Neue Studie Ist Kaffee ein echter Wachmacher oder tatsächlich nur ein Placebo?

Zürich · Kaffee macht wach, froh und munter - so heißt es. Neue Studien von Schlafmedizinern bringen diese Annahme nun ins Wanken. Was die Wissenschaftler herausgefunden haben und wie die morgendliche Tasse Koffein doch noch wirkt.

 Der erste Kaffee am Morgen: ein Hochgenuss.

Der erste Kaffee am Morgen: ein Hochgenuss.

Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Und was, wenn er uns Kaffeejunkies morgens gar nicht wach, froh und munter macht, wie wir das immer glaubten? Sondern wenn er nur ein Loch füllt, das über Nacht entstanden ist?

Das ist tatsächlich das Resultat mehrerer aktueller Studien, die jetzt von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) vorgestellt wurden. Zweifellos mache Kaffee vor allem jemanden wach, der zu kurz geschlafen habe oder bereits sehr lange wach sei: „Dann unterstützen koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Tee, das Wachheitsgefühl. Ausgeschlafen und wach ist es so, dass Koffein uns nicht wacher macht, als wir es schon sind“, heißt es in einem Bulletin der DGSM.

Menschen, die regelmäßig Kaffee trinken, konsumieren ihn morgens, so die wissenschaftliche These, eher wie eine kleine Droge, denn über Nacht bilde sich ein „Mini-Entzug“. Den sättigt dann bereits die erste Tasse Kaffee am Morgen. Aber sie macht einen nicht unbedingt schwungvoller. Der Schwung ist längst da. Vielmehr kitzelt sie das Belohnungssystem im Gehirn, sie flutet den Körper unter anderem mit dem Botenstoff Dopamin oder dem Hormon Noradrenalin. Darin ist der Mensch der Ratte vergleichbar, die in einem Laborlabyrinth auf einer ihr bekannten Strecke schon vor dem ersehnten Käse aus dem Käfig genommen und auf Botenstoffe untersucht wird: Auch ihr läuft sozusagen das Wasser der Vorfreude im Mund zusammen. Bei uns ist das Schmurgeln und Fauchen der Kaffeemaschine, das zarte Formen von Glück weckt.

Schlafmediziner aus der Schweiz haben die Sache gründlich angepackt. Sie haben Kaffeetrinker entwöhnt und gebeten, „ein bis zwei Wochen auf Koffeingenuss zu verzichten, um sie wieder sensibel zu machen für diese psychoaktive Substanz“. Die Forscher um Hans-Peter Landolt vom pharmakologischen Institut der Universität Zürich konnten zeigen, „dass sogar schon vier Tage Abstinenz ausreichen, um mit einer morgendlichen Koffeineinnahme einen reduzierten Tiefschlaf in der darauffolgenden Nacht hervorzurufen“, erklärt Carolin Reichert, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Die Botschaft aus Zürich ist eindeutig: „Wenn wir einen wachmachenden Effekt von Kaffee und Co. haben möchten, dann dürfen wir ihn nicht chronisch konsumieren“, sag Carolin Reichert. „Kaffee ist nur dann ein Wachmacher, wenn unsere Rezeptoren sensitiv auf ihn reagieren, und dazu braucht es Phasen der Abstinenz“. Die Wissenschaftlerin legt aber jenseits der Munterkeit Wert auf die wissenschaftliche erhärtete Annahme, dass Kaffeegenuss „vor neurodegenerativen Erkrankungen schützen könnte“. Auch im psychiatrischen Bereich, zum Beispiel bei affektiven Störungen, sei „ein regelmäßiger Konsum günstig“.

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