Düsseldorf: Öko-Siegel für Fische in der Kritik

Düsseldorf : Öko-Siegel für Fische in der Kritik

Von etwa 280 Fischbeständen weltweit gelten nur etwa 60 als stark genug, dass sie intensiv befischt werden können. Ein Kieler Meeresforscher warnt: Selbst wenn der Fisch als ökologisch gefangen zertifiziert wurde, heißt das nicht, dass die Bestände für die Erhaltung der Art groß genug sind.

Der Kieler Meeresforscher Rainer Froese hat alle gegen sich aufgebracht: Die Fischerei-Unternehmen sowieso, aber auch diejenigen, die Gütesiegel für ökologischen Fischfang vergeben. Das "Marine Stewardship Council" (MSC) etwa, dessen blaues Siegel dem Verbraucher zeigen soll, dass der Bestand ausreichend groß ist, damit dort nachhaltig gefischt werden kann. Doch Froeses Studie vom Helmholtz-Institut für Ozeanforschung zeigt auf, dass die Vergabe des Siegels nicht immer berechtigt ist. Etwa ein Drittel der von ihm kontrollierten Fischbestände hätte das Nachhaltigkeitssiegel nicht bekommen dürfen, schrieb Froese in einer wissenschaftlichen Untersuchung.

Damit hat er eine Diskussion angeheizt, die sich um das Überleben und die Artenvielfalt der Fische dreht. Bis 2015 sollte die Fischerei weltweit auf Nachhaltigkeit umgestellt sein, hatte die UN-Konferenz in Johannesburg 2012 beschlossen. Drei Jahre vor diesem Termin mahnen Kritiker wie Froese, dass man davon noch weit entfernt sei. Hielte sich die internationale Staatengemeinschaft an ihre Vorgaben, dürften die Fische bis 2015 nicht mehr im gleichen Ausmaß bejagt werden wie bisher – die FAO rechnet damit, dass weltweit 12 bis 15 Millionen Fischer ihren Job verlieren würden.

Doch die Überfischung bleibt weiter die Regel: 68 Prozent der Fischbestände erfüllen nicht die strengeren Bestimmungen der UN-Ernährungsorganisation (FAO), bilanzierte die UN-Behörde erst im März. Rainer Froeses Zahlen sind sogar noch schlechter: Nicht einmal ein Viertel der weltweit von ihm bewerteten 280 Fischbestände seien nachhaltig. Das sei vor allem eine Folge politischer Entscheidungen, gegen die Fische und zugunsten der Fischindustrie – auch in Deutschland: Während sich beispielsweise der Dorsch in der östlichen Ostsee wieder erhole, befinden sich die Bestände in der westlichen Ostsee weiter in schlechtem Zustand. Der Hering, gefangen aus Schwärmen aus der Nordsee oder vor Norwegen, sei "in Ordnung", derjenige aus der westlichen Ostsee aber nicht. Dem Kabeljau drohe in der südlichen Nordsee gar die vollständige Ausrottung.

Das MSC, Aufseher des Nachhaltigkeitssiegels für Fische, und die Fischereiverbände entgegen Froese, dass sich dessen Berechnungen nicht auf international anerkannte Standards berufen, wie sie die FAO benutzt. Es lässt aber aufhorchen, dass Paolo Bray, Direktor des Öko-Labels "Friends of the sea" (FOS), sagte, Froeses Berechnungen seien "die gründlichsten, die je in dieser Art gemacht wurden". Bray entzog den Fischbeständen sein Siegel, die von Froese als nicht nachhaltig bewertet wurden. Rainer Froese isst übrigens gern Fisch: "Es gibt viele Möglichkeiten ökologisch korrekt gefangenen Fisch zu bekommen."

(RP)
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