Wuppertal: Udo, Erich und "Gitarren statt Knarren"

Wuppertal: Udo, Erich und "Gitarren statt Knarren"

Zwei Welten prallen aufeinander, als Rockmusiker Udo Lindenberg SED-Chef Erich Honecker am 9. September 1987 vor dem Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal eine Gitarre überreicht. Freunde werden die beiden deshalb aber nicht.

Beinahe staatsmännisch wirkt Udo Lindenberg, trägt Krawatte zum dunklen Nadelstreifenanzug. Sieht man von seinem Hut und der schulterlangen Haarpracht ab, unterscheidet ihn wenig von seinem Gegenüber. Auch der ist förmlich gekleidet, der Anzug nur eine Spur gesetzter. Doch zwischen dem als "Panikrocker" bekannten Musiker Udo Lindenberg und dem SED-Chef Erich Honecker liegen nicht nur zwei völlig unterschiedliche ideologische Systeme, sondern eine komplett gegensätzliche Weltanschauung. Ausgerechnet vor dem Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal stoßen diese Welten am 9. September 1987 aufeinander: An diesem Tag übergibt Lindenberg dem Staatschef eine E-Gitarre, auf die der Musiker den Slogan "Gitarren statt Knarren" gepinselt hat. Für Honecker ist dieser Tag sowohl ein Tiefpunkt seines Besuches im Westen als auch in seiner wechselhaften Beziehung zum schnodderigen, aber durchaus politisch ambitionierten Rock-Rebellen. Denn Lindenberg glaubt, sagt viele Jahre später sein Freund, der Musikveranstalter Fritz Rau, "als einer von wenigen Menschen in Deutschland ernsthaft an eine Wiedervereinigung".

Auch deshalb buhlt der Sänger bereits seit Jahren wieder um eine "Jodel-Lizenz" in der DDR – Lindenberg-Sprech für eine Auftrittsgenehmigung. Erfolglos. Denn trotz einiger weniger höflicher Worte bewirkt auch die Begegnung des SED-Chefs mit dem Musiker vor dem Friedrich-Engels-Haus in dieser Sache nichts. Zu unvereinbar ist Lindenbergs große Klappe mit Honeckers ideologischer Halsstarrigkeit. "Oberindianer El Steifo", wie der Rocker ihn gerne nennt, hat Sorge, die DDR-Jugend mit dem Freiheitsvirus des subversiven Deutsch-Rock'n'Roll zu infizieren.

Denn einmal wäre es fast um den sozialistischen Nachwuchs geschehen gewesen. Am 25. Oktober 1983 durfte Lindenberg sein Liedgut im Ostberliner Palast der Republik verbreiten. Dem vorausgegangen war eine beispiellose Charme-Offensive Lindenberg'scher Prägung. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen um ein Konzert im Osten hatte der westdeutsche Rock-Star im Februar 1983 den Song "Sonderzug nach Pankow" veröffentlicht, getextet auf die Melodie des in der DDR verbotenen Swing-Standards "Chattanooga Choo Choo" von Glenn Miller. Als wäre dies nicht alleine Provokation genug, dichtete Lindenberg: "Ich weiß genau, ich habe furchtbar viele Freunde/in der DDR und stündlich werden es mehr/och Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat/warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?"

Die Stasi legte daraufhin erstmal eine Akte über die "Täterpersönlichkeit" Lindenbergs an, das Lied wurde als "vorsätzlich öffentlich begangene Beleidigung" bewertet. Dem Erfolg in der DDR tat das natürlich keinen Abbruch. In der heimlichen Hitparade des Landes schob sich Lindenberg auf den ersten Platz – gefolgt von Glenn Millers Original. Lindenberg erzählte öffentlich, er erhalte täglich eine Kiste Fanpost von drüben, immer mehr DDR-Jugendliche wünschten sich den Sänger im eigenen Land. Tatsächlich bewegte sich der SED-Apparat und lud den so lange verschmähten Sänger noch im selben Jahr zum "Rock für den Frieden" in den Palast der Republik, gemeinsam mit dem US-Star Harry Belafonte. So schaffte es der Panikrocker auf eine Ost-Bühne – und erfüllte aus Sicht des SED-Kaders die schlimmsten Erwartungen. "Wir spielen hier heute Abend für den Frieden und für alle Menschen in der DDR", sagte Lindenberg während des Konzerts, das live im Fernsehen übertragen wurde. "Ich finde das total gut, dass wir jetzt hier sind, denn die Menschen im Westen wie im Osten wollen dasselbe. Sie wollen Frieden und keinen heißen Krieg. Aber sie wollen auch keinen kalten Krieg und keine deutsch-deutsche Eiszeit." Der unterschriebene Tourneevertrag in Lindenbergs Tasche war damit wertlos. Fortan versuchte "der kleine Udo" den "Oberindianer" davon zu überzeugen, dass er es nicht böse gemeint habe – bis zum Aufeinandertreffen der beiden vier Jahre nach dem Konzert vor dem Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal.

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Zu den kuriosen Höhepunkten dieser an sich schon absonderlichen Beziehungsgeschichte zählte auch der Austausch von Geschenken. So schickte Lindenberg 1987 eine Lederjacke an Honecker und schrieb dazu: "Müsst ihr da allmählich nicht mal was lernen über Rockmusik und Lebensgefühl?" Der SED-Chef antwortete ungewohnt launig: "Natürlich ist das Äußere Geschmackssache, aber was die Jacke selbst betrifft: Sie passt." Auch mit dem Gegengeschenk bewies der Jung-Trommler im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes durchaus Humor. Honecker schickte Lindenberg eine Schalmei.

Zu einem Ständchen kommt es dann nicht, sondern nur zur Übergabe der, so Lindenberg "nicht ganz billigen" Gitarre. Honecker bedankt sich bei Lindenberg und verspricht ihm wenig überzeugend ein Wiedersehen in der DDR, zu dem es nicht mehr kommt, weil der Arbeiter- und Bauernstaat drei Jahre später Geschichte ist. Wuppertals damalige Oberbürgermeisterin Ursula Kraus und der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau werden Zeugen des Austauschs.

Nach der Begegnung kühlt das Verhältnis zwischen Lindenberg und Honecker so schnell ab, wie der Stern des real existierenden Sozialismus sinkt. Als Fußnote sei das Schicksal der grenzüberschreitenden Geschenke erwähnt. Honecker ließ die Lederjacke zugunsten der Dritten Welt versteigern, die FDJ-Betriebsorganisation VEB Jugendmode in Rostock bezahlte dafür 7500 Mark. Lindenberg schmiss die Schalmei, wie er später erzählte, 1990 auf den Müll. Es war sein letztes, deutliches Statement zu "Honey" und dessen Staatsverständnis.

Am Samstag lesen Sie: Reichspräsident Hindenburg in Koblenz.

(RP)
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