Berlin Nicht immer ist der Chef schuld am Stress

Berlin · Fast jede zweite dauerhafte Arbeitsunfähigkeit geht auf psychische Erkrankungen zurück. Therapeuten wollen früher helfen.

Jeder zweite Frührentner in Deutschland ist aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht mehr arbeitsfähig. Meist geben die Betroffenen mit 49 Jahren ihre Tätigkeit auf. Eine jahrelange Leidensgeschichte geht dem verfrühten Renteneintritt voraus. Viele Erkrankte machen keine Therapie oder werden nicht ausdauernd und lange genug behandelt.

Der frühe Eintritt in die Rente löst nach Ansicht von Experten die Probleme der Betroffenen aber nicht. Zwar ist eine hohe Arbeitsbelastung häufig die Ursache für Depressionen oder das "Burn-Out", das Ausbrennen am Arbeitsplatz. "Arbeit ist aber auch eine wichtige gesundheitliche Ressource", sagt der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Rainer Richter.

Die Kammer hat auf Basis der Daten der Deutschen Rentenversicherung erstmals in Deutschland untersucht, wie oft psychisch Kranke früher in Rente geschickt werden. Danach wurden im Jahr 2012 rund 75 000 Versicherte mit einer psychischen Erkrankung frühverrentet, 25 000 Menschen mehr als noch im Jahr 2000. Die Betroffenen erhalten oft nicht mehr als eine Rente von etwa 600 Euro.

"Psychische Erkrankungen führen viel zu oft zu Erwerbsunfähigkeit und Armut", kritisieren die Therapeuten. Die häufigste Erkrankung ist die Depression. Menschen, die darunter leiden, fühlen sich oft niedergeschlagen und bedrückt. Sie verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen zuvor Freude gemacht haben.

"Nicht selten ist es für sie unmöglich, morgens überhaupt aufzustehen", beschreibt Psychotherapeut Rainer Richter die Symptome. Lange unbehandelt, kann sich eine Depression verfestigen, chronifizieren und verschlimmern. Die Leidenden ziehen sich immer weiter zurück, verlassen die Wohnung nicht mehr und meiden auch den Kontakt zu anderen. Therapeuten versuchen in einer Behandlung, Depressive auch wieder zum Austausch zu ermutigen. Sie halten die zunehmende Praxis der Frühverrentung psychisch Kranker auch deshalb für bedenklich.

Psychische Erkrankungen sind schon seit mehr als zehn Jahren die Hauptursache in Deutschland für Frührente wegen Erwerbsminderung. An ihrem Arbeitplatz kommen Menschen aber nicht nur in Kontakt mit anderen, Arbeit kann im positiven Sinn das Selbstwertgefühl stärken. Gerade depressiv Erkrankten könnte ihre Arbeit ungemein helfen, "wieder eine positive Lebenseinstellung zu finden", meint Rainer Richter.

Aus Sicht der Therapeuten wird häufig zu früh für die Rentenlösung entschieden, "auch weil psychisch kranke Menschen nicht oder nicht rechtzeitig behandelt werden". Die Therapeuten trommeln hier auch in eigener Sache, denn sie fordern seit Langem und pauschal den "Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung".

Nach Angaben der Kammer warten Patienten derzeit im Schnitt etwa drei Monate auf einen ersten Termin in einer Praxis. Viele Kranke blieben deshalb unbehandelt. "Das ist der Beginn der Misere, die von der Chronifizierung in die Frühverrentung führt", mahnen die Therapeuten.

Auch die Arbeitgeberverbände beklagen seit langer Zeit "Versorgungsdefizite, lange Wartezeiten für Erkrankte und Verschiebebahnhöfe zwischen den Sozialversicherungsträgern".

(RP)
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