„Globaler Punchingball“ Darum sind die USA Spitzenreiter bei Unwetterkatastrophen

New York · Wieder haben Tornados in Teilen der USA Menschenleben gefordert - das ist nur die jüngste der vielen Unwetterkatastrophen, die alljährlich die Vereinigten Staaten treffen. Woran liegt das eigentlich?

Trümmerhaufen in der Gegend von Indian Hills in North Little Rock nach den Tornados.

Trümmerhaufen in der Gegend von Indian Hills in North Little Rock nach den Tornados.

Foto: dpa/Staci Vandagriff

Die USA sind der Punchingball der Welt, was schwere Unwetter betrifft. Zwei Ozeane, der Golf von Mexiko, die Rocky Mountains, ins Wasser ragende Halbinseln wie Florida, aufeinander prallende Sturmfronten und der Jetstream - das alles verbindet sich zu einem üblen Gebräu, das massive Wetterauswüchse wie die jüngste tödliche Tornado-Serie im Süden und mittleren Westen der USA fördert, wie Experten sagen.

Die Natur hat dem Land zwar schlechte Karten gegeben, doch Menschen haben die Sache noch viel schlimmer gemacht - etwa durch das, was sie bauen, wo und auf welche Weise, wie Experten der Nachrichtenagentur AP sagten. Fügt man noch den Klimawandel hinzu, dann gilt: „Schnalle dich an, mehr extreme Ereignisse sind zu erwarten“, sagt Rick Spinrad, Leiter der US-Behörde für Ozeanographie und Atmosphäre (NOAA). Als da wären: Tornados, Hurrikane, Überschwemmungen, Dürre, Flächenbrände, Blizzards, Eisstürme, Hitzewellen, schwere Gewitter, Hagel, Blitze, Staubstürme, Monsune und Bombenzyklone. Dazu kommen nordamerikanische Wetterphänomene wie Nor'easter, Lake-Effekt-Stürme, Derecho-Sturmfronten, atmosphärische Flüsse und natürlich die verhassten Polarwirbel.

Es beginne damit, „wo wir uns auf dem Globus befinden“, sagt die leitende Klimatologin im US-Staat North Carolina, Kathie Dello. „Es ist wirklich etwas Pech.“ Und die Expertin Susan Cutter von der University of South Carolina erklärt, China habe zwar mehr Einwohner und ein großes Landgebiet wie die USA, aber „sie haben nicht die gleiche Art des Zusammenprallens von Luftmassen wie wir, die viel von den schlimmen Wettern erzeugen“.

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Die USA sind mit Abstand der globale Spitzenreiter, was Tornados und andere schwere Stürme betrifft. Das liegt zunächst an der Geografie. „Es fängt wirklich mit zwei Dingen an. Nummer eins ist der Golf von Mexiko, und Nummer zwei ist erhöhtes Terrain im Westen“, sagt Victor Gensini, ein Meteorologie-Professor an der Northern Illinois University. Gut zu beobachten war das bei der jüngsten verheerenden Tornado-Serie in Teilen der USA: Trockene Luft aus dem Westen stieg über den Rocky Mountains auf und prallte in warme, feuchte Luft aus dem Golf von Mexiko. Und alles passierte entlang eines stürmischen Jetstreams in großer Höhe.

Für weitere Extreme sorgen Westen der USA atmosphärische Flüsse, das sind breite und lange Luftströmungen aus den Tropen, die sich mit Feuchtigkeit vollgesogen haben, wie jene, die Kalifornien kürzlich katastrophal schweren Regen und in höheren Lagen Rekordschnee bescherten. Im Nordosten am Atlantik sind es die großflächigen Nor'easter-Stürme im Winter, Hurrikane im Sommer und Herbst, und manchmal eine merkwürdige Kombination von Beidem - wie der Supersturm „Sandy“ 2012.

„Es ist eine Realität, dass du egal, wo du im Land zu Hause bist, wahrscheinlich aus erster Hand ein schwerwiegendes Wetterereignis erlebt hast“, sagt Spinrad.

Angesichts kalter Luft, die aus der Arktis aufsteigt, und wärmerer in den Tropen bekommt das Gebiet dazwischen - die mittleren Breitengrade, wo die USA liegen - das „interessanteste“ Wetter, wie Walker Ashley, ebenfalls ein Meteorologie-Professor an der Northern Illinois University, formuliert. Das liege an der Art und Weise, wie die Luft in aufeinander prallenden Temperaturgegensätzen reagiere. Dieses nord-südliche Temperaturgefälle treibe den Jetstream an.

Am Boden kommen Bergregionen hinzu, die in Nord-Süd-Richtung stehen und in die in von West nach Ost fließende Winde hineinragen. Im Süden liegt der warme Golf von Mexiko. Er führt heiße, feuchte Luft in die Lagen unter der oft kühleren trockenen Luft ein, die von den Bergen aufsteigt. „Das geschieht wirklich nirgendwo anders auf der Welt“, sagt Gensini.

Sind die USA wettermäßig schon insgesamt schlecht dran, geht es dem Süden des Landes am schlimmsten, wie Meteorologie-Professor Marshall Shepherd von der University of Georgia erläutert. „Wir (im Süden) haben den kurzen Strohhalm gezogen, insofern, dass wir buchstäblich jede einzelne Art von Unwetter erleben können, darunter Blizzards, Flächenbrände, Tornados, Überflutungen, Hurrikane. Jede einzelne Art (...) Es gibt keinen anderen Ort in den Vereinigten Staaten, auf den das zutrifft.“

Florida, North Carolina und Louisiana ragen außerdem ins Meer hinein und sind daher besonders hurrikangefährdet, wie Shepherd und Dello betonen. Der Süden stehen auch mehr vorgefertigte Häuser und Wohnmobile, die anfällig für Wettergefahren sind. Stürme kämen häufiger nachts vor, was sie besonders gefährlich mache, weil Leute sie nicht sehen könnten und Warnungen in ihrem Schlaf oft nicht hörten, sagt Ashley.

Die einzigartigen Geografie der USA erzeugt gefährliches Extremwetter, doch menschliches Zutun kann sie in Katastrophen münden lassen, wie Ashley und Gensini hervorheben. Man müsse nur daran denken, wo in den USA und dem Rest der Welt Städte entstanden seien: nahe am Wasser, das Fluten erzeugen könne, sagt Cutter von der University of South Carolina. Viele Menschen zögen in Gebiete im Süden, wo es höhere Risiken gebe. Cutter prangert auch das Bauen auf vorgelagerten Düneninseln an, insbesondere an der Ost- und Golfküste der USA. Dabei sei bekannt, dass der Sand sich bewegen werde und erhöhte Hurrikangefahren bestünden.

Ashley zufolge entsprechen Baustandards häufig nur dem Allernotwendigsten, was danach errichtete Häuser anfälliger für Sturmschäden mache. Und Shepherd warnt: „Unsere Infrastruktur ist am Verfallen und weit davon entfernt, widerstandsfähig gegen das Klima zu sein.“ Er weist auch darauf hin, dass Armut es schwer mache, sich auf Katastrophen vorzubereiten und sich davon zu erholen, besonders im Süden der USA.

Diese Verwundbarkeit sei in anderen Gebieten der Welt sogar ein noch größeres Problem, sagt Shepherd. Wer begütert sei, könne sich größere Sicherheit kaufen, Katastrophen besser überstehen. „Leider gilt das nicht für alle.“

(felt/dpa)
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