Bern: So vergisst das Gehirn

Bern: So vergisst das Gehirn

Das Vergessen ist für den Menschen ebenso wichtig wie das Erinnern. Schweizer Forscher haben den Ablauf entschlüsselt, mit dem das Gehirn etwas vergisst. Eine cannabisähnliche Substanz hilft dabei.

Es gehört zu den Rätseln der Menschheit, warum uns manche Begriffe nicht mehr einfallen. Wir Menschen besitzen die besondere Fähigkeit, dass wir uns Dinge merken können – bewusst und unbewusst. Wir vermögen aber auch zu vergessen, wenn wir etwas als nicht mehr wichtig empfinden. Manchmal sortiert das Gehirn aber auch selbst, was für den Menschen überlebenswichtig zu merken ist.

Forscher der Universität Bern haben jetzt entschlüsselt, wie das Vergessen funktioniert – zumindest auf der biochemischen Ebene. Sie deckten einen komplizierten Kreislauf auf, ein Wechselspiel zwischen dem Wunsch, einen Gedanken zu behalten und dem Überfluss, der Menge der Gedanken aus denen das Gehirn die wichtigen auswählt.

Das Kernstück für diesen Prozess, der ständig in unserem Kopf stattfindet, sind die so genannten Sternzellen (Astrozyten). Früher hat man diese Zellen etwas verächtlich als den "Kitt des Gehirns" bezeichnet und ihnen nur strukturstützende Funktionen zugebilligt, vermutlich weil es sehr viel mehr Sternzellen als Neuronen gibt.

Zudem sind die Neuronen für unser Handeln ungleich wichtiger: Sie speichern die Informationen, die wir über unsere Sinnesorgane aufnehmen und werten sie aus. Sie senden Signale in unseren Körper, wenn wir etwas bewegen wollen oder irgendeine andere Aktivität nötig wird. Die Nervenzellen tun das mittels eines großen Netzes von Synapsen, die sie aktivieren und so die Information auf elektrochemischem Weg im Netzwerk der Nervenzellen an das Ziel weiterleiten.

Nach der Theorie der Berner Forscher spielen die Sternzellen eine aktive Rolle in diesem Prozess. Sie regulieren nämlich die Aktivität und können manche Weiterleitungen unterdrücken. Dann beginnt im Gehirn das Vergessen.

Biochemisch passiert folgendes: Die Sternzellen verwenden einen Stoff, der den Kontakt zwischen Nervenzellen und Synapsen schwächt. Dabei fanden die Forscher die erste große Überraschung: Die Substanz ist sehr ähnlich zu Inhaltsstoffen von Cannabis. Der Konsum von Haschisch sollte also ähnliche Effekte haben.

Mit der cannabisähnlichen Substanz senden die Sternzellen ein klares Signal an die Nervenzellen ihrer Umgebung. Sie sollen weniger Impulse an die Synapsen schicken, anders gesagt: Ihre Botschaft wird innerhalb der Nerven als weniger wichtig genommen. Die Informationen werden erst schwächer und dann gar nicht mehr weitergeleitet.

Eine solche Regulierung ist wichtig, denn dem elektrischen Reizsystem der Nervenbahnen droht manchmal Überlastung. Wenn nämlich eine Nervenzelle den Versuch unternimmt, eine Synapse zu aktivieren, die bereits einen Impuls einer anderen Nervenzelle erhalten hat. Passiert das häufiger, greifen die Sternzellen mit ihrer dämpfenden Wirkung ein. Die Information der stärkeren Nervenzelle bleibt, der Rest wird vergessen.

Es ist zu vermuten, dass dieser Mechanismus noch aus der Zeit stammt, als für den Menschen vor allem das Überleben im Vordergrund stand. Wenn das Gehirn unter Stress steht, sollen andere Impulse schnell unterdrückt werden. Wir kennen das: Bei großer Aufregung erinnern wir uns nicht mehr an Details. Das wichtige Ereignis verdrängt alles andere. Mit den Berner Erkenntnissen ließe sich das so erklären: die Sternzellen deaktivieren die Nervenzellen mit den im Moment unwichtigen Informationen. Die Synapsen konzentrieren sich vollständig auf eine Aufgabe.

Den therapeutischen Wert ihrer Entdeckung sehen die Schweizer selbst als gering. Es bleibt unmöglich, gezielt Erinnerung zu löschen, weil Gedanken im Gehirn sich nicht verorten lassen. Aber vielleicht kann Menschen mit chronischen Schmerzen geholfen werden. Bei denen erhalten die Synapsen nämlich nur ein Signal: Schmerz! Die Sternzellen greifen dort nicht ein.

(RP)
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