Recklinghausen: Nina Hoss glänzt bei den Ruhrfestspielen

Recklinghausen : Nina Hoss glänzt bei den Ruhrfestspielen

Stefan Pucher inszeniert zur Eröffnung in Recklinghausen Ibsens "Hedda Gabler" als kurzweilige Zeitenrevue.

Zarte Glöckchen bimmeln. Wie bei einem Großglockenspiel an der Rathausfassade öffnet sich in der Rückwand des rustikalen Blockhaus-Wohnzimmers eine Tür. Es tritt ein: die neue Herrin des Hauses, die gelangweilte Schönheit, abgebrühte Heldin, Königin der Verächtlichkeit – Hedda Gabler. Nina Hoss gibt sie als edles Gun Girl. Sie trägt ein schlauch-enges Abendkleid mit Puffärmeln, groß wie Flügel. Sie ist eine eitle Western-Prinzessin, verwöhnte Siedlerin mit züchtigem Haarkranz und empörtem Blick. Und wie sie da im Zimmer auf zu enger Stelle tritt, eine Tigerin im Holzkäfig, da ist gleich klar: Hier hat eine Rolle ihre Schauspielerin gefunden. Egal in welches Epochenkostüm man sie steckt: Nina Hoss ist die zeitlose Hedda Gabler, eine gültige Vertreterin von Ibsens großer dämonischer Frauenfigur, die aus Überdruss am banalen Leben mit Menschen spielt, aus Kalkül einen Pedanten heiratet, sich damit verrechnet und den Preis dafür zahlt. Nina Hoss wird diese höhnische Zynikerin, diese frustrierte Nihilistin an diesem Abend durch die Jahrzehnte spielen. Und man wird einsehen, warum es am Ende knallt.

Zur Eröffnung haben die Ruhrfestspiele in diesem Jahr keine Hollywoodgrößen nach Recklinghausen verfrachtet, dafür einen wahren Schauspielstar: Nina Hoss. Die spielt nicht nur seit Jahren in den besten deutschen Filmen, wurde im Kino die Muse der Berliner Schule, sondern beweist ihr Niveau mit eiserner Konstanz auch auf der Theaterbühne. Die nimmt sie ein durch ihre darstellerische Präzision. Das hat auch etwas Kühles, doch sitzen bei ihr nun mal jeder Ton, jedes Lachen, jede Geste. Nina Hoss durchdringt ihre Figuren. Sie gehört nicht zu den intuitiven Schauspielerinnen, die sich naiv in ihre Rollen einfühlen. Ihr Spiel ist durchdacht, kalkuliert, aber eben doch so voller Energie und Leben, dass das nicht hölzern wirkt. Nur unheimlich klug.

In Recklinghausen ist sie in einer Inszenierung von Stefan Pucher zu erleben, die demnächst am Deutschen Theater Berlin läuft. Pucher macht aus Ibsens kaltblütigem Gesellschaftsstück eine kurzweilige Zeitenrevue. Per Drehbühne kreist er durch die Epochen, lässt Heddas Eheschicksal in der Western-Blockhütte beginnen, beamt sie später bis in die 70er Jahre. Da ist aus der skrupellosen Pionierin eine modische Salonlöwin in bunten Pop-Räumen geworden. Dass sie in dem braven Gelehrten Jörgen Tesmann den falschen Mann geheiratet hat, wusste Hedda schon vor der Hochzeit. Doch eine Professur stand in Aussicht, also ergatterte sie sich den Platz als Gattin. Doch die Langweile in ihrem neuen Leben zehrt an ihr.

Hedda durchschaut die Gesellschaft, darum kann sie ihre Rolle nicht bruchlos einnehmen, sich nicht einfach fügen. Doch sie träumt auch von keiner anderen Welt, sie hat keine Utopien. Alles erscheint ihr nur lächerlich, piefig, ihrer selbst nicht angemessen. So bleibt ihr nur der Spott und die vage Hoffnung, die totale Manipulation anderer Menschen könne ihr Genugtuung verschaffen. Darum wagt sie kein anderes Leben, als ihr früherer Liebhaber Eilert Lövborg auftaucht, ein kluger Kopf, Bohémien, Trinker, lässig gespielt von Alexander Khuon mit schwarzem Schnauzer-Balken und Lederjacke. Auch diesem Mann vertraut sich Hedda nicht an. Sie spielt mit ihm, diese schwarze Witwe, volles Risiko, kein Mitleid. Doch Erlösung aus der Mittelmäßigkeit ist ihr nicht mal für einen Moment vergönnt.

In Puchers Inszenierung ist Hedda kein Opfer, keine unerfüllte Frau, die sich nach Selbstverwirklichung sehnt und Mitleid verdiente. Sie ist der verkörperte Zynismus, eine Ästhetin des Bösen, die "einmal im Leben Macht über das Schicksal eines anderen" haben will und glaubt, als Übermensch Erhabenheit zu spüren. Das Experiment misslingt. Ihr Liebhaber wählt nicht heldenhaft den Freitod, den sie für ihn ersonnen hat, sondern verunglückt jämmerlich. Da kann Hedda ihre destruktiven Kräfte nur noch gegen sich selbst wenden. Ein Mensch, der allein an die Macht glaubt, an den Sieg der Stärkeren, implodiert. Das ist keine Frage des Geschlechtes.

Indem Pucher durch die Zeiten spult, zeigt er das Zeitlose in Heddas Haltung. Jede Generation produziert ihre Überdrüssigen, die vom Weltenekel Befallenen, die nicht an die Gegenwart glauben. Und an die Zukunft schon gar nicht. Doch Pucher inszeniert das nicht moralisch, sondern abgebrüht unterhaltsam. Die Bühnenbilder von Barbara Ehnes wirken wie Filmsets, manchmal blendet Pucher sogar tatsächlich Filme ein. Da hebt Hedda dann den Colt gegen die männlichen Schwächlinge, die ihr nicht gewachsen sind, und gewinnt den Showdown. Oder sie ist als Emily Meyer zu sehen, der Goldgräberin, die sie zuletzt in Thomas Arslans Western "Gold" spielte. Auch so eine Frau, die von einem Leben in anderen Verhältnissen träumt und dafür jede Härte auf sich nimmt.

Nina Hoss kann solche Frauen spielen, ohne Monster aus ihnen zu machen. Man spürt ihre Härte, fürchtet ihren tödlichen Sarkasmus, ihre ansteckende Abgebrühtheit. Nie war Hedda Gabler so zeitlos – und so sehr eine von uns.

(RP)
Mehr von RP ONLINE