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Köln: "Unser tägliches Brot gib uns heute"

Köln : "Unser tägliches Brot gib uns heute"

Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki über eines der ältesten Nahrungsmittel der Menschheit und dessen christliche Bedeutung in der Eucharistie.

Brot zählt zu den ältesten Grundnahrungsmitteln. Seine Entstehung verdankt sich dem gewachsenen Korn und der menschlichen Arbeit. Für beides gilt es immer wieder Dank zu sagen, weil es nicht selbstverständlich ist. Diese Dankbarkeit zeigt sich mancherorts dadurch, dass am Erntedankfest ein "Gott-sei-Dank-Brot" gebacken wird. Bäcker ritzen dazu ein Kreuz in das Brot und wollen damit Gott dafür danken, dass er uns schenkt, was wir zum Leben brauchen.

Als Erzbischof von Berlin freue ich mich, beim Eucharistischen Kongress – der vom 5. bis 9. Juni in Köln stattfinden wird – an unserem Bistumsstand Brot anzubieten. Es ist ein einfaches Brot, das sehr lecker schmeckt, und sich leicht teilen lässt. Es heißt "Hedwigs-Brot" und das aus gutem Grund: Die heilige Hedwig von Schlesien ist die Patronin der Berliner Bischofskirche; eine starke Frau des Mittelalters. Hedwig verstand ihr Amt als Herzogin politisch. Sie stand ihrem Ehemann beratend zur Seite, kümmerte sich um die Gerichtsbarkeit und förderte das Handwerk.

Zugleich sorgte sie sich im Geiste der Caritas um sozial Benachteiligte. Sie richtete ein Hospital für aussätzige Frauen ein, gründete Herbergen für Obdachlose, verteilte während einer Hungersnot Lebensmittel. Hedwig war zudem eine Mystikerin. Sie verehrte Jesus Christus, fühlte sich liebend zu ihm hingezogen, besonders in dem Brot der Eucharistie, dem Leib Christi.

Für mich ist Hedwig von Schlesien eine wichtige Wegweiserin, nicht nur für ein soziales Engagement, sondern für eine geistliche Erneuerung unserer Gesellschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die vertriebenen katholischen Schlesier die Hedwigs-Verehrung mit in ihre neuen Pfarrgemeinden. Heute gilt die heilige Hedwig auch als Patronin der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen.

Im "Vater unser" beten wir Christen "Unser tägliches Brot gib uns heute". Für die meisten von uns ist das tägliche Brot selbstverständlich und oft ein Überfluss. Es gibt aber auch in unserer Gesellschaft Menschen, die gehen "containern": Sie suchen in den Abfallcontainern der Supermärkte nach Essbarem, um ihr tägliches Brot zu haben.

Wenn wir am Berliner Bistumsstand beim Eucharistischen Kongress in Köln das "Hedwigs-Brot" anbieten, dann wollen wir damit Zeichen setzen: Beim Brechen und Teilen des Brotes sollen Menschen in Kontakt miteinander kommen, die sich vorher nicht kannten. Vielleicht ergibt sich aus dieser Geste ein Gespräch, ein Austausch, eine Freundschaft – wer weiß?

Der Erlös des "Hedwigs-Brots" kommt zur Hälfte dem "Kindermittagstisch" der Caritas zugute: Mehr als 4000 Mädchen und Jungen müssen in Berlin und Brandenburg morgens ohne Frühstück zur Schule, im Unterricht knurrt der Magen. Doch wer Hunger hat, kann sich nicht auf Mathe und Hausaufgaben konzentrieren. Deshalb bieten die Jugendhäuser der Caritas in Berlin-Lichtenberg und der Club am Trauerberg in Brandenburg an der Havel den Kindern eine warme Mahlzeit.

Die zweite Hälfte der Spenden für das "Hedwigs-Brot" wird für die Sanierung der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale verwendet. Die Hedwigs-Kathedrale ist der Ort, wo das Brot bei der Eucharistiefeier gebrochen wird, der Leib Christi.

Wie für die heilige Hedwig ist die Feier der Eucharistie für uns Katholiken wichtiger Ausdruck der engen Beziehung zu Christus. Das griechische Wort eucharistia wird heute mit Danksagung wiedergegeben. Das Gefühl der Dankbarkeit ist wichtig. Dankbarkeit ist eine Grundhaltung im Leben von Menschen, die erkannt haben, dass sie ihre Existenz anderen verdanken; den Eltern zum Beispiel und letztlich Gott als dem Urheber allen Lebens.

Diese Grundverwiesenheit zum Ausdruck zu bringen, darum geht es bei der Eucharistie als Danksagung – die Botschaft lautet: Mein Leben verdankt sich Gott. Und er ist bei mir auch dann, wenn ich ihn nicht spüre, wenn ich einsam und verlassen bin, wenn ich Leid und Kummer habe und die mich bedrücken. Gott sei Dank – auch in meiner Not. Davon war auch die heilige Hedwig stets überzeugt.

Ich komme zum Eucharistischen Kongress nicht nur als Erzbischof von Berlin. Ich komme auch zurück in meine Heimatstadt, ins Erzbistum Köln, in dem ich aufgewachsen bin, für das ich als Priester und Weihbischof viele Jahre arbeiten durfte. Deshalb freue ich mich sehr auch doppelt auf die Tage in Köln. Vielleicht sehen wir uns ja bei den Katechesen, Gottesdiensten, in einer Ausstellung oder auch am Stand des Erzbistums Berlin am Kölner Neumarkt, um unser "Hedwigs-Brot" teilen zu können und Dank zu sagen.

(RP)