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Wetterrekorde im Frühjahr: Frostiger März hält Klimawandel nicht auf

Wetterrekorde im Frühjahr : Frostiger März hält Klimawandel nicht auf

Es klingt paradox: Europa friert während eines langen Winters mit viel Schnee. Doch Experten sagen, dass das nicht im Widerspruch zur Theorie der Klimaerwärmung wegen des Treibhausgases Kohlendioxid steht.

Im Nordosten Deutschlands purzeln die Wetterrekorde. Der März zeigt sich als der kälteste und schneereichste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1901. In Moskau fielen gestern 70 Zentimeter Neuschnee an einem einzigen Tag. Militär und Zivilschutz sollen den Menschen in der russischen Hauptstadt helfen gegen die "Schneehölle", so haben die lokalen Medien den Jahrhundertsturm genannt. Seit 60 Jahren habe es nicht mehr so viel Schnee gegeben, sagte Vizebürgermeister Pjotr Birjukow.

Auch Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe war gestern Zeuge eines Temperaturrekords. In Potsdam wurde in der Nacht zu Montag mit minus 11,4 Grad der aus dem Jahr 1899 stammende alte März-Kälterekord von minus 10,4 Grad deutlich unterboten. Dennoch glaubt das Vorstandsmitglied des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung weiter an den fortschreitenden Klimawandel. "Das Auftreten von Extremwetterlagen ist typisch für ein instabiles Klima", erklärt der Professor für Meteorologie. Solche spektakulären Episoden habe es schon häufiger gegeben, wenn das Klima sich verändere. Aus der Geschichte seien dafür verschiedene Beispiele bekannt: etwa die Kirschblüte zu Weihnachten im Elsass, eine Trockenheit in Mitteleuropa, als es mehrere Monate überhaupt nicht regnete, oder die bis in den Mai zugefrorene Ostsee.

"Zur Erinnerung: der März 2012 war einer der wärmsten März-Monate seit Beginn der Temperaturmessung", sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe — ein Jahr später erzielt der Monat März Temperaturrekorde in umgekehrter Richtung. Für ihn steht fest: "Wir erleben derzeit mehr Wetterextreme als früher." Das gelte nicht nur für Deutschland, sondern weltweit.

Debatte um Interpretation

Derzeit tobt unter den Wetter-Statistikern eine Diskussion über die richtige Interpretation der Temperatur-Mittelwerte der vergangenen Jahre und den Einfluss des Treibhausgases Kohlendioxid.

Die Klimawandel-Skeptiker verweisen darauf, dass die vergangenen vier Winter (Dezember bis Februar) allesamt kälter gewesen seien als das Mittel der Jahre 1981 bis 2010, man deshalb kaum von einem generellen Trend zur Klimaerwärmung sprechen könne. Gerstengarbe hält dem entgegen, dass die Winter im Vergleichszeitraum 1981 bis 2010 außergewöhnlich gewesen seien. "In diesem Zeitraum gab es zehn besonders milde Winter", erklärt er seine Sicht auf die Zahlen.

Zudem seien die Erwartungen zu den Auswirkungen an die schleichende Erwärmung der Erde manchmal falsch: "Wir müssen die globale Entwicklung für die gesamte Erde betrachten, die kann sich auf einzelne Regionen ganz unterschiedlich auswirken", erklärt der Klimaforscher, "in manchen Gebieten kommt es zu starken Veränderungen, in anderen passiert dagegen weniger." Das hätten die Modellrechnungen für den Klimawandel auch schon so vorhergesagt.

Prognosen bestätigen sich nicht

Doch auch das ist ein Streitpunkt der beiden Lager. Denn die damals aufgestellten regionalen Prognosen aus dem Jahr 2000, die für NRW keine Winter mehr mit Eis und Schnee vorhersagten, oder die Aussage aus dem Jahr 2003, dass die Sommer immer trockener und heißer werden, scheinen sich nicht zu bestätigen — zumindest, wenn man nur die letzten Jahre betrachtet. Heute rudern die Wortführer von damals verbal etwas zurück: Mojib Latif vom Kieler Max-Planck-Institut sprach gestern in einem Interview im Rückblick von "einer übertriebenen Darstellung" in der Öffentlichkeit. Die Prognosen für die generelle Entwicklung des regionalen Wetters seien aber noch immer zutreffend.

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe empfiehlt deshalb den Blick über Deutschland hinaus. Das Eis am Nordpol hatte im vergangenen Jahr so wenig Fläche wie noch nie seit mehr als 100 Jahren, auch die Meerestemperatur ist gestiegen. "Das sind deutliche Zeichen für die weltweite Erderwärmung", sagt Gerstengrabe.

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(RP/jre/nbe/das)