Geheimagentur: Theater Oberhausen jetzt mit Wettbüro

Geheimagentur : Theater Oberhausen jetzt mit Wettbüro

Bürger können auf schönes Wetter oder die Entschuldung ihrer Stadt wetten.

Oberhausen Die Geheimagentur ist ein Künstlerkollektiv, dessen Mitglieder anonym bleiben. Die Gruppe inszeniert Situationen, die erst wie Fiktion erscheinen, sich dann aber als real herausstellen. So hat die Geheimagentur am Theater Oberhausen eine Schwarzbank gegründet, Kohle ausgegeben und der Stadt damit eine neue Währung beschert. Nun gründet das Kollektiv dort ein Wettbüro, in dem die Bürger Wetten auf die Zukunft abschließen können – etwa darauf, dass Oberhausen morgen schuldenfrei sein wird. Auch Nicht-Oberhausener sind willkommen.

Warum bleiben die Mitglieder der Geheimagentur anonym?

Geheimagentur Unsere Projekte sind so angelegt, dass sich im Laufe der Arbeit immer mehr Menschen daran beteiligen können. Wir verfolgen die Open-Source-Idee, erheben also keinen Urheber-Anspruch auf unsere Ideen, sondern möchten, dass möglichst viele mitmachen und unser Label nutzen können.

Was für ein Wettbüro eröffnen Sie am Samstag im Oberhausener Hauptbahnhof?

Geheimagentur Normalerweise wettet man ja auf bekannte Ereignisse, etwa das Ergebnis eines Pferderennens. In unserem Büro denken sich die Gäste das Ereignis, auf das sie wetten wollen, selbst erst aus. Wir halten dagegen. Jemand könnte also wetten, dass am nächsten Tag in Oberhausen kein Geldkoffer gefunden wird mit 500 Euro darin. Dann müssten wir uns überlegen, wie das geschehen könnte. Zeit anhalten, Schwerkraft auflösen, 25 Stunden Geburtstag haben, endlich mit dem Nachbarn versöhnen, auch solche Unwahrscheinlichkeiten sind möglich. Wir legen gemeinsam fest, wann und wie eine Wette als gewonnen und welche Gewinnquote gilt. Es geht tatsächlich um Geld, wir haben vom Theater 5000 Euro bekommen, die sind im Topf.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Geheimagentur Uns interessiert der Mechanismus der Wette, dass das Unwahrscheinlichste den größten Gewinn verspricht. Anders als in anderen Formen der ökonomischen Spekulation geht es darum, wirklich etwas zu wagen. In unserem Fall kann die Wette aber wirklich etwas anstoßen, sie lenkt zumindest Aufmerksamkeit auf ein Thema. Etwa wenn man wettet, dass ein laufender Abschiebungsfall ausgesetzt wird. Außerdem wollen wir den Glauben installieren, dass Zukunft tatsächlich offen ist, dass man sie gestalten, dass man etwas verändern kann. Es geht in unserer politischen Wirklichkeit zu oft nur ums Weitermachen, da scheint Zukunft immer knapper zu werden. Wir wollen den Blick darauf lenken, dass auch Unwahrscheinliches geschehen kann.

Ist Ihr Wettbüro denn auch ein schummriges Lokal?

Geheimagentur Ja, daran arbeiten wir noch, die Fenster haben wir schon verdunkelt. Es gibt auch eine Theke im Wettbüro, da bekommt man auch einen Kaffee oder Cocktail und jeden Abend um 19 Uhr berichten wir allen Interessierten, was am Tag so gewettet worden ist. Es lohnt sich also, auch einfach vorbei zu kommen.

Ist das alles Theater?

Geheimagentur Das Ganze wäre ohne das Theater nicht möglich. Wir wollen es mit dem Wetter, der Zeit, Abschiebefällen aufnehmen. Dafür braucht man Ressourcen in einer Stadt, da ist das Theater unser wichtigster Helfer. Natürlich spielen wir auch wie das Theater mit Fiktion und Unwahrscheinlichkeiten.

Dann bleibt mir nur noch, darauf zu wetten, dass das kein gutes Projekt wird - oder?

Geheimagentur Ja, genau. (lacht) Da halten wir gern dagegen.

(RP)
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