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Karl der Große: Was ihm die Moderne verdankt

Vor 1200 Jahren gestorben : Was die Moderne Karl dem Großen verdankt

Heute vor 1200 Jahren starb der Frankenkaiser Karl. Er legte mit seinem Großreich die Grundlagen für die Geschichte des Abendlands.

Die Quellen über das Leben und Wirken Karls des Großen sind dürftig. Nur drei mehr oder weniger zeitgenössische Schreiber berichten Biografisches über den wichtigsten Herrscher des Frühmittelalters. Zwei weitere Geschichtswerke, die Jahr für Jahr die Ereignisse notierten, kommen hinzu.

Eines von ihnen, die Reichsannalen, waren wohl von Karl persönlich abgezeichnet. Das andere schrieben die Nonnen der Äbtissin Gisela von Chelles, seiner Schwester.

Wie können wir von dieser dunklen Quellenlage auf die weitreichenden Konsequenzen schließen, die seine 36 Herrschaftsjahre begründeten? Sicher sind neben den überlieferten Urkunden, einem einzigen persönlichen Brief und dem wuchtigen Bau des Aachener Doms nur sein Todesdatum. Er starb am 28. Januar 814 — heute vor 1200 Jahren — mit einem Psalmvers auf den Lippen "Du, Herr, du treuer Gott, du erlösest mich."

Doch so sporadisch die Überlieferung ist — es besteht kein Zweifel, dass Karl wie kein Herrscher vor ihm und nur wenige nach ihm die abendländische Geschichte beeinflusst hat. Er hat ihr — bewusst oder unbewusst — eine Richtung gegeben, die heute noch nachwirkt.

Völlig zu Recht gaben ihm die Chronisten schon 100 Jahre nach seinem Tod den Namen Karolus magnus, Karl der Große. Und die beiden führenden Nationen Europas, Frankreich und Deutschland, können ihn als ihren Gründervater betrachten, auch wenn es damals weder die eine noch die andere gab, sondern nur das Frankenreich.

Beginnen wir mit dem Politischen, das zur damaligen Zeit eng mit dem Religiösen verbunden war. Karl festigte auf seinen vielen Heerzügen das fränkische Großreich, das damals mit Ausnahme des heidnischen Nordens und Ostens sowie der Britischen Inseln und Spanien das gesamte Europa umfasste — das heutige Frankreich als Kernland, Deutschland als annektiertes Neuland, Italien als Verbindung zur Antike und die Benelux-Staaten als Stammland von Karls Familie. Es handelte sich wahrlich um ein Imperium.

Sein Geschlecht, die Karolinger, bezeichnete der französische Historiker Pierre Riché als die Familie, die Europa formte. In seiner Zeit entstanden auch die später dominierenden Sprachen, das Romanische als Vorläufer des Französischen, das Volgare als Basis des Italienischen und Althochdeutsch, aus dem sich die heutige Hochsprache der Deutschen entwickelte.

Diesen Prozess steuerte Karl nicht willentlich. Aber er stand gewissermaßen in seinem Kulminationspunkt. Unter Karl machte das später so genannte Abendland seine ersten Gehversuche. Der Franke, ethnisch gesehen ein Germane, verstand es, das reiche römische Erbe, die lateinische Sprache und Schrift, das Rechts- und Staatsverständnis dieser untergegangenen Welt in eine neue Realität zu verwandeln.

Von der karolingischen Renaissance, sechs Jahrhunderte vor der eigentlichen Renaissance, ist die Rede. Karl ließ durch die Mönche in den ungezählten Klöstern seines Reichs, einen neuen Schrifttyp entwickeln, der sich sehr an das römische Vorbild anlehnte — die karolingische Minuskel. Sie ist die Grundlage der heute verbreiteten Schrifttypen. Und wir können noch jetzt karolingische Werke ganz gut lesen, vorausgesetzt, wir beherrschen Latein.

Zugleich ließ er durch seine Gelehrten, eine kleine Hofuniversität, die Grammatik und das in den Wirren der Völkerwanderung ziemlich heruntergekommene Schriftlatein auf den alten klassischen Stand bringen. Somit wurde die Stellung des Latein als Sprache der Wissenschaft, Religion und Diplomatie bis in die neueste Zeit gefestigt.

Neben dem römischen Erbe, den germanischen Traditionen verhalf er dem Christentum in Westeuropa zum Durchbruch — teilweise mit Gewalt, wie die vielen Kriege gegen die heidnischen Sachsen beweisen. Er veranlasste aber auch theologische Neuerungen, durchaus in Abgrenzung zur damaligen intellektuellen und religiösen Übermacht, dem Byzantinischen Reich in Konstantinopel.

Sein Austausch mit den islamischen Mächten seiner Zeit, den Sarazenen in Spanien und dem wohl mächtigsten Herrscher der damaligen Welt, dem Bagdader Kalifen Harun al Raschid, begründete den Austausch zwischen dem hochtechnisierten Morgenland und dem vergleichsweise rückständigen Abendland.

Aus diesem östlichen Impuls entstand in den Jahrhunderten die Grundlage für die westliche Wissenschaft und Ökonomie, die schließlich in die globale Dominanz des Abendlands mündete. Als Symbol stand der vom Kalifen dem Kaiser geschenkte Elefant Abu al Abbas, der eine abenteuerliche Reise von Bagdad nach Aachen überstand.

Als wären das nicht schon Kreuzungslinien genug, haben Karl und seine Karolinger auch den ökonomischen Schwerpunkt Westeuropas verlagert. War in der Antike der Mittelmeerraum die beherrschende wirtschaftliche Zone, so wanderte das Zentrum nun in den Raum zwischen den Flüssen Seine und Rhein, in die historischen Landschaften um Paris, Metz, Köln und Mainz. Interessanterweise ist noch heute die wichtigste ökonomische Region Europas die sogenannte Banane, die von London über Paris, die Niederlande, Belgien, den Rhein-Ruhr-Raum bis nach Süddeutschland und Norditalien reicht.

Noch auf drei anderen Feldern leistete Karl Maßgebliches. Er war der erste, der in rudimentärer Form in seiner "Allgemeinen Ermahnung" so etwas wie eine Volksschulbildung in seinem Reich schuf, die allerdings das Analphabetentum nicht beseitigen konnte.

Seine Münzreform, wonach ein Pfund aus 20 Schillingen und 240 Denaren bestand, lebte in veränderter Form in Großbritannien bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Und schließlich verhalf Karl der christlichen Zeitrechnung zum Durchbruch, wonach die Jahre nicht mehr seit der Erschaffung der Welt, sondern nach Jesu Geburt gezählt werden.

Es ist klar: Ein einzelner Mensch kann das alles gar nicht bewerkstelligen. Insofern ist Karl nicht das Genie, der unsere Entwicklung bis auf den heutigen Tag bestimmt hat. Aber er stand goldrichtig auf der Kreuzung der Geschichte und gab — was nur wenigen Sterblichen vergönnt ist — oft den entscheidenden Schub. Die legendenhafte Figur des Franken ist eben heute noch aktuell.

(RP)