Duisburg: Schläpfers archaische Tanzbilder

Duisburg : Schläpfers archaische Tanzbilder

Das Rheinoper-Ballett zeigte in Duisburg seine erste Premiere der Spielzeit.

Ballett ohne Musik - geht das überhaupt? Und ob! Denn das Knallen und Schleifen der Spitzenschuhe auf dem Bühnenboden, das Klatschen der Handflächen auf den Oberschenkeln sorgt für den ganz eigenen Soundtrack. Die Tänzer und Tänzerinnen sind souverän und präzise ihre eigenen Klangkünstler - ohne jede Musik, die sonst den Impuls setzt. Die Konzentration der Compagnie auf ihre Bewegungen und Gesten, die sich verändernden Formationen und emotionalen Beziehungsgeflechte ist bis zum Äußersten gespannt.

"Moves - A Ballet in Silence", so hat Jerome Robbins sein 1956 entstandenes, tonloses Ballett genannt, um das Martin Schläpfer, Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, nun seine Uraufführung von "Verwundert seyn - zu sehen" und sein bereits 2006 für das Ballett Mainz entwickelte Stück "Ein Wald, ein See" choreografiert hat. Der dreiteilige Ballettabend b.22, zugleich die erste Ballettpremiere der Spielzeit im Theater Duisburg, zeigt Tanz unter einem Brennglas, als Reduktion auf das Wesentliche. Live begleitet von Klangkünstler Denys Proshayev am Piano (Musik von Franz Liszt und Alexander Skrjabin), tanzt das 15-köpfige Ensemble vor einer schwarzen Kulisse, auf der sich langsam der Video-Vollmond in die Mitte schiebt, wie in einem Stummfilm und kreist um einen Protagonisten: Grandios getanzt führen Marcos Menha und sein Alter Ego, der dunkelhäutige, muskulöse Chidozie Nzerim, das Publikum tief in die Gedankenwelt eines Menschen, den die Sehnsucht nach Vergangenem genauso umtreibt wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Drama eines Lebens mit all seinen Stationen tut sich auf, im Mittelpunkt der Mensch als Spielball seiner widersprüchlichen Bedürfnisse, endet mit dem Tod und hinterlässt Ratlosigkeit: "Verwundert seyn - zu sehn" ist offenbar mehr als ein schöner Titel für ein Ballett.

Im dritten, deutlich schlüssigeren Teil namens "Ein Wald, ein See" kommt Paul Pavey mit seinem irrwitzigen Schlag- und Blas-Instrumentarium ins Spiel. Der Musiker, Komponist und Live-Performer bedient als Ein-Mann-Kammerorchester eine slowakische Hirtenflöte, eine türkischen Laute, dazu Trompete, Flügelhorn, Klavier und Elektronik, außerdem singt er dazu, schnauft, brummt, krächzt. Eine Installation (Thomas Ziegler) aus horizontal aufgehängten, gewellten Stangen (der See) und der vertikal ausgerichteten Aufhängung (der Wald) schwebt über dem Ensemble. Catherine Voeffray hat raffinierte Kostüme geschaffen: farblich elegant abgestufte Kleider für die Damen, geraffte, exotisch anmutende Hosen und Hemden für die Herren. Schläpfer entwirft archaische Bilder von großer Kraft.

(RP)