Düsseldorf: Strahlung ist nur in der Nähe gefährlich

Düsseldorf: Strahlung ist nur in der Nähe gefährlich

Ein Abstand von 400 Metern zwischen Stromtrasse und Wohnbebauung gilt als sicherer Schutz vor elektromagnetischer Strahlung. Wichtig ist auch, dass der Leitungsbetreiber die Schwingungen synchronisiert.

In Deutschland werden 3800 Kilometer neue Hochspannungsleitungen gebaut. Mancherorts schüren die großen Masten die Angst vor einer wachsenden Gesundheitsgefahr durch elektromagnetische Felder: Elektrosmog. Was viele Menschen für ein unbekanntes Risiko halten, ist in Wirklichkeit ein gut untersuchtes Phänomen. Der Mensch ist täglich unzähligen elektrischen Feldern ausgesetzt. Hochspannungsleitungen, Transformatoren, Bahnlinien, Sendemasten, Handys und schnurlose Telefone, drahtlose Datenübertragung über WLAN, die Mikrowelle und der Föhn im Haushalt - sie alle produzieren elektromagnetische Felder.

Weltweit untersuchen Wissenschaftler deshalb den Zusammenhang zwischen Elektrosmog und Gesundheit. Sie liefern eine beruhigende Nachricht: Aufgrund der langjährigen Forschung halten es die Experten für immer weniger wahrscheinlich, dass eine Wechselwirkung mit negativen Folgen besteht. Aber ein Beweis, dass elektromagnetische Felder unschädlich sind, steht noch aus.

Einige Studien, die in den vergangenen Jahren für Aufregung gesorgt haben, wurden mittlerweile korrigiert. Ein bekanntes Beispiel ist der vermeintliche Anstieg von Leukämie-Erkrankungen bei Kindern, die in der Nähe von Hochspannungsleitungen leben. Forscher der britischen Elite-Universität Oxford hatten diesen Zusammenhang im Jahr 2005 postuliert, nachdem sie das nationale Krebsregister mit dem Verlauf der Überlandleitungen verglichen hatten. Sie verwendeten Daten aus den Jahren 1962 bis 1995 von Kindern aus England und Wales, deren Mütter zum Zeitpunkt der Geburt in einem Abstand von weniger als 600 Metern zu einer Hochspannungsleitung gelebt hatten.

Im Februar 2014 veröffentlichte das britische Team neue Ergebnisse der eigenen Studie, die es auf Schottland ausgeweitet hat und bis zum Jahr 2008 weiterführte. Mit der erweiterten Datenmenge verschwand die Häufung der Leukämie-Erkrankungen, die vor allem in den 1960er und 1970er Jahren beobachtet worden war. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Krebs und Strahlung gäbe, hätte dieser Effekt durch die Vergrößerung des Gebietes unverändert bleiben müssen. Die Forscher vermuten jetzt, dass andere Ursachen eine größere Rolle spielen, etwa die schwierige wirtschaftliche Situation der betroffenen Familien in dieser Zeit.

Solche Probleme mit der Reproduzierbarkeit dieser Studien kommen häufig vor. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat viele davon überprüft. Entweder war die Zahl der Teilnehmer viel zu gering oder die Betroffenen waren der Hochspannung in einem sehr geringen Abstand ausgesetzt, etwa weil sie als Arbeiter regelmäßig in deren unmittelbarer Nähe tätig waren. Doch dann sind die elektromagnetischen Felder viel intensiver als für gewöhnliche Wohnbebauung.

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Die Strahlung verringert sich im Quadrat zur Entfernung - wer den Abstand zur Strahlungsquelle verzehnfacht, erfährt nur noch ein Hundertstel der Kraft des Feldes. Deshalb gilt ein Abstand zwischen Stromtrasse und Wohnbebauung von 400 Metern als sicherer Schutz. Zudem spielt bei Hochspannungsleitungen die sogenannte Phasenbelegung eine wichtige Rolle. Der Wechselstrom in der Leitung schwingt in einer bestimmten Frequenz; wenn diese Schwingungen optimal synchronisiert werden, verringern sich die elektromagnetischen Felder erheblich.

Manche Menschen behaupten von sich, sie seien besonders sensitiv für Elektrosmog, und klagen über Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Unruhe oder eine andere Form des Kribbelns, wenn sie sich in Gegenwart elektrischer Felder wissen. "Tests haben allerdings gezeigt, dass Betroffene nicht unterscheiden konnten, ob sie tatsächlich elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind, und dass ihre Symptome genauso von einer Scheinexposition ausgelöst werden können wie von realer Strahlung", berichtet Michael Witthöft, der das Phänomen untersuchte. Der Psychologe an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz streitet nicht ab, dass die Symptome tatsächlich existieren. Er konnte sogar nachweisen, dass die mit Schmerz befassten Regionen des Gehirns während dieser Phase sehr aktiv sind. "Die Suggestion von Gesundheitsgefahren wirkt aller Wahrscheinlichkeit nach wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung", meint Witthöft. Wer sichergehen will, sollte die Belastung seiner Wohnung durch einen Fachmann messen lassen. Ein wesentliches Geheimnis der Angst vor Strahlung ist die fehlende Sichtbarkeit der Bedrohung. Diese beiden Beispiele zeigen die Schwierigkeit der Wissenschaft, beim Thema Elektrosmog zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Unstrittig und gut untersucht ist, dass ein externes elektromagnetisches Feld den menschlichen Körper beeinflusst. Es kann ein Wärmegefühl auslösen, wie eine Mikrowelle, in der Essen erhitzt wird. Wenn es groß genug ist, sorgt es dafür, dass der eigene Körperstrom verändert wird. Das weiß man von Untersuchungen wie beispielsweise dem EKG am Herzen und dem EEG am Gehirn. Energiearme Strahlung wird auch in verschiedenen Therapien eingesetzt.

Denkbar ist auch, dass sich bestimmte Kanäle in den Zellwänden öffnen können, weil der Körper dafür seinerseits elektrochemische Mechanismen verwendet. Dennoch sind die meisten Wissenschaftler überzeugt, dass es einen Grenzwert gibt, unter dem der Einfluss eines Feldes ohne Folgen bleibt. Als Beleg nennen sie zahlreiche Tierversuche und Studien mit Körperzellen unter dem Einfluss von elektromagnetischen Feldern unterschiedlicher Stärke.

(RP)
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