Miles Davis und John Coltrane in Europa

Miles Davis und John Coltrane in Europa

Jazz Im Frühling des Jahres 1960 ging Miles Davis auf Europa-Tournee. Dass diese Konzertreihe sein Durchbruch auf dem Kontinent sein würde, war zunächst nicht abzusehen: John Coltrane wollte nämlich auch mit, und der Kamerad war nicht gut drauf. Er litt seit seiner Jugend an Zahnproblemen, und nun hatte er acht arg angegriffene Zähne durch eine Brücke teils ersetzen und teils verstärken lassen. "Mach das nicht!", hatte der 33-jährige Miles Davis geraten, weil er fürchtete, der Eingriff verändere den Sound des gleichaltrigen Saxophonisten.

Jazz Im Frühling des Jahres 1960 ging Miles Davis auf Europa-Tournee. Dass diese Konzertreihe sein Durchbruch auf dem Kontinent sein würde, war zunächst nicht abzusehen: John Coltrane wollte nämlich auch mit, und der Kamerad war nicht gut drauf. Er litt seit seiner Jugend an Zahnproblemen, und nun hatte er acht arg angegriffene Zähne durch eine Brücke teils ersetzen und teils verstärken lassen. "Mach das nicht!", hatte der 33-jährige Miles Davis geraten, weil er fürchtete, der Eingriff verändere den Sound des gleichaltrigen Saxophonisten.

Und so saß Coltrane missgestimmt hinter der Bühne, abgesondert von den anderen. Außerdem hatte er nur einen Anzug dabei und bloß zwei Hemden. Davis war viel schicker in seinen maßgeschneiderten Smokings, und auch das hob nicht gerade Coltranes Laune. Fünf der Konzerte, die Davis und Coltrane auf jener legendären Tour gaben, sind nun erstmals offiziell erschienen, und zwar auf vier CDs im Rahmen der großartigen "Bootleg-Series" von Columbia.

Von den Spannungen der beiden Helden hört man indes gar nichts, jedes Dokument ist anders aufregend. 1960 war ja ein Transitjahr für Davis und Coltrane. Ihre Wege sollten sich nach der Rückkehr in die USA trennen, sie würden unabhängig voneinander das Neue suchen und finden, und man meint das hier bereits zu spüren. Sie mischen Standards der 1940er und 50er Jahre mit offeneren Komposition. "On Green Dolphin Street" steht neben "So What".

Und der größte Moment ist jener in Paris, als Coltrane in "So What" sein Solo beginnt. Davis soll, so steht es im ausführlichen Booklet, bei der Gelegenheit wie stets die Bühne verlassen haben. Und so zersägt Coltrane die Komposition alleine. Er spielt mehrere Noten zugleich, rau und frei, und er ist eine Wucht. Er lässt sich forttragen, und man hört schon Spuren des Stücks "Impressions", an dem er damals arbeitete und das er erst 1962 veröffentlichte.

"Darf man so spielen?", werden Jazz-Magazine später fragen. Das Publikum raunt; man kann unmittelbar nachvollziehen, wie die Leute da gerade Unerhörtes erleben. Auf dieser Tournee begann die Zukunft, und sie klingt verflixt gut.

(RP)