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Violet Jessop: Die Frau, die die "Titanic" überlebte und 40 Jahre lang zur See fuhr

„Titanic“-Überlebende Violet Jessop : Die Frau, die die "Titanic" überlebte und 40 Jahre lang zur See fuhr

40 Jahre fuhr Violet Jessop als Stewardess und Krankenschwester zur See – und überlebte dabei neben zwei Weltkriegen auch die Unglücke der „Titanic“ sowie ihrer beiden Schwesterschiffe. Was trieb die Frau an, die nicht einmal schwimmen konnte?

Sie waren nur wenig übertrieben, die Berichte über den vermeintlichen Tod von Violet Jessop beim Untergang der „Britannic“ am 21. November 1916 im Mittelmeer. Die Hilfskrankenschwester hatte es auf ein Rettungsboot geschafft, doch nur Minuten später hechteten alle anderen Insassen ins Wasser. „Ohne Worte oder Schreie“, schrieb sie in ihren Memoiren, „flohen Hunderte ins Meer, als würden sie von einem Feind verfolgt“. Der Kapitän des Schwesterschiffs der „Titanic“ hat die Motoren nicht abgestellt in der Hoffnung, das wohl luxuriöseste Lazarettschiff der Geschichte noch an Land steuern zu können. „So zerwühlten und zerhackten die riesigen Schiffsschrauben alles in ihrer Nähe; Männer, Boote und alles andere verschwanden in einem grässlichen Wirbel.“ Und doch zögert Jessop noch einen Sekundenbruchteil, denn die Frau, die seit 13 Jahren zur See fährt, hat nie schwimmen gelernt. Ihren Sprung überlebt sie mit der besonderen Art von Glück, das sie wieder und wieder vor dem Tod rettet.

Drei Mal habe sie etwas am Kopf erwischt, erinnert sich Jessop: „Das nächste Mal würde das Letzte sein“, sei ihr durch den Kopf geschossen. Doch irgendwie schwimmt sie sich frei, taucht zwischen Blut und abgetrennten Gliedmaßen auf und wird gerettet. Als sie später ihre Zimmernachbarin trifft, fällt diese beinahe in Ohnmacht, weil Gerüchte über Jessops Tod kursieren. Jessop ist amüsiert, aber besorgt um ihre Kollegin: „Sie sah selbst wie eine Leiche aus. Also kümmerte ich mich um sie, bis es ihr besser ging.“ Jessop selbst fordert keine Untersuchung ihrer Kopfverletzungen ein. Erst später sei herausgekommen, schreibt sie, dass sie einen Schädelbruch erlitten hatte, der aber ohne größere Langzeitschäden geblieben sei.

Jessop hat Routine im Beinahe-Ertrinken. Es ist ihr drittes Schiffsunglück. 1912 hatte sie knapp den Untergang der „Titanic“ überlebt, nur ein halbes Jahr zuvor die Kollision von deren Schwesterschiff „Olympic“ mit dem Militärkreuzer „Hawke“. 1916 macht sie, wenn man so will, den Hattrick komplett: Mit der „Britannic“ sinkt das dritte und letzte der knapp 270 Meter langen Kreuzfahrtschiffe der Extra­klasse, das zum schwimmenden Lazarett mit mehr als 3000 Betten umgerüstet worden war.

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Wenige Jahre arbeitet Jessop für eine Bank in London, doch bald fährt sie wieder zur See, die sie so fürchtet und hasst; mit bis zu 17 Stunden Knochenarbeit am Tag, für meist undankbare Passagiere. Die Sehnsucht nach einer Heimat ist groß; stets weckt sie bei nächtlichen Ankermanövern „der Geruch nach Land“. Was zieht die kluge Frau mit den blauen Augen und dem kastanienbraunen Haar immer wieder in den Job, der keinerlei Glamour mit sich bringt, aber umso mehr Gefahr?

Geboren 1887 als erstes von neun Kindern der irischen Einwanderer William und Katherine in Argentinien, erkrankt sie als Kind massiv an Tuberkulose. Der drohende und später eintretende Lungenschaden, der ihr das Schwimmen unmöglich machen wird, wirkt damals jedoch irrelevant: Die Ärzte erklären sie für todgeweiht. Einer gibt ihr noch drei Monate zu leben; eventuell länger bei frischer Höhen­luft.

Doch Violet überlebt, auch die Epidemien Pocken und Diphtherie, Scharlach und Meningitis, später auch Malaria. Drei ihrer Geschwister sterben, ebenso ihr Vater. Mit 16 gehen Violet, ihre frisch verwitwete Mutter und ihre fünf überlebenden Geschwister an Bord eines Viehfrachters nach England, wo sie Verwandte erwarten.

