Geheimnisvolle Orte (3): Thomas Mann besucht Schloss Benrath

Geheimnisvolle Orte (3) : Thomas Mann besucht Schloss Benrath

Von Köln ist der Großschriftsteller auf seiner Lesereise ins Rheinland bitter enttäuscht, an Düsseldorf hat er dagegen sein Herz verloren – zumindest an einen jungen Düsseldorfer, in den er sich fast 30 Jahre zuvor verliebt hat.

Von Köln ist der Großschriftsteller auf seiner Lesereise ins Rheinland bitter enttäuscht, an Düsseldorf hat er dagegen sein Herz verloren — zumindest an einen jungen Düsseldorfer, in den er sich fast 30 Jahre zuvor verliebt hat.

Düsseldorf Und wäre Goethe persönlich erschienen — die Düsseldorfer hätten ihn nicht prächtiger empfangen können, als sie es mit Thomas Mann an diesem 26. August 1954 tun. "Weit festlicher und reicher als der Kölner" sei sein Düsseldorfer Aufenthalt gewesen, notiert der 79-Jährige denn auch zufrieden. Eine Arbeitsgemeinschaft kultureller Organisationen hat ihn eingeladen. Er residiert mit seiner Frau Katia im Breidenbacher Hof, das Honorar für seinen Auftritt beträgt 2000 Mark. Was in Düsseldorf Rang und Namen hat, versammelt sich an diesem Abend im Robert-Schumann-Saal.

Selbstredend liest Thomas Mann nicht bloß. Thomas Mann tritt auf. Im Smoking. Der Saal ist hoffnungslos überfüllt. Mann trägt aus seinem unvollendeten "Felix Krull" die Episoden "Reise nach Paris" und den "Besuch im Zirkus" vor. Er ist schauspielerisch in Höchstform. "Großes Beifallsfest, immer wiederholte Rückkehr, Blumen-Überreichungen. Autogramm-Plage", registriert der Großschriftsteller die ihm angemessen erscheinende Huldigung. Zwei Abende zuvor hat er in Köln das Gegenteil erlebt: "Kein Abgang und Wiederkehr, nicht Theater genug, was mir nie gefällt", tadelt Thomas Mann im Tagebuch.

Köln ist eine Zumutung. Der Dom ist zu großen Teilen eine Baustelle, die Besichtigung eine Enttäuschung. Die Manns bleiben auf ihrem Zimmer im Dom-Hotel. Dort zieht es. Die Lesung am 24. August im großen Hörsaal der Kölner Universität findet vor Teilnehmern eines "internationalen Ferienkurses" statt. Die "Kölnische Rundschau" führt in ihrem Bericht als Publikum neben Kölner Honoratioren "jüngere und ältere Studierende aus den verschiedensten Ländern, mit allen erdenklichen Hautschattierungen, darunter Neger, Inder, Perser, z.T. mit Turbanen und in Nationaltracht" auf. Am nächsten Tag erscheint eine Gruppe der Studenten im Hotel und will mit Mann über seinen Text diskutieren — das ist nicht seine Welt. Da liegt ihm Düsseldorf weit näher: zu seinen Füßen.

  • Geheimnisvolle Orte (3) : Puzzlen und Gewinnen
  • Geheimnisvolle Orte (3) : Der Düsseldorf-Roman über Thomas Mann
  • Geheimnisvolle Orte (3) : Gastro-Tipp: Café, Malkasten und Breidenbacher Hof

In Düsseldorf wartet man dem Nobelpreisträger nach der Lesung mit einem "Empfang und Souper" im Malkasten auf. Auf ein begeistertes Lob der Witwe des Dichters Herbert Eulenberg notiert die "Rheinische Post" als Erwiderung Thomas Manns: "Ich habe mich nie für einen großen Mann gehalten. Ich habe mein Leben verbracht im Aufblick zur Größe und zum Meisterhaften, und ich habe dabei aus Liebe und Bewunderung gelernt."

Er sagt das ohne jeden Anflug von Ironie. Und vor lauter Ergriffenheit lacht auch niemand. Am Rande des Empfangs trifft Thomas Mann Walter Heuser, den Direktor der Kunstakademie, und dessen Frau Mira. Der Autor erkundigt sich nach ihrem Sohn Klaus — seiner heimlichen, verbotenen Liebe. Klaus sei inzwischen in den 40ern und kehre demnächst nach 18 Jahren aus China zurück. Und er sei noch immer unverheiratet, erfährt Mann von dem "nicht recht angenehmen Vater".

