"Teenie Leaks": Teenager erklären ihre Generation

"Teenie Leaks": Teenager erklären ihre Generation

In Büchern wie "Teenie Leaks" beschreiben Jugendliche ihr Leben zwischen Schulhof und Facebook - und inszenieren sich als neue Spezies.

Womöglich verstehen die Generationen einander nicht mehr. Das wäre zumindest eine Erklärung für eine neue Erscheinung auf dem Buchmarkt: Bekenntnisschreiben junger Menschen, Selbsterklärungsversuche heutiger Teenager - analog verfasst und verbreitet für die Generation Taschenbuch.

"Wer wir sind und was wir wollen - ein Digital Native erklärt seine Generation" heißt so ein Titel. Der Autor, Philipp Riederle, ist Jahrgang 1994. Er stammt aus dem Schwäbischen Burgau, ist als 14-Jähriger mit seinem Podcast "Mein iPhone und ich" bekannt geworden, hat inzwischen Abitur gemacht und hält nach eigenen Angaben zwei bis drei Mal pro Woche Vorträge vor Unternehmern, Marketing- oder Personalchefs oder vor "Organisationen, die die neue Welt verstehen lernen wollen". Ein anderer Autor hat sein Alter gleich wie eine Marke auf dem Cover seines Buchs platziert: Paul Bühre, 15. Er verkauft seine Innenansichten aus dem Teenager-Universum unter dem Titel "Teenie Leaks" und hat es damit auf Platz 4 der "Spiegel"-Bestsellerliste Sachbuch gebracht.

Bühre verspricht seinen Lesern zu verraten, "was Jugendliche wirklich denken, wenn sie nichts sagen" und legt mit seinem Titel nahe, die Welt von Teenagern sei so hermetisch wie die des amerikanischen Geheimdienstes. Wer die Jugend von heute verstehen will, braucht anscheinend das Wissen jugendlicher Whistleblower, schriftstellernder Teenager also, die ihre eigene Generation verpfeifen.

Tatsächlich sind die Reflexionen der neuen Jungautoren insofern spannend, als sie aus der Innenperspektive berichten, worüber sonst gern von außen geurteilt wird. Vor allem, was die Teenager über ihren Umgang mit den neuen Medien verraten, markiert gesellschaftliche Veränderungen, die sich in der jungen Generation nur deutlicher abzeichnen. 15-Jährige gehen in der Pause noch immer auf den Schulhof, doch spielen sie dort nicht mehr unbedingt Fußball, sondern bilden Halbkreise mit Smartphone in der Hand. Sie dauerkommunizieren über Nachrichtendienste wie WhatsApp oder gleich ganz per Foto über Kanäle wie Snapchat, und die Jungen haben ab der siebten Klasse mindestens schon einen Porno gesehen. Natürlich hat Youtube längst die alte Zwangsversorgung durch die Flimmerkiste abgelöst.

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Das Miteinander wird virtueller, man ist über künstliche Schnittstellen in Kontakt, tauscht sich öfter und schneller schriftlich und über Fotos aus. Dafür schwindet jene Körperlichkeit, die herrschte, als Jungen ihre Kräfte noch mit Fäusten maßen, statt sich gegenseitig ins Koma zu saufen. Auch die Sprache der Jugendlichen, die Bühre in kurzen Dialogen zitiert, ist unverwechselbar die seiner Generation. Das Verhalten aber folgt im Prinzip den alten Mustern in Rudeln, in denen die Rangordnung noch nicht fix ist.

Da ist es bemerkenswert, mit welcher Inbrunst die Jugendlichen selbst beteuern, von grundsätzlich anderem Schlag zu sein als all die vor ihnen Geborenen. Der Begriff des Digital Native, den etwa Philipp Riederle gern zur Selbstbeschreibung verwendet, macht das deutlich: Teenager empfinden sich als neue Spezies, weil sie ins digitale Zeitalter geboren wurden und die Möglichkeiten des Internets ohne Vorbehalte, ohne Bedenken, ohne Limit nutzen. Sie pochen auf ihre Computeraffinität, um sich von den Alten abzusetzen und greifen deren Skepsis auf, um sich als überlegen zu inszenieren. Doch vielleicht dient das alles nur dazu, eine Kluft zwischen den Generationen zu markieren, die nie kleiner war als heute, da Eltern versuchen, die Freunde ihrer Kinder zu sein. Und die zu beschäftigt sind mit Turbo-Abi und Facebook, um Rebellionen auszuhecken.

Ihre Bücher verraten jedenfalls, dass mit den modernen Mitteln des Digitalen nur die alten Kämpfe unter Peergroups ausgestragen werden. Bühre etwa beschreibt ausführlich, wie er versucht, sich zwischen den Cliquen und Splittergrüppchen in seiner Klasse sicher zu bewegen und dabei coole Haltung zu bewahren. Jugendliche probieren Identitäten aus, sie lernen in der Dynamik von Gruppen zu bestehen und sich eigene Netzwerke zu schaffen. Und irgendwann verlieben sie sich. Die neuen Medien geben all dem nur neue Form und Dynamik.

Die Leak-Bestseller aus der Teeniewelt erzählen also durchaus von gesellschaftlichem Wandel, vom Großwerden mit Helikoptereltern und dem Verlieben im Facebookalter. Zugleich sind sie aber erstaunlich brav. Philipp Riederle etwa schreibt so blasiert, pointiert - und altklug wie ein "Spiegel"-Kolumnist. Paul Bühre hat sein Buch nach dem Vorbild von Megabestsellern wie "Gregs Tagebuch" selbst illustriert. Entstanden ist sein Buch, weil er als Schülerpraktikant bei der "Zeit" mit einem Artikel über seine Jugend in Berlin einem Agenten aufgefallen ist. Die Jungautoren lassen sich erfolgreich zur Marke aufbauen, sie sind smart und eifrig und funktionieren bestens in der Vermarktungsmaschine der Erwachsenenwelt. Die muss sich also nicht fürchten vor den Digital Natives, die aus ihren vollvernetzten Kinderzimmern plaudern, sie hat sie sich längst einverleibt.

(RP)
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