Aus Geldnot fährt Violets Mutter zur See, fünf Jahre lang, als Stewardess und Hilfskrankenschwester. Violet kümmert sich um ihre Geschwister, wenn sie nicht eine Klosterschule besucht oder im Krankenhaus liegt, unter anderem mit Gallensteinen. Dort leidet sie unter der Kälte des Personals – Jessop nimmt sich vor, es besser zu machen; nicht zuletzt aus ihrem katholischen Glauben heraus. Als ihre Mutter erkrankt, nimmt Violet Jessop klaglos ihren Platz ein – als Ernährerin der Familie aus der Ferne.

Am Ende eines typischen Tages auf See fühle sich „das ganze Leben wie ein einziger Schmerz an“, schreibt sie, und wenn sie sich spätabends mit letzter Kraft etwas Wasser holen will, fordere allzu oft noch eine Passagierin mit einem künstlichen Lächeln „etwas Eis, und einige Sandwiches, dazu vielleicht ein paar Orangen...“.

Jessop und ihre Kolleginnen sind Mädchen für alles: Kellnerinnen, Putzfrauen, Wäscherinnen, Floristinnen, Therapeutinnen und Hilfskrankenschwestern, die den Passagieren etwa bei Seekrankheit stundenlang zur Seite stehen. Abfahrtstage lernt sie zu hassen: „Die meisten Menschen lieben Blumen, und auch ich selbst könnte nicht ohne sie leben. Aber es ist doch unbegreiflich, dass Menschen nicht darüber nachdenken, in welchen Behältnissen man bloß all diese Blumen arrangieren soll!“ Sie zählt bis zu 17 Sträuße pro Passagierin. Einmal faucht sie einen Herren an, der in letzter Minute vor dem Ablegen das Schiff verlässt, er möge stattdessen doch nächstes Mal Bücher verschenken: „Das akzeptabelste Geschenk für eine Reise, es sei denn, es ist die letzte...“

Jessop stirbt am 5. Mai 1971 an Herzversagen im Alter von 83 Jahren. Ihre letzte Reise als Stewardess hatte sie nur 20 Jahre zuvor gemacht, nach 40 Jahren auf See. Mehr als 200 teils ausgedehnte Reisen hat sie mitgemacht, von Havanna bis Hongkong. Nach sieben Monaten Arbeit gab es eineinhalb Wochen Urlaub.

Über eine offenkundig unglückliche, kurze Ehe von „Tante Vi“ in ihren Dreißigern ist selbst ihren Nichten nicht weiter bekannt, insgesamt aber habe sie in ihrem Häuschen mit prächtigem Garten und Hühnerstall im Weiler Great Ashfield in Suffolk zufrieden gewirkt – wohl nicht zuletzt im Bewusstsein ihrer Lebensleistung. Der Herausgeber ihrer Memoiren, John Maxtone-Graham, zitiert einen Steward, der lange mit Jessop zusammengearbeitet hatte. Der Mann erinnert sich lebhaft an eine außerordentliche Frau, die „so viele tröstete und pflegte“.

In der Nacht, in der die „Titanic“ unterging, war Jessop vom Krachen der Kollision mit dem Eisberg aus ihren „kuscheligen Gedanken an Zuhause und einen Kamin“ gerissen worden und schnell in ihre Uniform geschlüpft, um die Passagiere zu beruhigen, mit warmen Worten und einem Tee oder Whiskey. Auf den Befehl „Alle in die Boote – aber nur als Vorsichtsmaßnahme“ seien die Passagiere zu den Rettungsbooten geschlendert, plaudernd und witzelnd, erinnerte sie sich. Jessop ging in ihre Kabine zurück und faltete ihr Nachthemd.

Es wäre mit das Letzte gewesen, was sie getan hätte, wäre da nicht ihr Kollege Stanley gewesen, der sie am Arm packte und rief: „Wir werden sinken; du musst den anderen so schnell wie möglich folgen!“ Der Ernst der Lage dämmerte ihr, als sie nahe den Booten, die „kilometerweit über der gähnenden Dunkelheit zu hängen schienen“, einen Steward sah, Zigarette im Mund und Hände in den Taschen. Dann drängte sie jemand in ein Boot und drückte ihr ein Baby in die Hand. In den folgenden, langen Stunden bei vier Grad hielten sie einander wohl gegenseitig am Leben. Die große Trösterin den hilflosen Säugling – und dieser sie.