Düsseldorf: Rheinballett dringt in ein düsteres Universum

Düsseldorf : Rheinballett dringt in ein düsteres Universum

Martin Schläpfer schafft zu neuer Musik von Adriana Hölszky dichte Atmosphären. Doch das Werk basiert teils auf dem Text eines Nazi-Dichters.

Da ist ein Flüstern und Schaben und Klackern, wie von riesigen Insekten. Trommeln dräuen, Akkordeons wispern. Der WDR Rundfunkchor hoch oben im dritten Rang des Düsseldorfer Opernhauses lässt Sprache niedergehen, so dass sich die Worte verschieben wie fallende Blätter. Noch liegt alles im Delirium, in einem dumpfen Halbbewusstsein, in dem die Atmosphäre stärker ist als alle Bilder.

Die Musik stellt einen Zustand her. Noch ist er diffus, urzeitlich brodelnd, wie Lava im Vulkankrater auf einem fernen Planeten. Doch Adriana Hölszky wird ihr Teleskop bald schärfer stellen. In zehn Phasen hat die deutsch-ungarische Komponistin ihr Werk "Deep Field" geteilt - in zehn Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble, das sich weiter und weiter in das "Deep Field", einen entlegenen Raum tief im Universum bohrt. Doch die Musik verflüchtigt sich nicht in kosmisches Geraune. Sie ist erdenschwer, plastisch, voller Farben und Gerüche. Sie will es mit der Welt aufnehmen, mit den Urelementen Erde, Feuer, Wasser - und mit dem Menschen, der mit den Elementen ringt wie mit dem eigenen Leben.

Das ist reiches Material für Martin Schläpfer. Der Chef des Balletts am Rhein hat für seinen Ballettabend "b.20" zur Uraufführung von Hölszky sein eigenes Universum geschaffen. Seine Tänzer sind ringende Kreaturen, manchmal den Elementen ausgesetzt. Dann umspült sie das Wasser, Strudel schlingen sie hinab, oder das Feuer auf den Schlachtfeldern streckt sie jäh aus dem Lauf ihres Lebens. Doch es gibt auch höchst eigensinnige Momente, Augenblicke der Zärtlichkeit, selbst wenn der Mensch geschüttelt wird, wenn ihn das Tremolo, das Zittern aus der Musik, erwischt, und dem Tänzer das Elementarste raubt: die Kontrolle über seinen Körper.

Hölszkys Musik ist wuchtig und zugleich wendig, sie setzt Stimmungen, doch gibt es darin vielerlei Impulse, blitzschnelle Wendungen, langsame Metamorphosen. Die Komposition ist autark und doch ausgezeichnete Ballettmusik, weil sie dem Tanz Anregung und zugleich Freiheit gibt. Hölszky erzählt keine Geschichte, prägt keine Bilder, sie spannt einen Raum auf, gibt ihm Belichtung, eine Temperatur. Die Künstlerin Rosalie hat dazu ein dunkles Netz auf die Bühne gehängt, das ebenfalls seine Gestalt verändert, mal flach wirkt wie ein Schleppnetz, mal plastisch wie ein Gebirge oder die Flora im Ozean.

Davor nimmt Martin Schläpfer Fühlung auf mit der Temperatur der Musik, setzt aber eigene Impulse in den Raum. Manchmal bewegen sich seine Tänzer mit größter Genauigkeit zu den Rhythmen der Musik, dann wieder brechen sie auf in eigene Geschichten, in das uralte Spiel von Nähe und Distanz, von Zärtlichkeit und Gewalt. Wen-Pin Chien am Pult eines Bläser- und Schlagwerk-Ensembles aus Düsseldorfer Symphonikern und Gästen gelingt es glänzend, aus Musik, Tanz, dem hervorragenden WDR-Rundfunkchor und Einspielungen vom Band ein Raumkunstwerk zu schaffen. Irgendwann reißt die Bewegung den Text an sich, ein Tänzer liest Hesses schwülstiges Märchen "Piktors Verwandlungen" vor. Doch das Publikum versteht die Worte nicht, es sieht nur den Vorgang, sieht, wie Ruhe einkehrt in die Gruppe. Ein Moment tiefster Menschlichkeit: Tänzer hinter Fechtmasken, die gerade noch in Kämpfe verstrickt waren, lauschen dem einen, der die Maske abgelegt hat.

Mit ihrem Auftragswerk für die Rheinoper hat Hölszky sich also nicht nur auf den Tanz eingelassen, sie hat auch mit Texten gearbeitet, neben Hesse mit Werken von Hölderlin und Nietzsche - und mit einem Erster-Weltkriegs-Drama von Hanns Johst. Der aber war ein Nazi-Dichter. Und zwar kein Mitläufer, über dessen Rolle zu streiten wäre, sondern ein Hitler-Verehrer, SS-Gruppenführer und seit 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer, ein Antisemit und Gleichschalter, einer, der wusste, was er tat.

Johst hat seine Dichterkarriere als Expressionist begonnen und Hölszky stützt sich in Phase VIII ihres Werkes, das sich mit dem Feuer beschäftigt, auf das Stück "Die Stunde der Sterbenden", das schon 1916 uraufgeführt wurde. Darin verarbeitet Johst seine eigenen Erfahrungen als Freiwilliger während des Ersten Weltkriegs. Es mag also sein, dass die Komponistin darin Dringliches über den Krieg las. Doch warum hat sie im Werk eines Dichters gesucht, der glühender Nazi werden sollte? Über den Ersten Weltkrieg hätte sie wahrlich auch andere, ausdrucksstarke Literatur finden können. Gänzlich unverständlich ist, dass die Rheinoper die Nazi-Vergangenheit dieses Autors verschweigt. Kein Hinweis im Programmheft, als sei Johst nur ein Chronist des Ersten Weltkriegs. Das ist fahrlässig.

Und es schadet dieser Arbeit, die doch aus Musik, Bewegung, Licht in vollkommener Freiheit etwas Neues schaffen will. Das ist das Gegenteil zum Totalitarismus eines Gesamtkunstwerks. Darum wundert die mangelnde Sensibilität im Umgang mit einem Nazi-Dichter.

Dennoch ein großer Abend: Hölszky, Schläpfer und Rosalie haben jeder auf seine Art in das Universum geblickt. Und erzählen vom Lieben und Leiden auf der Erde. Von dem, was der Mensch ist.

(RP)
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