Das RP-Klimahaus Der Laufschuh – Von der Produktion bis zum Recycling

Düsseldorf · Wer nach einem passenden Laufschuh sucht und gleichzeitig das Klima schonen möchte, hat es nicht leicht. Worauf Sportler beim Kauf unbedingt achten sollten und was mit abgenutzten Tretern passiert.

 Wer neue Laufschuhe braucht und gleichzeitig auf Nachhaltigkeit achten will, hat es nicht leicht. Aber Nachhaltigkeit ist auch im Sport möglich.

Wer neue Laufschuhe braucht und gleichzeitig auf Nachhaltigkeit achten will, hat es nicht leicht. Aber Nachhaltigkeit ist auch im Sport möglich.

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Wer ein fair produziertes und ökologisch nachhaltiges T-Shirt kaufen möchte, hat es nicht schwer. Bei der Auswahl helfen Textilsiegel, und sowohl online als auch im stationären Handel steigt das Angebot. Bei speziellen und funktionalen Kleidungsstücken wie einem Laufschuh ist es jedoch schwieriger, ein nachhaltiges Produkt zu finden. Aber warum ist das so? Ein Blick auf den „Lebenszyklus“ eines Laufschuhs – von der Produktion bis zum Recycling.

Warum ist die Schuhproduktion so aufwendig?

2021 wurden laut dem Sportschuh Report 2022 weltweit 399 Millionen Paare produziert. Das war pandemiebedingt etwas weniger als 2019, als 460 Millionen Sportschuh-Paare hergestellt wurden. Der weltweite Umsatz lag im selben Jahr bei 51 Milliarden US-Doller (etwa 46 Milliarden Euro) – ein Rekord. Ein Sportschuh ist so aufgebaut, dass er die Füße stützt, die Schritte dämpft und atmungsaktiv ist. Moderne Laufschuhe bestehen daher aus bis zu 20 verschiedenen Einzelteilen.

Die Zwischensohle besteht meist aus Ethylenvinylacetat (EVA), einem unter Druck aufgeschäumten Kunststoff. Die Untersohle entsteht auch daraus oder beispielsweise aus synthetischem Gummi. Das Obermaterial wird meist aus Polyester hergestellt. Alle weiteren Elemente wie Schnürsenkel, Fersenkappen oder andere Sohlenelemente bestehen aus Kunststoff. Das Problem ist nur: Kunststoff wird in einem sehr energieaufwendigen Prozess aus Erdöl hergestellt und ist damit aus einem fossilen Rohstoff. Außerdem ist er nur schwer biologisch abbaubar – durch den Abrieb auf der Straße gelangt Mikroplastik in die Umwelt. Zudem können Klebstoffe und Farben umwelt- und gesundheitsschädlich sein.

Die Schuhproduktion ist ein arbeitsintensiver Prozess, der viel manuelle Arbeit erfordert, deshalb werden die meisten Schuhe in Ländern mit niedrigen Löhnen produziert. Laut einer Veröffentlichung der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ wurden im Jahr 2020 54,3 Prozent aller Schuhe in China produziert. Aus Europa stammten hingegen nur 3,2 Prozent aller Schuhe. Durch die Produktion außerhalb Europas wirken sich auch die langen Transportwege auf die Klimabilanz eines Schuhs aus. Außerdem kann die Umsetzung von Umweltstandards intransparent sein.

Worauf muss man beim Kauf von Schuhen achten?

Um Sportschuhe klimafreundlicher zu machen, können regenerative und biologische abbaubare Materialien oder recycelter Kunststoff verwendet werden. Das spart Erdöl, CO2 und Müll. Gleichzeitig kann es aber auch das Recycling erschweren, wenn Kunststoffe mit anderen Materialien vermischt werden. Auch Schuhe mit kurzen Transportwegen können bereits klimafreundlicher sein. Und auch die Qualität ist entscheidend. Schuhe, die gut verarbeitet sind, halten auch dementsprechend länger und müssen erst später ersetzt werden. Beim Neukauf sollte deshalb auf all diese Punkte geachtet werden. Beim Kauf von Kleidung helfen zusätzlich Siegel bei der Auswahl. Bei Schuhen sind diese jedoch noch nicht weit verbreitet.

