1. Panorama
  2. Wissen

Serie Top 10 Der Architektur Im Rheinland (4): Krefelder Trutzburg des Bauhauses

Serie Top 10 Der Architektur Im Rheinland (4) : Krefelder Trutzburg des Bauhauses

Mies van der Rohes Häuser Lange und Esters gelten als Marksteine moderner Architektur - und als Schaufenster zeitgenössischer Kunst.

Krefeld Architektur und Design des Bauhauses gelten fast 100 Jahre nach ihrer Geburt noch immer als heilige Kühe der Gestaltungskunst. "Weniger ist mehr", so hatte Ludwig Mies van der Rohe, der 1932 von den Nationalsozialisten vertriebene kurzzeitige Direktor des Bauhauses in Dessau, einst programmatisch festgestellt. In Krefeld zeugen zwei seiner bedeutendsten Bauten davon, wie er das meinte: die Häuser Lange und Esters.

Die nebeneinander liegenden dunkelroten Backsteinquader, ursprünglich als Wohnhäuser angelegt, wirken etwas düster, fast wie Fabrikimmobilien. Und wenn vor dem linken Gebäude, Haus Esters, nicht eine überdimensionierte Zahnbürste des amerikanischen Pop-Künstlers Claes Oldenburg aufragte, käme man nicht darauf, dass es sich um Ausstellungsräume für Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts handelt.

Die strenge Formgebung des Bauhauses findet weltweit nach wie vor zahllose Bewunderer, doch wenn man solche Stein gewordenen Verbeugungen vor dem rechten Winkel unmittelbar erlebt, versteht man auch, dass der Moderne eine spielerische Postmoderne folgen musste.

Alles an den beiden Krefelder Bauten, die Mies van der Rohe für die Textilfabrikanten Josef Esters und Hermann Lange entwarf, harmoniert mit allem: die strikten Grundrisse mit den Böden aus Nussbaum oder Eiche und diese mit den Heizkörperverkleidungen aus denselben Hölzern; die rechteckigen Türgriffe mit den Kuben, die sich in Gestalt einzelner Räume wie Schachteln ineinanderzuschieben scheinen. Die Innenarchitektin und Designerin Lilly Reich, zur Entstehungszeit der Bauten 1928-1930 Partnerin von Mies van der Rohe, hat das weißwandige Innere der Flachdach-Häuser bis in Details in seinem Geiste gestaltet.

Schon den Bauherren müssen Zweifel gekommen sein, ob man sich in einer solch rationalistischen Umgebung wohlfühlen kann. Sie waren zwar von Mies' Entwürfen begeistert, mochten aber nicht seinem Vorschlag folgen, zugunsten einer offenen Innenarchitektur auf Türen zu verzichten. Als Sammler zeitgenössischer Kunst nutzten sie im Übrigen die Möglichkeit, die zur Sterilität neigenden Räume mit Farben und Formen zu füllen.

Ulrich Lange, der Sohn des einen Bauherrn, schenkte das Haus 1968 der Stadt Krefeld mit der Maßgabe, es als Ort für zeitgenössische Kunst zu etablieren. 1976 erwarb die Stadt Haus Esters, fünf Jahre später eröffnete sie es als weiteres Ausstellungsinstitut. Seitdem gelten "Haus Lange/Haus Esters" als erste Adresse im internationalen Kunstbetrieb. Richard Serra und Richard Long stellten dort aus, Ulrich Rückriem und Gregor Schneider. Gerhard Richter zeigte 1989 in Haus Esters erstmals seinen Aufsehen und Anstoß erregenden RAF-Zyklus "18. Oktober 1977".

Immer wieder haben Künstler auch auf die Architektur der beiden Bauten Bezug genommen - teils um Mies van der Rohe ihren Respekt zu erweisen, teils um die strenge Architektur als Kontrast zu einer fließenden, dynamischen Malerei oder Objektkunst zu nutzen. Exemplarisch führen das die beiden Ausstellungen vor, die dort zurzeit zu sehen sind: in Haus Esters Imi Knoebels geometrische "Kernstücke", in Haus Lange ein sich durch sämtliche Ausstellungsräume ziehendes, schlangenförmiges Gemälde des Amerikaners David Reed.

In Mies van der Rohes Schaffen gelten die Häuser Esters und Lange als Bindeglied zwischen der rationalen Raumauffassung, wie er sie in seinem Projekt "Die Wohnung" für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung umsetzte, und dem offenen Raumkonzept des Pavillons, den er 1929 als deutschen Beitrag für die Weltausstellung in Barcelona entwarf. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er sich hierzulande vor allem als Baumeister der Neuen Nationalgalerie in Berlin einen Namen.

Haus Esters und Haus Lange demonstrieren mitsamt den Parks, die sie umgeben, die Ganzheitlichkeit des Bauhaus-Gedankens. Zugleich zeigen sie dessen Grenzen auf. Wer aus den beiden Museen in den aus großen, rechteckigen Rasenflächen, Sträuchern, Bäumen und Skulpturen bestehenden, auf Blumen weitgehend verzichtenden Park blickt, wird nicht nur die Harmonie bewundern. Er wird womöglich auch erschaudern angesichts des seelenlosen Gleichklangs.

Ironie der Geschichte: Die Nationalsozialisten hatten zeitweilig in Betracht gezogen, den ihnen gegenüber opportunistischen Mies van der Rohe als Gründer einer neuen, nationalsozialistischen Architektur zu feiern. Dann aber entschieden sie sich für einen monumentalen Neoklassizismus und andere repräsentative Stile aus der Tradition. So hat das Bauhaus seine Unschuld bewahrt.

(RP)