Geheimnisvolle Orte (21) Papst Johannes Paul II. besucht Kevelaer

Kevelaer · Bereits zwei Jahre vor dem zweiten Deutschlandbesuch des Papstes weiß das Generalvikariat des Bistums Münster, dass der Papst den Marienwallfahrtsort besuchen wird. Für Kritiker ist klar: Hinter dem Besuch steckt das "Opus Dei".

Samstag, 25. April 1987: Zum ersten Mal spricht ein Papst im ARD-Programm das "Wort zum Sonntag". Eine Sensations-Quote: 7,55 Millionen Zuschauer sitzen vor dem Fernseher. Am nächsten Donnerstag komme er zum zweiten Mal nach Deutschland, sagt Johannes Paul II., unter anderem werde er Köln, München und Münster besuchen. Kevelaer nennt er nicht. Das Schicksal der Nicht-Erwähnung teilt der Wallfahrtsort am linken unteren Niederrhein zwar mit den Städten Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, Augsburg und Speyer. Doch keiner der übrigen Besuche gerät so in die Kritik wie der Abstecher nach Kevelaer, dem nach Altötting zweitgrößten deutschen Zentrum der Marienverehrung, die dem Papst aus Polen besonders am Herzen liegt.

Als der bevorstehende Papstbesuch Anfang 1987 in der damals rund 23 000 Einwohner zählenden Stadt bekannt wird, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Selbst sanfte Skepsis stößt in Kevelaer schnell auf Unverständnis. Es wird dem evangelischen Pfarrer des Ortes beinahe übel genommen, als er in einem Wochenblättchen den Papst mit "Lieber Bruder Woytila" anspricht, weil er als Protestant ja schlecht "Heiliger Vater" schreiben kann, und sich ein ermutigendes Wort zur gelebten Ökumene wünscht.

Anderenorts gärt es kräftig im katholischen Kirchenvolk. Dass der Papst Münster und Kevelaer besuchen wird, ist im Generalvikariat des Bistums Münster bereits seit Mitte 1985 bekannt. Das wird später den Verdacht nähren, hinter dem Besuch im Marienwallfahrtsort stecke das "Opus Dei". Der Papst ist der erzkonservativen katholischen Vereinigung, die Kritiker als "Mafia Gottes" und "Geheimbund" bezeichnen, besonders zugetan. Der damalige und inzwischen verstorbene Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann gilt als einer der Unterstützer des "Opus Dei". In Kevelaer ist das "Opus Dei" ebenfalls aktiv. Wie der Spiegel 1995 berichtet, sind es mehrheitlich Priester des "Opus Dei", die hinter dem 1981 als Verein eingetragenen "Internationalen Mariologischen Arbeitskreises Kevelaer" stecken. Als einer der wenigen Kritiker in der Wallfahrtsstadt merkt dies der katholische Priester Hubert Janssen an, der den unheimlichen Geist des Opus Dei bei den Mariologen am Werk sieht.

Gründer des Marien-Arbeitskreises ist ein Opus-Dei-Prälat, Ehrenvorsitzender und Mitherausgeber des "Mariologischen Jahrbuchs" ist bis heute der spanische Opus-Dei-Priester German Rovira. Während des Papstbesuches 1987 ist Rovira Vorsitzender des Vereins und Generalsekretär des "Marianischen Weltkongresses", der im Herbst nach dem Papstbesuch in Kevelaer stattfindet. Und für den wird aufgefahren, was die Weltkirche zu bieten hat: Den Eröffnungsgottesdienst feiert Josef Kardinal Ratzinger. Mutter Teresa kommt nach Kevelaer. Tausende beten mit ihr im Marienpark den Rosenkranz.

Den Berichterstattern des "Kölner Stadtanzeiger" fällt auf, dass das "Opus Dei" für den Papstbesuch in Kevelaer wohl besonders viele Anhänger mobilisiert und Fahnen schwenkend in den vorderen Reihen platziert hat: "Das ,Werk Gottes' hat den größten deutschen Marienwallfahrtsort sicher im Griff — ohne viel Aufhebens — fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, wie es bei Opus Dei so Sitte ist." Und die Öffentlichkeit, zumal die Kevelaerer, stört sich tatsächlich nicht an den überaktiven Papst-Verehrern, die unablässig sein Motto "Totus Tuus" (Deutsch: "Ganz Dein") rufen.

