Neues Sprachsystem für Stephen Hawking - Computer spricht für ihn

London : Neues Sprachsystem für Stephen Hawking

Der 72 Jahre alte britische Physiker kann seinen Sprachcomputer mit nur einem Muskel in der Wange steuern.

Im Jahr 1985 hat Stephen Hawking zum letzten Mal mit seiner eigenen Stimme gesprochen. Seit 30 Jahren ist der weltberühmte theoretische Physiker und Bestseller-Autor für jede Form der Kommunikation auf technische Hilfe angewiesen. Hawking leidet an einer Form von ALS. Bei dieser unheilbaren Krankheit sterben die Nervenzellen, die für die Bewegung der Muskeln verantwortlich sind. Ob er Bücher schreibt oder Vorträge hält: Stephen Hawking benutzt einen Computer, mit dem er Wort für Wort seine Sätze zusammenbaut. Zehn Jahre lang steuerte er das Gerät noch mit dem Daumen per Joystick. Doch seit 2008 ist ihm auch diese Möglichkeit verwehrt, weil er die Finger nicht mehr bewegen kann. Jetzt registriert ein Infrarotsensor an seiner Brille die Bewegung eines einzigen Wangenmuskels. Seitdem ist es Stephen Hawking immer schwerer gefallen, sich auszudrücken. Pro Minute schaffte er nur ein oder zwei Wörter. Einen Text bis zu dieser Stelle zu schreiben, hätte für Hawking etwa zwei Stunden gedauert. Für einen Menschen mit einem regen Geist wird Kommunikation zur Geduldsprobe.

Kurz vor seinem 73. Geburtstag hat Stephen Hawking ein besonderes Geschenk erhalten. Computer-Spezialisten von Intel haben gemeinsam mit dem Start-up-Unternehmen SwiftKey in einer dreijährigen Entwicklungsarbeit eine neue Software für den Rechner des Physikers geschrieben. Herzstück ist eine Funktion, die die Wörter errät, die Hawking benutzen will. Hawking könne damit etwa zehnmal schneller schreiben als vorher, sagte Lama Nachman, Entwicklungsingenieurin bei Intel, bei der Vorstellung der Software. Damit würde Hawking bis zu dieser Stelle des Textes nur noch etwa eine Viertelstunde benötigen.

Wie sehr der Physiker von dieser künstlichen Intelligenz profitiert, zeigt, dass er gleich die Gelegenheit für öffentliche Auftritte nutzte. Hawking gab dem britischen TV-Sender BBC seit langer Zeit wieder ein Interview. Der Computer verwandelt die Wörter wie vorher auch in Sprache. Hawking behielt seine alte Kunststimme, obwohl die Entwickler ihm eine andere geben wollten, die seiner ursprünglichen Stimme viel mehr ähnelt. "Dieses klare, roboterhafte Artikulieren ist ein Art Markenzeichen geworden", sagte Hawking, "ich möchte es nicht mehr gegen eine natürlichere Stimme mit britischem Akzent tauschen." Hawkings Stimme wurde Ende der 1980er Jahre für automatische Telefonansagen entwickelt.

Der Wissenschaftler hofft, dass sein Prototyp auch für andere Menschen mit ähnlichen Behinderungen hilfreich sein wird. Wenn die Medizin nicht mehr helfen könne, müsse das die Technik tun, sagte Hawking. Die neue Software habe dabei die bisher bekannten Grenzen des Machbaren eingerissen. Das Prinzip funktioniert ähnlich wie die automatische Rechtschreibkorrektur und Wort-Erkennung eines modernen Smartphones - ist aber deutlich effektiver. "Während der Nutzer eines Mobiltelefons schnell tippt und dabei Fehler macht, die das Telefon korrigieren soll, geht es für Hawking darum, längere Texte mit möglichst wenig Aufwand zu schreiben", sagte Joe Osborne von SwiftKey. Auf Hawkings Bildschirm läuft der Cursor ständig über Buchstaben, Zahlen, Wortvorschläge oder Links zu Skype, zum E-Mail-System oder ins Internet. Wenn er mit dem Wangenmuskel zuckt, wird das betreffende Element ausgewählt. Nach jeder Entscheidung wird ein neues Angebot auf dem Bildschirm aufgebaut. Je präziser das funktioniert, desto schneller kann Hawking arbeiten.

Die wichtigste Verbesserung sei für ihn die richtige Vorhersage des nächsten Wortes, das er benutzen wolle, erklärte Hawking in der BBC. Das ist teilweise einfach: Hawking forscht an der Entstehung von sogenannten schwarzen Löchern. So schlägt das System nach dem Wort "schwarz" automatisch das Wort "Loch" in der jeweils richtigen grammatischen Form vor. Der Begriff "Schwarzes Loch" sei für Hawking jetzt mit einer einzigen Aktion zu schreiben, erklärt Lama Nachman.

Aber das System erkennt auch viel kompliziertere Zusammenhänge. Die Software-Entwickler bei SwiftKey haben dafür unzählige Schriften von Stephen Hawking ausgewertet und seine Sprache analysiert. Die Software erkennt auch, über welches Thema der Physiker sprechen oder schreiben möchte und schlägt entsprechende Begriffe aus diesem Bereich vor. Im Schnitt müsse der Physiker nur noch ein Fünftel der Buchstaben auswählen, damit das Wort vollständig werde, sagt Nachman.

Stephen Hawking nutzte die Interviews gleich zu einer Warnung vor der Technologie, von der er selbst doch auf großartige Weise profitiert. Der Mensch könne mit den Fortschritten der künstlichen Intelligenz bald nicht mehr konkurrieren, prophezeit der Physiker. Sie könnte sogar das Überleben der Menschheit gefährden, wenn die Programme dereinst mit der Fähigkeit ausgestattet werden, dass sie sich selbst weiterentwickeln und verbessern.

(RP)
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