Düsseldorf: Mini-Schweine aus chinesischen Labors

Düsseldorf: Mini-Schweine aus chinesischen Labors

Schöpfer spielen mit der Gen-Chirurgie: In China und den USA wird die neue Technik an Lebewesen ausprobiert.

Die Gentechnik-Konferenz im chinesischen Shenzen konnte mit einer überraschenden Attraktion aufwarten: Mehrere kleine Schweinchen eroberten sofort die Herzen der Besucher. Die putzigen Publikumslieblinge werden selbst im ausgewachsenen Zustand nur etwas größer als der Oberarm eines Menschen. Die Tiere sind gleichzeitig eine wissenschaftliche Sensation, denn sie sind das Produkt moderner Gen-Chirurgie. Die chinesischen Wissenschaftler haben mit eine Art Schere im Erbgut der Schweine ein Gen ausgeschaltet, das für das Wachstum der Tiere notwendig ist. Ansonsten seien die Schweinchen völlig gesund, berichtet Yong Li, technischer Direktor beim Beijing Genome Institut (BGI) im Wissenschaftsmagazin "Nature". Das BGI besitzt den weltweit größten Maschinenpark zur vollständigen Entschlüsselung der DNA von Menschen, Tieren und Pflanzen. Seit kurzem haben die Forscher begonnen ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen.

Die beiden Beagles mit den Namen "Herkules" und "Tiangou" (chinesisch für Himmelshund) von der Nanjing Universität sind nicht so herzerweichend wie die Schweinchen. Dafür erreichen sie die doppelte Muskelmasse im Vergleich zu ihren natürlichen Artgenossen. Ihnen fehlt ein bestimmtes Protein (Myostatin), das normalerweise das Wachstum der Muskeln reguliert.

Diese Veränderung kommt gelegentlich auch in der Natur vor. Sie wird bereits in der Zucht von bestimmten Fleischrassen bei Rindern ausgenutzt. Aber die chinesischen Forscher haben auf die herkömmlichen und aufwendigen Zuchtverfahren verzichtet. Sie wissen, welches Gen für Produktion des Wachstumsregulators zuständig ist - und haben es mit Gen-Chirurgie einfach abgeschaltet.

Die Forscher haben 64 Hunde-Embryos kurz nach der Befruchtung der Eizellen in dieser Form behandelt. 27 Welpen wurden geboren, aber nur zwei davon besaßen die gewünschten Eigenschaften. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere ihre neuen Eigenschaften an die Nachkommen weitergeben.

Das US-Wissenschaftsmagazin "MIT Technology Review" berichtet, dass in China auch Ratten, Kaninchen, Ziegen und Affen auf ähnlichen Wegen verändert werden. Der Einsatz von Gen-Chirurgie besitze eine hohe wissenschaftliche Priorität und sei Teil von Chinas Bemühungen, Weltklasse-Forschung zu etablieren, zitiert das Magazin Duanqing Pei, ein Vertreter der chinesischen Akademie der Wissenschaften.

Lüftet man den Schleier dieser Ankündigung, steckt dahinter eine klare Aussage: Die Forscher haben im begrenzten Rahmen damit begonnen, Schöpfer zu spielen. Nicht nur in China, auch in anderen Ländern wächst die Zahl der Anhänger für eine neue Philosophie der Naturwissenschaft: Eine bessere Welt durch eine bessere DNA. Diese Formel dient als Rechtfertigung für den Eingriff in das Erbgut. Diese Gruppe denkt darüber nach, wenigstens ein paar Schwächen der Evolution auszugleichen. Ihre Spielwiese ist nicht der Mensch - zumindest noch nicht -, sondern sie konzentriert sich auf Tiere und Pflanzen. Und manche Vorschläge haben eine scheinbar erdrückende Argumentationskraft. Beispielsweise der Gedanke, die Fortpflanzung von Mücken durch genetische Tricks zu blockieren und auf diesem Weg Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber auszurotten, die von den Insekten übertragen werden.

Die Chinesen sind nicht die einzigen, die moderne Verfahren der Gentechnik an Tieren einsetzen. Weltweit werden Millionen Labormäuse seit Jahrzehnten genetisch verändert. Es werden Gene eingefügt, eingeschaltet oder ausgeknipst. Die Tiere dienen dann als Modelle für die Forschung. An ihnen werden Wirkstoffe getestet oder die Entstehung von Krankheiten studiert.

Die Mäuse sind die typischen Versuchstiere in den Laboratorien der Wissenschaft. Doch seit drei Jahren verfügen die Forscher über ein neues Verfahren für die Genchirurgie. Es trägt den komplizierten Namen CRISPR/Cas9 und hat gegenüber seinen Vorgängern drei wesentliche Vorteile. CRISPR/Cas9 ist schnell, kostengünstig und einfach in der Handhabung.

Welche Möglichkeiten die neue Methode bietet, hat der US-Genetiker George Church bewiesen. Er darf sich als Rekordhalter bei der Gen-Chirurgie fühlen. Der Forscher an der Universität Harvard hat in einem Schwein gleich 62 Gene verändert. Der wissenschaftliche Nachweis für diese Leistung steht noch aus, aber Fachleute hegen kaum Zweifel daran. Der Harvard-Professor und auch die anderen Forscher, die sich in den vergangenen Wochen mit ihrer Arbeit in das Rampenlicht der wissenschaftlichen Fachzeitungen wagten, nennen scheinbar gute Gründe für den Eingriff in das Genom. Die Schweine aus Churchs Gen-Labor eignen sich möglicherweise als Organspender. Nach den gen-chirurgischen Eingriffen soll die Abstoßungsreaktion bei der Transplantation von Tierorganen auf den Menschen deutlich geringer ausfallen.

Die Befürworter der Gen-Chirurgie verweisen darauf, dass auch die etablierten Züchtungsmethoden auf die Förderung bestimmter genetischer Merkmale ausgerichtet sind. Auch dort finde eine gezielte Selektion statt. Die Gen-Chirurgie arbeite wie die Natur - nur schneller.

(RP)
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