Matthias Franz: "Väter müssen ihren Söhnen Vorbild sein"

Matthias Franz: "Väter müssen ihren Söhnen Vorbild sein"

Der Düsseldorfer Psychoanalytiker und Jungenforscher Matthias Franz sagt: Das heutige Problem ist der abwesende Vater.

Düsseldorf Fast 70 Prozent der Numerus-clausus-Plätze gehen an der Uni Düsseldorf im Fach Medizin an Frauen. Kann man daraus schließen, dass Jungen in unserem Bildungssystem benachteiligt werden? Immerhin gibt es noch andere Anzeichen dafür. Wir sprachen darüber mit dem Psychoanalytiker und Jungenforscher Matthias Franz.

Der Gleichstellungsausschuss fordert, Forscher zu versammeln, um mehr über die Bedürfnisse von Jungen herauszufinden. Was brauchen Jungen heutzutage?

Franz Sie brauchen selbstbewusste, emotional kompetente Männer zum Vorbild. Jungen müssen lernen, sozialverträglich mit ihrer motorischen Impulsivität und den gesellschaftlichen Anforderungen umzugehen. Sie machen das anders als Mädchen. Jungen haben einen hohen Bewegungsdrang. Das ist keine Hyperaktivität. Es gibt drei Bereiche, in denen Jungen heute besonders benachteiligt werden: Bildung, Gesundheit und Identität.

Haben Jungen es in der Schule schwerer?

Franz Sie sind die Bildungsverlierer. Das zeigt sich in den Abiturnoten, in Prüfungsergebnissen und an den Universitäten. In Düsseldorf gehen im Studiengang Medizin heute fast 70 Prozent der Numerus-clausus- Plätze an Frauen.

Worin sehen Sie den Grund dafür?

Franz Mädchen können sich an die Besonderheiten unseres Bildungssystems wohl besser anpassen.

Wo müsste man ansetzen, um das Bildungssystem an Jungen anzupassen?

Franz An vielen Schulen herrscht heute eine körperfremde Lernkultur, die ihren Bedürfnissen nicht entspricht. Es gibt immer weniger Sportunterricht, Rangeln ist verpönt, Stillsitzen wird schon im Grundschulalter verlangt. Das kommt den Jungen nicht sehr entgegen.

Wie ist es zu erklären, dass Rangeln in den Schulen heute tabu ist?

Franz In den Grundschulen hatten Kinder vor einigen Jahrzehnten noch deutlich mehr männliche Lehrer mit Verständnis für die Bedürfnisse von Jungen. Wo leben sich Jungs heute aus? Wo fühlen sie sich erfolgreich und willkommen? In virtuellen Welten und Ego-Shootern. Dort befriedigen sie ihre Bedürfnisse, allerdings im sozialen Leerlaufmodus - während die Mädchen fleißig für die Wirklichkeit lernen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach am Gesundheitssystem ändern, damit es den Bedürfnissen von Jungen gerecht wird?

Franz Es nehmen sich dreimal so viele Männer das Leben wie Frauen. Das ist auch schon bei 14-jährigen Jungen feststellbar. Jahrzehntelang gab es keinen Männergesundheitsbericht der Bundesregierung. Niemand findet das skandalös. Stellen Sie sich mal vor, es wäre andersherum. Dann gäbe es doch schon längst ein staatliches Großprogramm.

Was kritisieren Sie konkret beim Thema Jungengesundheit?

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Franz Zum einen den unfassbaren Umgang mit der medizinisch nicht vertretbaren Genitalbeschneidung. Das zeigt, welches Empathiedefizit gegenüber Jungen in der Medizin besteht. Zum anderen das Thema Hyperaktivität: Sogenanntes Problemverhalten und ADHS werden bei Jungen viel häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, oft zu Unrecht. In Deutschland verschreiben Ärzte pro Jahr fast zwei Tonnen Ritalin, vor allem für Jungen.

Was meinen Sie damit, dass Jungen in ihrer Identität beeinträchtigt sind?

Franz Jungen sind in ihrer Identität unsicherer als Mädchen. Mädchen erhalten Urvertrauen und Identität gewissermaßen aus einer Hand, nämlich von der Mutter.

... aber Jungen nicht vom Vater?

Franz Jungen pendeln zwischen beiden Eltern hin und her. Ihre psychosexuelle Entwicklung ist deshalb störungsanfälliger. Steckt man einen Fünfjährigen in Mädchenkleider, dann wird er voraussichtlich protestieren. Ein Mädchen in Jungenkleidern hätte damit ein geringeres Problem, weil es sich seiner Identität sicherer ist. Besonders schwierig haben es Jungen, die keinen Vater haben.

Das ist aber ein Problem, das auch Mädchen betrifft.

Franz Natürlich sind das nicht völlig unterschiedliche Welten, auch Mädchen profitieren von einem emotional präsenten Vater.

Waren Männer früher wirklich so anders?

Franz Früher durften Männer weich sein. Heute wird von ihnen eine gefühlsferne, homophobe Härte gegen sich und andere erwartet. Teilweise sogar vom eigenen Partner. Frauen wollen mitunter nicht, dass ihre Männer Gefühle zeigen. Dabei sind Gefühle nur dann gefährlich, wenn man sie nicht bemerkt. Die zärtlichen Bindungsbedürfnisse von Jungen und Männern werden nicht beachtet.

Wie kam es zu diesem falschen Rollenverständnis?

Franz Es gibt kaum noch glaubhafte Vaterfiguren. Das Bild des Vaters ist vergiftet worden, zuerst durch die Industrialisierung, in der der Mann zur Wirtschaftsware wurde, später durch das preußische Soldatentum und den nationalsozialistischen Vernichtungsvater. Das heutige Problem ist der abwesende Vater.

Was müssten Väter tun, um zu einem guten Vorbild zu werden?

Franz Emotional präsent sein, Zeit haben und ihre Kinder und besonders ihre Jungen ermutigen, sich auszuprobieren.

OLIVER BURWIG FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)
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