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Utopie von Thomas Morus

Düsseldorf : Utopia ist da, wo die Vernunft regiert

Der englische Staatsmann, Humanist und Schriftsteller Thomas Morus hat seinen Roman "Utopia" vor genau 500 Jahren veröffentlicht. Darin schwärmt der Seemann Raphael Hythlodäus von seinem Besuch in Utopien, einem perfekten Staat. Was würde ein Reisender heutzutage über uns berichten?Wie real sind frühere Utopien geworden?

Die Insel der Utopier erstreckt sich über 200 Meilen. Ihre Städte sind weitläufig und prachtvoll. Alle Bewohner sprechen dieselbe Sprache. Alle besitzen alles. Es gibt weder Geld noch Macht. Es sind die Weisen, die jährlich zusammenkommen und Angelegenheiten regeln. Und das Miteinander der Utopier beruht auf dem Gemeinwohl. So berichtet es der Seemann Raphael Hytholdäus in "Utopia - Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia".

Thomas Morus' Roman "Utopia" wurde erstmals 1516 im belgischen Leuven gedruckt. Morus betont darin die Idee des Reichtums der Allgemeinheit. Sein Text gab der gesamten Literatur-, Kunst- und Musikgattung Utopie ihren Namen. Und das, obwohl es den Traum von einer perfekten Gesellschaft schon weit vor Thomas Morus gab. Und dabei sah er noch ganz anders aus.

Der griechische Philosoph Plato hatte sich Gedanken gemacht. Bereits 380 vor Christus war das, als er den gerechten Staat im Pseudo-Dialog "Die Republik" - in Form einer griechischen "polis" (Stadt) - beschrieb. Ein Ort, an dem der Zweck alle Mittel heiligt. Ein Ort, aufgebaut wie ein totalitärer Staat, an dem Unterdrückung und Überwachung herrschen. Krieg und Krankheit sind natürliche Selektoren. Ganz anders als in der Vorstellung von Morus. Was also ist nun eine Utopie?

Das Wort bedeutet "Nicht-Ort". Es steht für eine fantastische Idee, die in der Realität kaum umsetzbar scheint. Thomas Morus schrieb "Utopia" im Zeitalter der Entdeckungsreisen. In seinem Roman, der eigentlich ein Reisebericht ist, nutzt Morus den Seemann Raphael Hythlodäus als Sprachorgan, um ihn erzählen zu lassen. Und zeichnet dabei ein Bild, das dem des damaligen Englands unter Henry VIII. vollkommen widerspricht. Morus übt Systemkritik, ohne sie direkt zu äußern. Seine Utopie ist ein Spiegelbild seiner Bedürfnisse und für sein Konzept von Vernunft.

In Utopia üben jeder Mann und jede Frau ein Handwerk aus. Sie versklaven Verbrecher und Ehebrecher und lassen sie für sich arbeiten. Über die Zeit zwischen Arbeit und Schlaf verfügt jeder nach seinem Belieben. Nicht etwa, um zu faulenzen, sondern um die Zeit nutzbringend zu verwenden. "Die meisten treiben in diesen Pausen literarische Studien", berichtet Raphael Hythlodäus. Die Utopier schätzen die geistigen Vergnügen: "Sie halten sie für die ersten und wesentlichsten von allen." Essen, Trinken und körperliche Vergnügen sind erstrebenswert, sie dienen aber allein der Gesundheit. Das soziale Gefüge ist ebenfalls geregelt: Der Älteste ist das Oberhaupt der Familie. Frauen dienen ihren Männern, die Kinder ihren Eltern, die Jüngeren den Älteren. Alle Waren sind in Speichern gelagert, aus denen jeder Familienvater so viel nehmen kann, wie er eben benötigt. Weil keine Angst vor Mangel existiert, gibt es auch keine Habsucht oder Rache: "Durch Prahlen mit überflüssigen Dingen die anderen zu übertreffen; für diese Art Fehler ist in den Einrichtungen der Utopier überhaupt kein Platz", sagt Hythlodäus. Krieg verabscheuen die Utopier ohnehin - aus Menschenliebe.

Ihre religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Städten der Insel, sondern auch in den Stadtteilen verschieden. Die einen verehren die Sonne, die anderen den Mond, wieder andere beten Planeten an. Aber: "Der weit größte und zugleich weitaus klügere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches göttliches Wesen."

Thomas Morus antizipiert, dass der Leser gegen einige dieser Ideen sprechen, gar protestieren würde. An anderer Stelle wiederum macht er sich die "captatio benevolentiae" zu Nutze: Er erhascht das Wohlwollen des Lesers, etwa wenn es um das soziale Miteinander in Utopia geht. Wie viel Ironie Morus allerdings beabsichtigt, ist noch heute fraglich. So schließt er nach 13 Kapiteln mit dem reichlich mehrdeutigen Fazit, dass er die utopischen Ideen gerne in England sähe: "Allerdings muss ich das wohl mehr wünschen, als dass ich es hoffen dürfte."

500 Jahre später hat sich diese Welt nicht realisiert. Was ließe Morus einen Reisenden über uns berichten? Er könnte davon berichten, dass die Gemeinschaft bröckelt. Der Brexit auf politischer Ebene, die Massenzuwanderung auf gesellschaftlicher Ebene, Bankenkrisen auf wirtschaftlicher und der Rückzug ins Private auf persönlicher Ebene. Begriffe wie Gemeinwohl, Respekt und Nächstenliebe stehen infrage, die für Thomas Morus offensichtlich fundamental für das Zusammenleben waren.

Er könnte aber auch von der Demokratie erzählen. Davon, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Würde des Menschen unantastbar ist. Wo jeder alleine oder im Schutze der Familie sein Glück suchen kann, wo Freiheit, Gleichheit und Privatsphäre keine Fremdwörter sind. Gerade in dieser spannenden Zeit: So pluralistisch war unsere Gesellschaft nie zuvor. Beste Voraussetzung dafür, über neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe nachzudenken und unsere Gesellschaft ganz nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Ein Fremder müsste wohl berichten: Es ist noch viel zu tun.

Paradox daran ist, dass genau das die wahre Utopie ausmacht. Sie ist nicht dazu gedacht, eins zu eins umgesetzt zu werden. Utopien sind unser Ansporn. Es ist ihr ewiges Dilemma, dass es sie nicht geben kann. Sie sind eigentlich bereits damit erfüllt, dass wir in Gedanken und mit unserem Handeln zwischen Traum und Realität wanken. Die Gedanken sind frei, wer kann sie schon erraten?

Karl Marx beispielsweise hat es ja versucht mit einem Fundament sozialistischer Ideen. Die Umsetzung scheiterte, weil es eine Variable gibt, an der alle bisherigen Vorstellungen der Utopie gescheitert sind: Es ist die Variable "Mensch". Stephen Hawking formulierte es so: "Die Utopie ist aufgrund menschlichen Versagens nicht ausführbar."

Es bleibt dann zu klären, wer die Fragen nach der gesellschaftlichen Teilhabe stellt. Die Literaten haben sich zurückgezogen: Im 20. Jahrhundert hat sich das Pendant, die "Dystopie", durchgesetzt. Von der Angst vor Technologie und Überwachung sind "1984" von George Orwell oder "Brave New World" von Aldous Huxley geleitet.

Utopische Literatur gibt es kaum noch. Und das ist schon wieder unerwartet. Denn die Idee der Utopie selbst ist unsterblich. Entweder sie verwirklicht sich. Oder sie fällt zusammen - und entsteht dadurch gar neu, wie ein Phönix aus der Asche.

(ball)