Berlin: Stammzellen als Modell für Krankheiten

Berlin: Stammzellen als Modell für Krankheiten

Die zwölf wichtigsten deutschen Forscher wollen Ergebnisse schneller für Patienten nutzbar machen.

Bei den deutschen Stammzellforschern ist die Aufbruchsstimmung deutlich zu spüren. Nicht nur die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen wächst seit Jahren, auch der Einsatz der Ergebnisse für die Patienten rückt näher. Ursprünglich sollten Stammzellen als Alleskönner im menschlichen Körper die Quelle für neues Gewebe bilden, erkrankte Zellen und ganze Organe ersetzen. Doch nun wird eine andere Anwendung wohl als erste im klinischen Einsatz sein: menschliche Zellen als Modell für Krankheiten.

In Berlin trafen sich deshalb gestern die zwölf renommiertesten deutschen Experten auf diesem Gebiet und gründeten das Deutsche Stammzellnetzwerk. Es soll Wissen in Deutschland bündeln und "strategische Fachgruppen aufbauen", wie es Gründungspräsident Oliver Brüstle von der Universität Bonn formuliert. Das Netzwerk will neben der Grundlagenforschung vor allem solche Projekte unterstützen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in Anwendungen beim Patienten überführen. Dazu gibt es in Deutschland mit seinen etwa 700 Stammzellforschern – und vor allem in NRW – schon viele Ansätze. In Münster beispielsweise wird ein eigenes Institut entstehen, allein um Werkzeuge und Methoden zu etablieren, welche die Suche nach neuen Medikamenten deutlich vereinfachen. Grundlage der Forschung ist eine spezielle Art der Stammzellen (iPS-Zellen), die durch die gezielte Rückprogrammierung von Hautzellen von erwachsenen Spendern gewonnen werden. Dieses Verfahren war 2012 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden.

"Diese Zellen haben die gleiche genetische Ausstattung wie ihre Spender. Sind diese von einer Krankheit wie Parkinson oder Alzheimer betroffen, so liegt die Grundlage dafür auch in den iPS-Zellen", erklärt Hans Schöler, Direktor am Münsteraner Max-Planck-Institut. Das mache diese Zellen so interessant für die Wirkstoff-Forschung. Ziel sei es, Substanzen zu finden, die in der Zellkultur die gleiche Reaktion auslösen wie in Körperzellen von Erkrankten. In diesem echten biologischen System könnten auch gleich mögliche Nebenwirkungen der Präparate untersucht werden. Die Pharma-Industrie ist schon hellhörig geworden, weil das Prinzip auch den Test bestehender Medikamente erleichtert. Eine niederländische Forscherin der Uni Leiden präsentierte vor einer Woche in Köln ihre Tests mit aus Stammzellen gewonnenen Herzmuskelzellen: Sie reagierten auf bestimmte Substanzen mit Rhythmusstörungen – eine häufige Nebenwirkung von Arzneimitteln.

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Schölers Arbeitsgruppe hat bereits Zellen gezüchtet, deren Genom verändert ist. Es besitzt eine Veränderung, die als häufigster Auslöser der vererbbaren Form der Parkinson-Krankheit gilt. "Nach den USA liegen Deutschland und Großbritannien bei der Stammzellforschung international auf Platz zwei", sagt Daniel Besser, Vorstandsmitglied des neuen Netzwerks.

Mit der Neugründung tritt auch ein alter Streit der Stammzellforscher in den Hintergrund: die Frage, welche Zellen die besten sind. "Ob embyronale oder adulte Stammzellen oder die neuen iPS-Zellen, sie haben alle ihre Berechtigung", sagt der Wissenschaftler vom Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin in Berlin.

(RP)
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