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München: Michael Krüger – der Herr der Bücher geht

München : Michael Krüger – der Herr der Bücher geht

Zum Jahresende verlässt der Hanser-Chef mit 70 Jahren den Verlag. Der Publizist, Erzähler, Dichter und Übersetzer ist ein einzigartiges Urgestein des Literaturbetriebs und wird auch im Ruhestand maßlos tätig bleiben.

Seinen 70. hat er bereits am 9. Dezember gemeistert; die weitaus schwierigere Aufgabe aber wartet auf ihn zum Jahreswechsel: nämlich vom Chefsessel des Münchner Hanser-Verlags Abschied zu nehmen. Beinahe 28 Jahre wird er dann den renommierten Literaturverlag geführt haben, doch eigentlich sträubt sich viel in einem, Krüger in die verdienstvolle, aber doch eher langweilige Ecke eines Verlegers zu stellen. Krüger war mehr, und in der Rückschau gewinnt man den Eindruck, dass er in Sachen Literatur fast alles einmal war.

Aber der Reihe nach, und zu Beginn vielleicht mit einer Geschichte des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom – über den einsamen Reisenden, der sich an einem eiskalten Januartag im Hotel Le Ginestra in Recanati einquartiert. Sein Name: Michael Krüger. Doch als die junge Frau an der Rezeption nach dem Beruf des Gastes fragt, "schien er kurz zu zögern, als müsse er etwas überwinden, sagte dann aber doch ziemlich laut: poeta".

Poeta? Ja doch, weil Krüger nicht nur ein großer Leser, Übersetzer und markanter Verleger ist, sondern – und dies vielleicht am innigsten –: ein Dichter und Erzähler. Über 40 Bücher hat er geschrieben und zum Abschied – neben zwei Anthologien – auch noch einen neuen Lyrikband. "Umstellung der Zeit" heißt er prophetisch, doch findet sich darin der bekannte, unaufgeregte und provozierend zeitlose Krüger-Sound, vielleicht eine Prise melancholischer als sonst.

Viel ist von Natur die Rede, auch von den Botschaften des Regens, die dezent auf Ingeborg Bachmann anzuspielen scheinen. Auch der Tod und das Schweigen werden mit Versen bedacht oder nur das Verschwinden: "Ich habe den Sand gezählt / im Negev, den herrlichen Sand, / der meine Spur nicht halten kann." Und: "Lieber die Klappe halten, / die Stille ist laut genug."

In seiner Poesie ist Krüger nie larmoyant; Attitüden sind ihm im Leben wie in der Dichtkunst fremd. Als Kulturmensch betrachtet er die Welt vielmehr aus neugieriger Distanz, die tote Amsel vor der Fensterscheibe oder den Igel im heimischen Garten, der den kurzgeschorenen Rasen für das "Ende der Zivilisation" und den Zaun für ein "Werk des Teufels" hält.

Er weiß manchmal auch um die Unverbindlichkeit von Worten. "Wir leben in guten Verhältnissen", heißt es in "Schnee"; wir lesen die Zeitung, lieben Mörike und sehen zu, wie Hamlet zweifelt. Doch wie zynisch schneidet sich dann dieser Vers durch die Hymne unserer Bildung: "auch die Armut lässt uns nicht kalt".

Die meisten seiner Bücher hat Michael Krüger bemerkenswerterweise nicht im eigenen Verlag publiziert. Residenz und vor allem Suhrkamp heißen seine bevorzugten und gleichfalls guten Adressen. Noch komischer aber ist es, wenn der Verleger als Autor munter vom Untergang des Buches erzählt. "Das Ende des Romans" ist eins seiner virtuosen Meisterbücher, in dem Seite für Seite eines Manuskriptes verlorengehen. Am Ende leistet noch eine Kuh finale Dienste. Der Autor des Manuskriptes aber ist keineswegs zermürbt; das Ende seines Romans erlebt er am Ende des Krüger-Romans als eine echte Befreiung. So schließt er das Haus ab, wirft den Schlüssel in den See und macht sich auf den Weg, "kräftig ausschreitend, als gäbe es nur mich allein auf der Welt". Und dieser Schlusssatz liest sich so, als habe Krüger, der Buchmensch, immer wieder auch davon geträumt.

Krüger ist ein geborener Dichter und Erzähler. Das ist ziemlich selten für einen Verleger hierzulande. Dass dieser Dichter aber auch ein geborener Verleger ist, darf als einzigartig gelten. Der 1943 in Sachsen-Anhalt Geborene ist ein verlegerisches Urvieh. Es gibt keinen Publizisten in Deutschland, der auf den Messen von morgens bis abends am Stand ausharrt, stets in einem hellblauen Oberhemd (er muss hunderte davon im heimischen Kleiderschrank haben); meist ein bisschen zerknittert und die Ärmel hoch aufgekrempelt. Am Stand war er nicht nur für seine Starautoren da, und Hanser hat etliche, darunter drei aktuelle Nobelpreisträger. Er plaudert genauso gern mit Buchhändlern, Lesern, Kritikern. In einer zunehmend der Effizienz huldigenden Branche war seine unerhörte Standpräsenz eine Zeitverschwendung aus purer Leidenschaft und Überzeugung.

Der verrückte Büchermacher, der bis zuletzt jedes Buch seines Verlags gelesen haben soll, konnte, wie es schien, nie abschalten. Auch nicht auf den vielen exklusiven Messepartys. Denn auch darüber hat er geschrieben – über die amourösen Abenteuer, mit denen ein "anstrengender Tag des Kampfes ums Buch" ausklingt. Und über die Kosten: "Jeder Empfang frisst den Gegenwert von 100 000 verkauften Büchern, den Wein nicht mitgerechnet."

Es war recht leicht, den Hanser-Chef an die Strippe zu bekommen. Man musste nur warten, bis alle Mitarbeiter in den Feierabend gegangen waren und Krüger allein im Hause war. Wo immer auch dann ein Telefon klingelte, griff der Geschäftsführer beherzt wie manisch zum Hörer, weil er es einfach nicht ertragen konnte, dass jemand vergeblich in seinem Haus anrief.

Im Advent gab es von ihm auf der Internetseite des Verlags jeden Tag eine kleine Videobotschaft; sehr einfach, nett naiv, manchmal banal. Über Literatur und Alkohol. Über Jean Paul und das Chaos auf seinem Schreibtisch. Im letzten Film am 24. Dezember verlässt er dann das Verlagshaus, allein, ein bisschen strubbelig geworden von den Bedenklichkeiten des Tages. Er tritt auf die Straße, öffnet minmal-pathetisch die Arme und sagt bloß: "Frei!"

Ehrlich? Und ob er nun das werden kann, was er immer schon sein wollte – eine Art Renaissancefürst? Dann aber dürfte es ein umtriebiger Edelmann sein, denn Krüger ist kürzlich zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gewählt worden, er ist Präsidiumsmitglied des Goethe-Instituts und wird am Leipziger Literaturinstitut lehren. Zwischendurch schreibt er natürlich neue Bücher; der Titel seines nächsten Romans im kommenden Jahr wird "Das Testament" sein. Seine Erben sollten sich aber nicht zu früh freuen, sondern im jüngsten Gedichtband lesen. Dort findet sich Krügers Existenz-Vers: "Wir leben länger als gedacht."

(RP)