Schon um sieben Uhr füllt sich der Kapellenplatz mit den ersten Pilgern. Johannes Paul II. fliegt von Münster aus mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes ein. Als der damalige Bürgermeister Karl Dingerkus den Papst begrüßt, tut er das weniger als Stadtoberhaupt, sondern vor allem als tiefgläubiger Katholik: "Wir erflehen im Gebet mit Ihnen auf die Fürsprache der heiligen Gottesmutter für Sie den Schutz und Segen des Allerhöchsten!" Über die Basilikastraße fährt das weiße Mercedes-"Papamobil" mit dem Papst und Bischof Lettmann zügig auf den Kapellenplatz. Die Personenschützer des BKA haben Mühe, im Dauerlauf mit dem "eiligen Vater" Schritt zu halten. Für den Papstbesuch hat man die traditionell am 1. Mai stattfindende Wallfahrtseröffnung um einen Tag verschoben. Mit drei Hammerschlägen öffnet der Papst symbolisch die mächtigen Portalkirchen der Basilika, kniet sich kurz zum Gebet nieder und schreitet dann über den Platz zur Gnadenkapelle, wo seit 1642 ein 7,5 mal elf Zentimeter kleines Bildchen verehrt wird, das in schlechter Druckqualität die Madonna von Luxemburg als "Trösterin der Betrübten" zeigt.

An dieser Stelle will der Gelderner Hausierer Hendrick Busman um Weihnachten 1641 die Stimme der Muttergottes vernommen haben, die ihm — für Kevelaer war damals der Bischof von Roermond zuständig — auf Niederländisch auftrug: "Op deze plaats sult gij mij een kapelleken bouwen!" (Deutsch: An dieser Stelle sollst Du mir ein Kapellchen bauen). Damit war der Grundstein für die Wallfahrt gelegt, die nach einer Prüfung durch die Synode von Venlo bereits 1647 die Anerkennung der katholischen Kirche erhielt. Dies war keineswegs überraschend, sondern schlug einen wirkmächtigen katholischen Pflock in ein zwischen den Konfessionen umstrittenes Gebiet — und das während des 30-jährigen Krieges, ein Jahr vor dem westfälischen Frieden von Münster. Auch dass er diesen Teil der Geschichte bei seinem Besuch ausblendet, wird dem Papst — außerhalb von Kevelaer — deutlich angekreidet.

Vor dem Gnadenbild betet der Papst: "Als Pilger zu diesem Gnadenort Kevelaer reihe ich mich ein in die Schar der ungezählten Gläubigen, die hier vor deinem Bild dein Lob gesungen haben." Die meisten der 70 000 Menschen, die zum Papstbesuch nach Kevelaer gekommen sind, erleben das Gebet vor dem Gnadenbild nicht mit. Die Innenstadt von Kevelaer ist für diese Menschenmenge viel zu klein. Die Mehrzahl der Pilger erwartet den Papst im nahen Hülsparkstadion, wo Johannes Paul II. mit ihnen die "Laudes", die Morgenandacht, feiert. In seiner Predigt im Hülsparkstadion empfiehlt Johannes Paul II. den Gläubigen erwartungsgemäß, sich Marias "Dein Wille geschehe" statt weltliche Ich-Bezogenheit zum Prinzip zu machen. Aber er spricht auch klare Worte zur Friedenspolitik und — ein Jahr nach Tschernobyl — zur Umwelt: "Es geht ja zum Beispiel beim Umweltproblem und beim Strahlenschutz längst nicht mehr nur um das Leben der heutigen Menschen, sondern auch um das der kommenden Generationen. Wir müssen aus den Grenzen und Gefahren des Wachstums die Konsequenzen ziehen."

Und einige Momente seiner Predigt darf sich das kleine Kevelaer als wahres Zentrum der katholischen Welt fühlen: "Die wirklichen Zentren der Welt- und Heilsgeschichte sind nicht die betriebsamen Hauptstädte von Politik und Wirtschaft, von Geld und irdischer Macht. Die wahren Mittelpunkte der Geschichte sind die stillen Gebetsorte der Menschen. Hiervollziehen sich in besonders dichter Weise die Begegnung der irdischen Welt mit der überirdischen Welt, der pilgernden Kirche auf Erden mit der ewigen und siegreichen Kirche des Himmels. Hier geschieht Größeres und für Leben und Sterben Entscheidenderes als in den großen Hauptstädten, wo man meint, am Puls der Zeit zu sitzen und am Rad der Weltgeschichte zu drehen." Das hat man in Kevelaer schon immer so gesehen.

(RP)
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