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Wissen der Zukunft: So arbeitet unser Gehirn

Wissen der Zukunft : So arbeitet unser Gehirn

Düsseldorf (RP). Liebe ist nicht mehr als ein Konzert von Nervenzellen. Das Kribbeln im Bauch, die tiefe emotionale Bindung über Jahre hinweg ­ reine Biochemie. Das sagen Naturwissenschaftler wie Leo Peichl. Der Neurobiologe arbeitet am Max-Planck-Institut für Hirnforschung und kennt sich aus mit den Vorgängen in der Schaltzentrale des menschlichen Körpers.

"Das Gehirn besteht Schätzungen zufolge aus zehn bis 100 Milliarden Nervenzellen, die eng miteinander vernetzt sind", erklärt der Professor. "Und es ist in zwei Hälften unterteilt. Generell gilt die linke Hemisphäre als der eher rationale und die rechte als der eher emotionale Teil." Männerhirne sind dabei ein wenig größer und schwerer als die der Frauen. "Das macht aber keinen Unterschied, wenn es um die Intelligenz geht", sagt Peichl.

Die Entwicklung des Gehirns verläuft in zwei Stufen. Noch vor der Geburt bildet sich ein Überschuss von Verbindungen zwischen Nervenzellen. "Die Entwicklung wird dann im Kindesalter durch unterschiedliche Umweltreize beeinflusst ­ je vielfältiger diese Reize sind, desto besser für die Entwicklung des Kindes", erklärt Peichl. Weniger beanspruchte Verbindungen verkümmern. Andere, die häufiger in Anspruch genommen werden, werden verstärkt. Die Entwicklung des Gehirns endet damit aber nicht. In einigen Hirnregionen können vereinzelt Neurone, wie Nervenzellen auch genannt werden, bis ins hohe Alter neu entstehen, berichtet Peichl.

Praktisch alle Tiere haben ein Nervensystem, aber von einem Gehirn sprechen Wissenschaftler erst dann, wenn Nervenzellen an einem zentralen Punkt im Körper als Zell-Haufen konzentriert sind und Vorgänge koordinieren. "Bienen beispielsweise besitzen ein Gehirn, Quallen dagegen nicht", so Peichl. Von einem Bewusstsein sei bei einem komplexen Neuronen-Haufen aber noch lange nicht die Rede. "Das kommt erst bei Säugetieren mit Sicherheit vor, eventuell haben es auch Vögel", sagt Peichl. "Alle Säuger sind sich bewusst, dass sie ein Individuum sind, das sich von der restlichen Umwelt unterscheidet. Das ist unbestritten."

Ob Tiere aber auch dazu fähig sind, sich gedanklich in ihre Artgenossen hineinzuversetzen, könne niemand sagen. Der Mensch ist dazu in der Lage. "Unser Gehirn unterscheidet sich von dem eines Affen vor allem im vorderen Teil. Unser frontaler Cortex ist größer als der anderer Primaten. Diese Region ist verantwortlich für komplexe Gefühle, soziale Interaktion und integratives Bewerten", erklärt Peichl.

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Ob Biene, Affe oder Mensch: Nervenzellen arbeiten immer nach dem gleichen Muster. Sie werden gereizt und senden elektrische Impulse aus. Fällt etwa Licht aufs Auge, sendet die Nervenzelle einen Impuls ans Gehirn, das das Licht dann visualisiert­ und gegebenenfalls dafür sorgt, dass die Augen zugekniffen werden. Dieses Reiz-Reaktion-System ist die Hauptaufgabe des Gehirns. Empfindungen wie Liebe oder Hass sind ­ auf zellulärer Ebene gesehen ­ nichts anderes als Reiz und Reaktion. "Bislang hat noch niemand einen über den Nervenzellen stehenden Geist im Gehirn gefunden", so Peichl.

Wissen speichert der Mensch nach neuen Erkenntnissen nicht in Molekülen, sondern in den Verknüpfungen der Nervenzellen. "Wer Klavierspielen lernt und es nach der Übungsstunde besser kann als vorher, verstärkt die Verbindungen zwischen den Neuronen. Der Schaltkreis funktioniert dann einfach besser", sagt Peichl. Gleiches gilt für Vokabeln.

Ob Vokabeln lernen eine freie Entscheidung ist, werden viele Schüler mit Nein beantworten. Ebenso halten es Naturwissenschaftler mit dem freien Willen. Sie stellen sich die Frage nicht. Denn für sie gibt es keinen freien Willen. "Es gibt für jede Entscheidung triftige Gründe, also organische Ursachen oder bewusste oder unbewusste Motive, sonst wären unsere Entscheidungen unbegründet", erklärt Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen. Der Mensch empfinde jedoch anders. "Frei fühlen wir uns bei unseren Entscheidungen, wenn wir unserem Willen entsprechend handeln können ­ und dieser Wille ist durch unsere Motive festgelegt", erläutert der Professor.

Leo Peichl berichtet von einem Versuch, bei dem Probanden die Aufgabe gestellt wurde, einen Knopf zu drücken. "Wann und mit welcher Hand war ihnen überlassen", erklärt er. Im Anschluss mussten die Teilnehmer sagen, wann sie sich dazu entschieden haben, den Knopf zu drücken. "Aber bereits kurz vor dem Zeitpunkt, als sich die Probanden dazu entschieden haben, gab es erhöhte Aktivität in den beteiligten Gehirnregionen", erklärt Peichl. Das Gehirn hat also vor der bewussten Entscheidung Vorbereitungen getroffen. "Wir machen nicht, was wir wollen. Wir wollen, was mir machen ­ zumindest will es das Gehirn."

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