Ist der Second-Hand-Kauf eine Alternative?

Ein durchgelatschtes, verschwitztes Paar Sportschuhe wollen nur die wenigsten aus zweiter Hand kaufen. Das ist verständlich. Wer aber ganz genau weiß, welches Model passt, kann sich auf den verschiedenen Plattformen im Internet umschauen und mit etwas Glück zum Beispiel den Fehlkauf eines anderen Läufers finden – und damit ein sehr gutes und fast neuwertiges Paar.

Wie halten Schuhe länger?

Mit ein paar Tricks kann die Langlebigkeit der Schuhe verlängert werden. Schuhe sollten beispielsweise nie einfach nur abgestreift werden, ohne sie aufzuschnüren, denn so geht die Ferse kaputt. Auch nutzt sich der Fersen- und Kragenbereich der Schuhe stärker ab, wenn man zu kurze Socken trägt. Wer seine Zwischensohlen schonen möchte, sollte die Schuhe nicht jeden Tag tragen, so hat der Kunststoff Zeit, sich wieder auszudehnen. Und wenn die Schuhe schon einmal „herum stehen“, dann besser nicht in der Sonne oder neben der Heizung, auch darunter leidet der Kunststoff. Nach einem Lauf durch Schlamm und Sand sollten die Schuhe außerdem gereinigt werden. Das geht am besten mit einer Bürste und mit Wasser, aber möglichst nicht in der Waschmaschine.

Wie lange werden Schuhe getragen?

Für eine repräsentative Umfrage hat Greenpeace im September 2015 in die Kleiderschränke geschaut und die Konsumenten zwischen 18 und 69 Jahren nach ihrem Umgang mit Kleidung befragt, 1011 Personen haben an der Online-Umfrage teilgenommen. 22 Prozent der Befragten geben an, bis zu fünf Paar Schuhe zu besitzen, 32 Prozent hingegen schon sechs bis zehn. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten besitzt elf bis 20 Paar Schuhe, und etwa drei Prozent verfügt über eine Sammlung von mehr als 50 Paar Schuhen. Ist man aber einmal im Besitz mehrerer Schuhe, bleibt die Frage, wann welches Paar getragen wird und wie lange sie getragen werden, bevor der alles entscheidende Entschluss kommt: Wegwerfen oder weitergeben?

Die Umfrage hat ergeben, dass die Nutzungsdauer von Schuhen, aber auch von Oberteilen und Hosen, nur noch kurz ist. Fast jeder Zweite beteuert, innerhalb weniger als einem Jahr Schuhe, Oberteile und Hosen auszusortieren. Spätestens nach drei Jahren werden mehr als die Hälfte der Oberteile, Hosen und Schuhe ausgemustert. Das heißt konkret: Etwa jeder Achte sortiert schon nach weniger als einem Jahr seine Treter aus. 39 Prozent tragen die Schuhe der Umfrage zufolge mehr als drei Jahre lang, bevor sie aussortiert werden.

Was passiert mit ausgemisteten Schuhen?

Untersuchungen des NDR haben ergeben, dass allein in Deutschland über 380 Millionen Paar Schuhe pro Jahr weggeschmissen werden, fast fünf Paar pro Person. Bevor der Schuh den Weg in die Mülltonne oder die Kleidersammelbox macht, bleibt auch die Option Tauschen. Hauptgrund für das Aussortieren ihrer Kleidung ist der Zustand – der Schuh ist kaputt, verschlissen, die Farben sind ausgewaschen oder der Stoff hat Flecken. Das geben 92 Prozent der Befragten der Greenpeace-Studie als Grund an. Ebenfalls ein Großteil (72 Prozent) sortiert aus, wenn der Schuh nicht mehr passt.

