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Ulrich Beck: Der "Risikogesellschaft"-Erfinder ist gestorben

Düsseldorf : Der Erklärer der Gegenwart

Ulrich Beck war einer der prominentesten deutschen Soziologen - und vermutlich der meistgelesene. Er prägte in den 80er Jahren den Begriff der "Risikogesellschaft" und nannte Angela Merkel "Merkiavelli". Nun ist er 70-jährig gestorben.

Viele Wissenschaftler können die Welt verstehen, aber nur wenige schaffen es, sie zu erklären - Ulrich Beck war einer davon. Der Soziologe mochte nicht bloß Fachwissenschaftler sein, er konnte seine Lust an der Gegenwart nicht verbergen, seine Emphase den Dingen gegenüber, die ihn umgaben. Deshalb schrieb er über die Europäische Union ebenso wie über romantische Fernbeziehungen, über die Digitalisierung ebenso wie über das Konsumverhalten im Kapitalismus. Das hat ihm unter akademischen Kollegen einiges Naserümpfen eingebracht. Beck galt ihnen als zu wenig analytisch und nicht theoretisch genug. Die Leser hingegen dankten es ihm, seine Bücher wurden Bestseller. Vielleicht kann man sogar sagen, Ulrich Beck war der meistgelesene und bestverstandene Soziologe der Gegenwart.

Mitte der 80er Jahre war er plötzlich da. Kurz nach der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl erschien das Buch, das er zwar zuvor bereits geschrieben hatte, das nun aber den Begriff zur Lage lieferte und ihn berühmt machte: "Risikogesellschaft". Beck war ja überhaupt jemand, der die Gegenwart mit treffenden Vokabeln versorgte: die "Risikogesellschaft" erweiterte er zur "Weltrisikogesellschaft", unsere Zeit bezeichnete er als "zweite Moderne", und die Europa-Politikerin Angela Merkel nannte er - ebenso respektvoll wie mokant - "Merkiavelli".

Beck hatte drei Lebensthemen. Das eine breitete er in der "Risikogesellschaft" aus: Die Unberechenbarkeit sei das andere Gesicht der Moderne. Wir können das riskante Leben nicht vermeiden, schrieb Beck, wir müssen uns vielmehr darin einrichten und es zu kalkulieren wissen. Diese Ambivalenz ist das, was er als "Zweite Moderne" oder "reflexive Moderne" bezeichnete. Ihm ging es eben nicht mehr um die klassischen Konflikte der Soziologie, um Kapital versus Arbeit etwa, sondern um die negativen Folgen unseres Lebens und seiner Infrastruktur, um Terrorismus, um ökologische, naturwissenschaftliche, medizinische und politische Begleiterscheinungen.

Das zweite Thema war seine Theorie der Individualisierung. Er empfahl den Parteien, nicht mehr auf Modelle wie die Vier-Personen-Familie zu setzen, sondern auf Individuen, die freier leben, sich Partner für bestimmte Lebensabschnitte suchen und sich zwar einer Nation zugehörig fühlen, aber auf keinen Ort festzulegen sind. Europa, und das ist das letzte große Thema Becks, sei dabei die erste Antwort auf die internationalisierte Gesellschaft. Das Konstrukt Europa sei der ideale Ort für diese neuen Menschen mit ihren "Bastelbiografien", allerdings dürfe es nicht zu einem "deutschen Europa" werden.

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Der in Hannover aufgewachsene Beck schrieb für ein urbanes, weltoffenes Publikum, und seine Texte hatten nicht die klassische Form des deutschen Wissenschafts-Aufsatzes. Er orientierte sich am Essay angloamerikanischer Tradition. Deren Autoren greifen aktuelle Phänomene auf, sie pflegen eigene Befindlichkeiten ein, gehen von sich selbst aus. Beck lehrte denn auch nicht nur in München, sondern auch in Paris und an der London School Of Economics. In der englischen Hauptstadt traf er sich oft mit Anthony Giddens. Der Soziologe, der den Begriff des "dritten Weges" prägte für eine Sozialdemokratie, die sich den Folgen des Marktes anpasst, war ein Geistesverwandter. Man kann sich vorstellen, wie sie gemeinsam Zeitung lasen, über das sprachen, was passierte, und ihre Ideen entwickelten über das, was sich daraus zu ergeben habe.

Denn das war der große Vorzug der Texte von Ulrich Beck: Sie machten Lust auf die Zukunft. Er war kein Mahner, sondern bei aller Analytik durchaus ein Schwärmer. Er versuchte, die Menschen dabei zu unterstützen, sich in der globalisierten Unsicherheit selbst zu behaupten, auf dass die Gesellschaft sich zwar internationalisiere, aber nicht atomisiere.

Zu den anregendsten Büchern gehören insofern die Bände, die er mit seiner Ehefrau Elisabeth Beck-Gernsheim vorlegte, die ebenfalls Soziologin ist. "Fernliebe" heißt eines, und es ist faszinierend zu sehen, wie elegant Beck seine Thesen entwickelt, wie einfach er beginnt, und wie heiter und charmant er schreibt. Zu Beginn des Textes gibt er eine Zeitungsmeldung wieder, derzufolge sich der Boxer Wladimir Klitschko aus Hamburg von seiner Freundin, der Schauspielerin Hayden Panetiere aus L. A., getrennt habe, weil die Entfernung zwischen den Wohnorten doch zu groß sei. Dann schneidet Beck die Meldung dagegen, dass Microsoft den Internettelefon-Anbieter Skype für eine Rekordsumme gekauft habe, und allein diese Meldung zeige, wie doof das Argument Klitschkos für das Ende der Beziehung sei. Denn zum "globalen Chaos der Liebe" gehöre auch "die Tragödie der skype-gestützen Fernbeziehung". Beck prägte hier den Begriff "Weltfamilie", und darin schwingt Zuversicht mit. Alles war wichtig und war miteinander in Einklang zu bringen.

Nun ist der Gegenwart-Erklärer gestorben. Wie am Wochenende bekannt wurde, erlag der 70-Jährige am 1. Januar einem Herzinfarkt.

(RP)