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Mensch bleibt treibende Kraft: Die eindeutigen Beweise für die Erderwärmung

Mensch bleibt treibende Kraft : Die eindeutigen Beweise für die Erderwärmung

Die internationale Wissenschaft hat keinen Zweifel mehr daran, dass sich das Klima erwärmt. Und sie ist sich noch sicherer geworden, dass der Mensch die zentrale treibende Kraft ist. Die Forscher haben auch Fehler korrigiert.

Die Menschheit ist Zeuge und Akteur zugleich bei einem gigantischen Experiment mit der Erdatmosphäre als Versuchslabor. Mit Beginn der Industrialisierung begann sie, seit Jahrmillionen im Boden lagernde Kohlenstoffmengen freizusetzen — durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas. Mit dem aktuellen Ergebnis, dass so viel Kohlendioxid (CO2) wie nie zuvor in den zurückliegenden 800.000 Jahren um den Planeten zirkuliert, das die durchschnittliche Temperatur um fast ein Grad hat ansteigen lassen. Tausende Wissenschaftler beobachten seit Jahrzehnten dieses Experiment, suchen nach Ursachen und entwickeln Modelle für Prognosen.

Das Wissen um den Klimawandel entwickelt sich ebenfalls unter den Augen der Menschheit. Irrtümer und Korrekturen bleiben dabei nicht aus, aber die Experten werden sich in ihrem Urteil immer sicherer. Den aktuellen Stand ihrer Erkenntnisse spiegelt der gestern in Stockholm vorgestellte Bericht des Weltklimarats wider. Er fasst für "Policymakers", also die politisch Verantwortlichen der Welt, zusammen, was in den vergangenen sechs Jahren in Zehntausenden von Studien erforscht worden ist.

Natürliche Schwankungen des Klimasystems

100-prozentige Sicherheit behaupten seriöse Wissenschaftler nie; umso schwerer wiegt, dass die Spitzengarde der Weltklimaforscher feststellt, sie sei nunmehr zu 95 Prozent — und nicht mehr nur zu 90 Prozent wie in ihrem Bericht aus dem Jahr 2007 — sicher, dass von den Menschen produziertes CO2 das Klima verändert. Die Einstufung als "extrem wahrscheinlich" (95 bis 100 Prozent) beziehungsweise "sehr wahrscheinlich" (90 bis 100 Prozent) basiert auf der Abstimmung unter den Experten über die Zuverlässigkeit ihrer Aussagen.

Dass sich die Erdatmosphäre erwärmt, wird in dem Report als eindeutiges Faktum bezeichnet. Ausführlich setzen sich die Wissenschaftler damit auseinander, dass sich der Temperaturanstieg in den vergangenen 15 Jahren verlangsamt hat. Als Ursache hierfür nennen die Forscher kurzfristige natürliche Schwankungen des Klimasystems, eine befristete Abschwächung der Sonneneinstrahlung und Abkühlungseffekte durch Schwebeteilchen, die bei Vulkanausbrüchen freigesetzt werden.

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Alle diese Entwicklungen werden noch genauer untersucht, der Report sieht aber keinen Hinweis auf eine generelle Abschwächung des Erwärmungstrends. Er stellt stattdessen fest, dass jedes der vergangenen drei Jahrzehnte wärmer war als das vorhergehende. Die Erwärmung mag sich vorübergehend verlangsamt haben, aber es ist wärmer geworden. Auf der Nordhalbkugel, so stellen die Forscher fest, waren die Jahre von 1983 bis 2012 die wärmsten seit 1400 Jahren.

Das Gegeneinanderverrechnen von kühlenden Effekten (zum Beispiel erhöhter Schwefeldioxid-Ausstoß aus primitiven Öfen und Motoren) gegen den Effekt steigender Treibhausgas-Mengen ist ein Problem der Klimawissenschaft, das sie immer besser in den Griff bekommt. In der Folge führt das auch zu Korrekturen.

Verhaltener Optimismus

Zum Beispiel gab der Report des Jahres 2007 noch an, dass bei einer Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre die durchschnittliche Temperatur auf der Erde im günstigsten Fall langfristig um zwei Grad ansteigen wird, im schlimmsten Fall um 4,5 Grad. Der aktuelle Bericht nennt für die sogenannte Klimasensitivität nun als unteren Wert 1,5 Grad. Diese Korrektur ist Anlass für verhaltenen Optimismus.

Im Klartext bedeutet dieses halbe Grad, dass es bei Berücksichtigung der bremsenden politischen und ökonomischen Realitäten vielleicht doch gelingen kann, die Zwei-Grad-Marke bis 2100 nicht zu reißen. Allgemein wird angenommen, dass ein Anstieg der Temperatur um mehr als zwei Grad binnen rund 90 Jahren die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen überfordert.

Ungünstiger gegenüber 2007 fallen die Prognosen für die Meere aus. Die deutlich verbesserten Rechenmodelle berücksichtigen jetzt auch den CO2-Austausch zwischen Atmosphäre und Ozeanen. In den vergangenen Jahrzehnten sind laut dem Report 90 Prozent der dem Klimasystem zusätzlich zugeführten Wärmeenergie in den Ozeanen gespeichert worden. Die Versauerung durch den steigenden CO2-Gehalt bedroht die dortigen Ökosysteme.

Wassererwärmung beschleunigt

Die Erwärmung des Wassers ist neben der Eisschmelze für den Anstieg der Meeresspiegel verantwortlich. Dieser hat sich deutlich stärker beschleunigt als befürchtet. Für das Jahr 2100 erwarten die Forscher je nach Szenario 26 bis 82 Zentimeter Anstieg. Die Gefahr, dass der Golfstrom — eine Art Wärmepumpe im Atlantik — durch den Klimawandel zum Erliegen kommt, schätzt der aktuelle Report freilich geringer ein als vorausgegangene Berichte.

Als praktisch unabwendbar stellen die Forscher einen stärkeren Trend zu Wetterextremen dar. Das gilt sowohl für Hitze als auch für Kältewellen, aber auch Überschwemmungen und Dürren. Generell gilt, dass es in trockenen Zonen wie etwa Zentralspanien noch trockener wird, in feuchteren Regionen nehmen die Regenfälle zu.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versteht nach den Worten ihres Sprechers den Klimabericht als Ansporn, "eine ehrgeizige Klimapolitik zu machen". Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) bewertetet den Bericht als untrügliches Zeichen dafür, dass der Klimawandel voranschreitet: "Mit entschlossenem Handeln können wir eine Erwärmung um mehr als zwei Grad noch verhindern."

Es gehe darum, bis 2015 ein neues ambitioniertes Klimaschutz-Abkommen auszuhandeln. US-Außenminister John Kerry sagte, wer jetzt nichts unternehme, spiele mit dem Feuer: "Klimawandel ist real, er geschieht jetzt, Ursache des Wandels sind die Menschen, und nur menschliches Handeln kann die Welt vor den schlimmsten Folgen retten."

(RP)