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Bochum: Von Bochum zur Milchstraße und zurück

Bochum : Von Bochum zur Milchstraße und zurück

Das Bochumer Planetarium bietet in einer neuen Show einen faszinierenden Einblick in unsere kosmische Heimat.

Jeder kennt den Blick in den Nachthimmel. Jeder kennt das ehrfürchtige Gefühl, wenn ihm die riesige, dunkle und trotz aller Wissenschaft noch in vielen Bereichen rätselhafte Welt da draußen bewusst wird. Wir sehen funkelnde Punkte am Himmel, die mal näher, mal weiter weg erscheinen – doch woher sie kommen, wie viele es tatsächlich sind und in welcher Beziehung sie zueinander stehen, wissen die meisten Menschen nicht.

Ausgewiesene Wissenschaftler sind da schon einen Schritt weiter, doch selbst sie stoßen immer wieder an Grenzen. Lösen sie ein Rätsel, tun sich gleich zehn weitere auf. Weil es ein Urbedürfnis des Menschen ist, das All zumindest ansatzweise zu erfassen, geben Regierungen und Institutionen rund um die Welt Milliarden aus, um Satelliten in den Orbit zu schicken und Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.

Häufig denken wir dabei an die USA, Russland oder China, doch auch die europäische Weltraumbehörde ESA verfügt über das nötige Budget und Know-how, um die Galaxie zu erforschen.

Am 19. Dezember 2013 startete vom Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana der ESA-Satellit Gaia mit einer ehrgeizigen Mission: In rund fünf Jahren soll er eine Milliarde der etwa 200 Milliarden Sonnen in unserer Galaxie vermessen sowie ihre Helligkeit, Farbe, Bewegung und Entfernung zueinander bestimmen. Der Satellit ist so präzise, dass er aus einem Meter Entfernung messen könnte, wie viel ein menschliches Haar in einer Hundertstel Sekunde gewachsen ist.

Das Bochumer Planetarium hat in Zusammenarbeit mit der ESA und Planetarien in ganz Europa eine Show entwickelt, die die Arbeit des Satelliten illustriert und das Faszinosum Milchstraße visuell erlebbar macht. Dafür wurde eigens ein rund drei Millionen Euro teurer digitaler Projektor angeschafft, der ein dreidimensionales Bild auf die mächtige Kuppel wirft und den Zuschauer immer tiefer in seinen Sessel drückt. "Milliarden Sonnen – Eine Reise durch die Galaxis" heißt die Show, die zwei Mal wöchentlich zu sehen ist und es an Spannung bisweilen mit dem Weltraum-Epos "Gravity" aufnehmen kann.

Der Erzählstil ist schulklassenkompatibel und geht von einem Gespräch zweier alter Freunde aus, die sich nach langer Zeit wiedertreffen. Der eine ist Wissenschaftler, der andere hat in der Schule immer bei ihm abgeschrieben und findet Mathe und Physik so wie die meisten Menschen: schlimm und irgendwie angsteinflößend. Dennoch kommen sie auf das Thema Sterne zu sprechen, und anhand ihres Dialogs, in dem der Wissenschaftler ruhig und verständlich auf die Fragen des die Zuschauer vertretenden Laien antwortet, begeben sich die Besucher auf eine virtuelle Reise in die Milchstraße.

Der Forscher erzählt von den Anfängen der Sternenforschung, von Höhlenmalereien und davon, wie Ägypter und Babylonier anhand des Nachthimmels erste Kalender errechneten. Illustriert wird all das mit sphärischer Musik und sich rasant aufbauenden Bildern über den Köpfen der Zuschauer, die besonders dann fesseln, wenn sie keine animierten Menschen und Gebäude, sondern unser Sonnensystem zeigen.

Nach der pflichtschuldigen historischen Herleitung der Astronomie fliegt der Besucher dann durch den Orbit. Von der Erde zum Mond braucht das Licht eine Sekunde, zur Sonne acht Minuten, und zu anderen Sonnen unseres Systems kann es hunderte Jahre unterwegs sein. Gestochen scharfe Bilder zeigen Sterne etwa des sogenannten Wintersechsecks, zu dem die Sonnen Capella, Aldebaran, Rigel, Sirius, Prokyon und Pollux gehören. Es ist auch in Großstädten in den Monaten Januar bis März gegen 22 Uhr gut über dem Südhorizont zu erkennen.

Die Sterne sind Gas- und Staubkugeln von teilweise unvorstellbarem Ausmaß, die wiederum aus der ins All gelangten Materie früherer Sterne entstanden sind. Allein der Rigel, der wegen seiner Farbe und Größe ein so genannter Blauer Riese ist, ist 60 Mal größer als unsere Sonne. Rund 80 Prozent der 200 Milliarden Sonnen unserer kosmischen Heimat, der Milchstraße, werden zusätzlich von Planeten umkreist. Zusammen bilden sie ein kreisförmiges Gebilde mit einem hell leuchtenden Zentrum und Spiralarmen, die von einer noch weitgehend unerforschten Kraft zusammengehalten werden, der Dunklen Materie. Da sich unser Sonnensystem mit der Erde am Rand dieses scheibenförmigen Gebildes befindet, nehmen wir unsere Galaxie am Himmel als Streifen, als Straße wahr.

In den kommenden fünf Jahren wird der Satellit Gaia Gleichungen mit Millionen von Unbekannten erstellen und berechnen, die Ergebnisse könnten in Papierform weitere Millionen von Ordnern füllen. Falls es keine technischen Komplikationen gibt, wird der Satellit "unser Bild von der Milchstraße nachhaltig verändern", sagt Susanne Hüttemeister, Leiterin des Planetariums in Bochum. Er wird einen Einblick in die Kräfte geben, die im All wirken, und vielleicht auch Aufschluss über die alles bestimmende Dunkle Materie geben.

Doch auch wenn wir wissen, wie groß oder wie weit entfernt die Sonnen voneinander sind, bleibt der nächtliche Blick in den Himmel das, was er immer war: schön, beeindruckend und ein bisschen unheimlich.

(RP)