für die Belange von großen Familien. Isabel Gronack-Walz ist die NRW-Vorsitzende. Unterstützung im Alltag bekam die Familie selbst früher oft durch Au-pairs. Seitdem die Großeltern mit im Haus wohnen, gehen die Kinder auch zu ihnen hoch. "Es ist schön, die junge Generation aufwachsen zu sehen, man erlebt mit, wie sich die Gesellschaft ändert", sagt Ilse Gronack. "Dass Alicia so mit Macht selbstständig sein wollte, hat mich etwa überrascht."

Den Begriff Familie fassen die Soziologen heute weit. Familie kann jede Lebensgemeinschaft mit mehr als einer Person sein, in der die Menschen füreinander da sind. Das schließt eine Vielfalt des Zusammenlebens ein - auch Menschen, die nicht verwandt sind. Gerade in Mehrgenerationen-Projekten soll diese neue Form der Familie gefördert werden. Ältere Menschen, die keine Angehörigen in der Nähe haben, können davon ebenso profitieren wie Kinder, die ohne Großeltern aufwachsen, berufstätige Eltern oder alleinstehende Menschen.

In der Praxis scheitert das Gemeinschaftliche dennoch manchmal an eingefahrenen Gewohnheiten. Wer in einer großen Familie leben will, muss sich Zeit nehmen, muss seine Prioritäten neu setzen. Dann kann sich für jeden Einzelnen das entfalten, was jede Familie trägt: das Zusammensein, das Gefühl von Gleichwertigkeit und Verlass auf die anderen. Auch in schwierigen Situationen ist keiner allein. Das entlastet ungemein.

(RP)
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