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Foto: dpa/Britta Pedersen

Sollte dennoch entsorgt werden, passieren laut dem Entsorgungs-Ratgeber Sulixo häufig zwei Fehler: Der direkte Weg in den Restmüll kann häufig vermieden werden, und kaputte Treter müssen nicht immer sofort zu den Altkleidern. Denn: Der Altkleidercontainer ist gut für gebrauchte, aber intakte Schuhe, kaputte hingegen sollten in den Restmüll oder auf den Wertstoffhof, das sagt der Ratgeber zur korrekten Entsorgung. Schuhe, die über den Altkleidercontainer in der Altkleidersammlung landen, werden an Menschen weitergegeben, die keinen Abfall tragen möchten oder sollten. Ein Tipp der Sulixo: „Binde die Paare am besten zusammen, damit sie nicht verloren gehen.“ Ebenfalls soll laut Verbraucherzentrale ein Auge auf den Anbieter der Container geworfen werden. Sie empfiehlt, nach dem DZI Spendensiegel, FAIRWERTUNG oder dem BVSE Qualitätssiegel Ausschau zu halten.

Eine weitere Option ist es, die Schuhe im Handel abzugeben. In die Container vor Ort können nicht nur saubere Modelle für Bedürftige abgegeben werden, sondern auch kaputte Schuhe, die recycelt werden sollen. Große Mengen (ab sieben Kilogramm) können weiterhin gespendet werden. Initiativen wie Shuuz oder Packmee (unter anderem für C&A oder Esprit) nehmen die Treter an und geben sie an Kleinhändler weiter, die von dem Verkauf leben. Auch das DRK oder Sozialkaufhäuser nehmen Schuhe an.

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Können Schuhe recycelt werden?

Viele Unternehmen bieten interne Recycling-Methoden an, jedoch bleibt spätestens seit der aufdeckenden Reportage der „Sneakerjagd“ vom Funk-Format „Strg_F“ des NDR und Reportern der „Zeit“ der fade Beigeschmack, dass dort nicht alles so ist, wie es scheint. 2021 haben die Reporter mit prominenter Unterstützung und GPS-Sendern in alten Sneakern herausgefunden, dass nicht alle Nachhaltigkeitsversprechen der Händler eingehalten wurden: Nike schredderte Neuware, andere Schuhe landeten in Afrika auf überfüllten Müllkippen – nicht immer ist die Verantwortung der Hersteller oder Sammler klar. Dabei wird händeringend nach Lösungen gesucht, die Müllberge zu reduzieren. Besonders die Endstation auf Mülldeponien wollte man verhindern. Die Firma SOEX und das Tochterunternehmen I:Collect investierten rund eine Million Euro und entwickelten eine Schuhrecyclinganlage in Wolfen in Sachsen-Anhalt. 2015 wurde das Sortierwerk mit täglich 54.000 Paar oder umgerechnet 27 Tonnen an gesammelten Schuhen beliefert, ein Großteil (83 Prozent) sei in einem so guten Zustand gewesen, dass dieser als Second-Hand-Ware hätte verkauft werden können, so das Unternehmen. Nach dem Recyceln sollten die Materialien Gummi, Schaumstoff und Leder als Sekundärrohstoff für neue Produkte zur Verfügung stehen, Metalle werden ebenfalls recycelt.

Recycling-Versprechen der Hersteller scheinen auf den ersten Blick zwar hilfreich zu sein, doch tatsächlich landen die meisten Schuhe nach mehreren Stopps bei Kleinhändlern durch Billig-Preise doch wieder auf überfüllten Deponien – hauptsächlich in afrikanischen Ländern wie in Ghana. Dort landen laut ARD-Recherche täglich Hunderte Tonnen Second-Hand-Ware, die verbrannt oder in Flüssen versenkt wird und zum größten Umwelt-Problem des Landes werden.

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