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Interview: Serie Unser Rhein: Rheinwein ist Gewinner des Klimawandels

Interview: Serie Unser Rhein : Rheinwein ist Gewinner des Klimawandels

Die deutschen Weine profitieren von der Wärme. Allerdings haben viele Winzer jetzt auch mit neuen Schädlingen zu kämpfen.

Mittelheim Die erfreuliche Nachricht gleich zu Beginn: Seit 1988 gibt es in der deutschen Weinproduktion praktisch keinen schlechten oder auch nur mäßigen Jahrgang mehr. Das hat zu einem geringeren Teil mit der verbesserten Kellereitechnik zu tun; dafür umso mehr mit der stetig steigenden Durchschnittstemperatur. Anders und politisch ein wenig unkorrekter formuliert: Der Wein entlang des Rhein ist einer der Gewinner des Klimawandels.

Und das ist keine Sache nur des Geschmacks. Mittlerweile hat der gelesene Rheinwein bis zu 20 Grad Oechsle mehr - das ist das Mostgewicht - sowie pro Liter sechs bis sieben Gramm weniger Säure. Das sind Werte, die zur Grundlage eines qualitätsvollen Weins gehören. Nach Auskunft des Deutschen Weininstituts ist in den zurückliegenden 30 Jahren die Durchschnittstemperatur entlang des Rheins während der Vegetationsperiode um ein Grad Celsius gestiegen. Die Effekte sind eine verfrühte Rebblüte, ein verfrühter Reifeprozess und somit auch Lesestart. 1951 wurde in Deutschland nach den Aufzeichnungen des Weininstituts am 5. November mit der Lese begonnen. Jüngst fiel der Start auf den 22. September. Was heute an Rheinwein die Winzerkeller verlässt, sind gehaltvolle Weine mit einem Maximum an Reife. Eine klassische Spätlese wird darum möglicherweise immer seltener, dabei ist sie am Rhein regelrecht erfunden worden: Es war 1775, als man auf Schloss Johannisberg sehnsüchtig auf den Boten des Fuldaer Fürstbischofs wartete, der den Mönchen die Leseerlaubnis geben sollte. Der Reiter verspätete sich aber unerklärlich lange, bis nur noch verschrumpelte Trauben am Rebstock hingen. Der Ertrag war mäßig, der Geschmack groß.

Was sich wie eine Werbung für den deutschen Wein anhört, kennzeichnet in Wirklichkeit eine reichlich ungewisse Entwicklung. So wird der Gehalt des Weines auch mit einem höheren Alkoholwert als Geschmacksträger erzielt. Das aber ist gerade bei Weißweinen, die leichter sein sollten, ein Problem. So verwenden die Winzer einige Mühe auf das sogenannte Alkoholmanagement ihrer Produktion mit der besonderen Rebenerziehung. Dabei wird durch Beischnitt die Blattfläche der Rebstöcke verkleinert, um so die Zucker- und Alkoholproduktion zu verringern.

Mit der zunehmenden Wärme sind aber auch neue und unliebsame Gäste aus dem Süden Europas in die Weinberge am Rhein eingezogen. Das sind Zikaden, die Mikroorganismen auf die Rebstöcke übertragen und dort für die Schwarzholzkrankheit sorgen, bei der die Trauben austrocknen. Um den Zikaden das Leben schwer zu machen, wird ihr bevorzugter Lebensraum vernichtet - das sind Pflanzen wie Ackerwinde und Brennessel.

Insbesondere beim Riesling werden bisweilen auch Fehlaromen registriert. Die haben einen komplizierten Namen, nämlich Trimethyl-dihydro-naphthalin, und den unguten Geruch nach Petroleum. Für Peter Winterhalter, Professor für Lebensmittelchemie in Braunschweig, könnte auch dies eine Folge des Klimawandels sein. Nach und nach versuchen die Winzer daher, der Wärme zu entkommen. An der Mosel weicht man in die Seitentäler aus, im Rheingau werden Rebstöcke in höheren Lagen und in größerer Distanz zum Fluss bevorzugt.

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Der Rheingau ist eine Hochburg des Rieslings; fast 80 Prozent der gesamten Rebfläche dort ist mit dieser berühmten Sorte bepflanzt. Und das wird in absehbarer Zeit auch so bleiben, auch wenn Winzer zu experimentieren beginnen - und das mit gutem Erfolg. Klassische südeuropäische Sorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon finden vereinzelt auch am Rhein eine neue Heimat. Das sind Vorzeichen einer größeren Entwicklung in Deutschland: von Weiß- zu Rotwein. Noch 1990 betrug der Anteil des Spätburgunders an der deutschen Weinproduktion 5,5 Prozent. 20 Jahre später waren es schon über elf Prozent. Deutschland ist berühmt wegen seiner fruchtigen Weißweine; doch kaum einer weiß, dass es mittlerweile der drittgrößte Spätburgunder-Produzent weltweit ist.

In ganz Europa wandert der Wein in Richtung Norden. In den zurückliegenden 25 Jahren verlor wegen Hitze und Wassermangel Spanien rund 30 Prozent seiner Rebfläche, Italien 22 und Frankreich zwölf Prozent. Dagegen herrscht in Südengland bei der Weinproduktion Goldgräberstimmung. Trotzdem ist es nicht ratsam, jetzt im Keller daheim deutschen Weißwein vom Rhein zu horten, solange es ihn noch gibt. Mit deutlichen Einschnitten wird frühestens in 20 Jahren gerechnet. Möglicherweise ist der Riesling aber auch weit unanfälliger als sein Ruf. Hans Schultz, Direktor der Weinhochschule in Geisenheim, kam bei einer Klimaanalyse zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Riesling auch in Washington State bei einer durchschnittlichen Temperatur von 32 Grad Celsius hervorragend gedeiht. Das ist praktisch Halbwüste, so Schultz. Aber der Sortencharakter sei erkennbar geblieben.

Trotz aller Forschung und der großen Tradition unseres Weinanbaus bleibt nach den Worten von Schultz ein Geheimnis weiterhin gewahrt: "Wir kennen nicht den oberen Temperatur-Schwellenwert der Sorten."

(RP)