Düsseldorf: Müde Menschen sind kreativer

Düsseldorf : Müde Menschen sind kreativer

Honoré de Balzac hasste die Müdigkeit. Um sie zu vertreiben, kippte er bis zu 40 Tassen Kaffee täglich in sich hinein. Der französische Romancier wurde zu einem produktiven und innovativen Schriftsteller – doch möglicherweise hätte er noch mehr geschafft, wenn er die Müdigkeit nicht in Kaffee ertränkt hätte. Denn die ist, wie jetzt US-Forscher herausgefunden haben, ein Motor der Kreativität.

Die Psychologinnen Mareike Wieth und Rose Zacks ließen 428 Studenten zunächst einen Fragebogen ausfüllen, mit dem der tägliche Zeitpunkt ihres geistigen Leistungshochs ermittelt wurde. 195 Probanden stellten sich dabei als "Eulen" heraus, die es lieben, abends spät ins Bett zu gehen und morgens spät aufzustehen. 28 Studenten offenbarten sich als Lerchen, die nach dem Muster "Der frühe Vogel fängt den Wurm" schon in aller Frühe ihren Tag beginnen. Die übrigen Probanden konnten keiner Gruppe zugeordnet werden.

Anschließend sollten die Studenten drei analytische und drei kreativ-assoziative Aufgaben lösen. Zur letzteren Fragegruppe gehört beispielsweise: "Wasserlilien verdoppeln sich in ihrem Bezirk alle 24 Stunden. Bei Sommeranfang schwimmt eine Lilie auf dem See, nach 60 Tagen ist er komplett von den Pflanzen zugedeckt. Nach wie vielen Tagen ist er halb bedeckt gewesen?" Die Antwort (sie lautet: 59) darauf wird in der Regel nicht analytisch erarbeitet, sondern sie fällt spontan wie ein Groschen: der berühmte Aha-Effekt.

Die Studenten wurden einmal morgens und einmal nachmittags getestet. Zum Lösen der Aufgaben hatten sie jeweils vier Minuten Zeit. Im Ergebnis zeigte sich, dass die analytischen Leistungen der Eulen und Lerchen vor- und nachmittags ungefähr gleich gut waren. Im kreativen Bereich gab es jedoch deutliche Unterschiede.

Die Studenten waren nämlich genau dann am kreativsten, wenn sie eigentlich besonders müde sein mussten: die Eulen am frühen Morgen und die Lerchen am späten Nachmittag. In diesen Zeiten beantworteten sie rund ein Drittel mehr kreative Fragen, als wenn man sie ihnen zu ihren aufgeweckten Phasen stellte. In analytischen Fächern gilt dies jedoch nicht. Wenn jemand übermüdet zur Mathe-Klausur antritt, muss er mit dem Durchfallen rechnen.

Bleibt die Frage, warum Müdigkeit ausgerechnet kreative Prozesse anstacheln kann. Wieth und Zacks vermuten die Antwort in der spezifischen Arbeitsweise unseres Gehirns. Im wachen Zustand zeichnet es sich nämlich durch eine hohe Konzentrationsfähigkeit aus, was aber gleichzeitig bedeutet, dass es nur die Schubladen im Gedächtnis zieht, die wirklich zur Lösung der Aufgabe benötigt werden.

Im ermüdeten Zustand kommt es hingegen vor, dass auch Inhalte abgerufen werden, die auf den ersten Blick kaum sinnvoll erscheinen. Oder anders ausgedrückt: Das müde Hirn ergeht sich im ziellosen Umherschweifen, es bedient sich eher aus der Trick- als aus der Faktenkiste – und dabei kann dann auch mal etwas Neues ans Tageslicht kommen.

Psychologen sind sich einig, dass Kreativität nicht zwangsläufig hohe Intelligenz zur Voraussetzung hat. Notwendiger seien vielmehr die Freude am freien Assoziieren und die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel. Zu bedenken bleibt freilich, dass es ohne Faktenkenntnis nichts gibt, was der Geist gestalten könnte.

(RP)