Thomas Mann hat die Familie 1927 im Sommer-Urlaub in Kampen auf Sylt kennengelernt. Er ist 52 Jahre alt und verliebt sich in den 17-jährigen Klaus. Noch fünf Jahre später nennt er ihn im Tagebuch seine "nach menschlichem Ermessen (...) letzte Leidenschaft". Thomas Mann hat sich die Adresse der Heusers geben lassen. 1927 und 1929 führen seine Lese-Reisen nicht zufällig nach Düsseldorf: Es ist Klaus Heuser, nach dem er sich sehnt. Und er lädt ihn nach München zu sich nach Hause ein.

Er setzt ihm mindestens zwei literarische Denkmäler: Klaus Heuser fließt in die Gestaltung der Hauptfigur der Joseph-Romane ein, und die Einleitung seines Vortrags über Kleists Komödie "Amphitryon" im Oktober 1927 ist eine Liebeserklärung an den jungen Düsseldorfer. Thomas Mann schwelgt in dieser Liebe — und macht nicht einmal gegenüber seinen Kindern Klaus und Erika einen Hehl daraus. "Ich nenne ihn Du und habe ihn beim Abschied mit seiner ausdrücklichen Zustimmung ans Herz gedrückt", schreibt er in einem Brief an seine Kinder. Und vielsagend heißt es weiter: "Die geheimen und fast lautlosen Abenteuer des Lebens sind wirklich die größten."

Thomas Mann erinnert sich später an Küsse und ergeht sich in ewiger Dankbarkeit für die "unverhoffte Erfüllung". Es spricht viel dafür, dass Mann — wie so häufig — seine Einbildung für wirklicher nimmt als die Realität.

Düsseldorf ist Thomas Mann bereits vor seiner Liebe zu Klaus Heuser vertraut. 1903 besucht er seine Schwester Carla, die als Schauspielerin am Stadttheater engagiert ist, 1911 und 1920 kommt er zu weiteren Besuchen. Im Juni 1954 überbietet sich Düsseldorf für Mann. Am Morgen nach der Lesung besucht er die Schrobsdorff'sche Buchhandlung auf der Königsallee mit einer besonderen Präsentation seiner Bücher, danach führt NRW-Kultusminister Werner Schütz die Manns persönlich durch eine Ausstellung im Kunstverein.

Dann geht es zum Schloss Benrath, das unter dem Namen "Schloss Holterhof" einer der Schauplätze in Manns letzter Erzählung "Die Betrogene" ist. Den Stoff der Erzählung, die bei den Literaturkritikern wenig Anklang findet (zu gestelzt ihr Stil, selbst für Mann zu gewollt Mann-haft ihre triefende Symbolik), hat er bei Katia am Frühstückstisch aufgeschnappt und vorsichtshalber von München nach Düsseldorf verlegt: Offizierswitwe verliebt sich in jungen Mann, spürt ihren Körper wieder erblühen, missdeutet eine Blutung und stirbt an Krebs.

Die Arbeitsweise an der Düsseldorf-Erzählung ist typisch für Mann: Er nimmt einen Stoff aus der Wirklichkeit (seine Kritiker halten ihn nicht für übertrieben fantasievoll), unterzieht ihn einer Neu-Montage und überformt das Ganze erzählerisch. Aus Düsseldorf lässt er sich umfangreiches Material schicken, da er mit der Arbeit noch 1951 in den USA beginnt. In einem Merian-Heft findet er Schilderungen von Schloss Benrath aus einem älteren Roman, die er verwendet. Daneben studiert er Stadtführer, Ansichtskarten, die Fahrpläne von Schiffen und Straßenbahnen sowie eine Liste rheinischer Redewendungen.

Am 27. August 1954 sieht Thomas Mann Schloss Benrath dann zum ersten Mal, wo in seiner Erzählung eine morbide Liebesszene in verborgenen Gängen spielt. Es geht durch den Kuppelsaal, die beiden Gartensäle und einige Zimmer im Erdgeschoss. Den Tee gibt es anschließend in der Innenstadt beim Minister. Werner Schütz notiert später: "Es war vergnüglich zu sehen, dass das Ehepaar heiteren Lebensgenüssen wie einer guter Tasse Tee, einem geschmackvoll servierten Wurstbrötchen und ähnlichen Dingen nicht abgeneigt ist."

Um 22 Uhr geht es dann mit dem Nachtzug nach Zürich zurück. Thomas Mann ist längst nicht mehr der, den er darstellt. In einem Brief schreibt er kurz darauf: "Für das früher Getane mich feiern zu lassen, wie jetzt in Düsseldorf, ist eher beschämend als ermutigend und hat etwas von Betrug."

Die nächste Folge erscheint am Dienstag, 30. Juli: Der erste Ruhrort- "Tatort"

(RP)