Gefährliche Krankheitsüberträger: Kakerlaken-Invasion in deutschen Städten

Gefährliche Krankheitsüberträger : Kakerlaken-Invasion in deutschen Städten

Berlin (rpo). Sie lösen nicht nur Ekel aus, sondern sind auch ein gefährlicher Krankheitsüberträger: Kakerlaken sind in vielen deutschen Städten und Gemeinden wieder auf dem Vormarsch. In einigen Gegenden ist jede fünfte Wohnung von Schaben befallen. Schädlingsbekämpfer haben Hochkonjunktur. Einzig beim Militär sind die Tierchen beliebt: Überlegungen zufolge sollen sie zum Aufspüren von chemischen Substanzen eingesetzt werden.

Sie finden immer einen Weg: Durch Abwasser- und Fernwärmeleitungen, Entlüftungs- und Müllschächte, Ritzen und Hohlräume - Kakerlaken sind sehr bewegliche und hartnäckige Tiere. Besonders die niedersächsische Gemeinde Damme und das brandenburgische Städtchen Bernau können momentan davon ein Liedchen singen. Zu Hunderttausenden kriechen und krabbeln die Schaben dort in Wohnblocks, Viehställen, Heizkraftwerken und Firmengebäuden - und verursachen immense Schäden.

Müll wirkt auf Kakerlaken wie ein Magnet. Foto: ddp, ddp

"In Damme ist jede fünfte von insgesamt 1.500 Wohnungen und Betriebsstätten von den Schaben befallen", sagt Vize-Bürgermeister Gerd Muhle. Der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Hanns Rüdiger Röttgers, spricht von der höchsten Schabendichte in ganz Westeuropa.

In Deutschland gehören Schaben zu den unangenehmsten Plagegeistern. "Wegen ihrer Lebensweise sind sie ein gefährlicher Krankheitsüberträger", erklärt Jutta Klasen, beim Umweltbundesamt (UBA) für die Prüfung von Schädlingsbekämpfungsmitteln zuständig. "Schaben mögen besonders warme und feuchte Orte, wo es ausreichend Nahrung gibt."

Die Allesfresser werden in Kloaken, Mülleimern, Schlachtabfällen oder Großküchen fündig und schleppen so jede Menge Keime und Bakterien mit sich herum. "Da sie zudem aus ihrem Kropf regelmäßig kleine Krümelchen erbrechen, sind sie ein hoch potenter Verteiler von Infektionen", sagt Klasen.

Überträger der Maul- und Klauenseuche

In ländlichen Gebieten sind Schaben vor allem gefürchtet, weil sie in Ställen die Maul- und Klauenseuche auslösen können. Michael Faulde kümmert sich als medizinischer Entomologe vom Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen um die hygienischen Bedingungen vor Ort und kennt die Risiken nur zu gut: "Besonders gefährlich ist der sorglose Umgang mit infizierten organischen Materialien wie Krankenhausabfall, Urin, Fäkalien, faulenden Nahrungsmittelresten und Kadavern." Dass Schaben für viele Salmonelleninfektionen in Krankenhäusern oder Großküchen verantwortlich sind, steht für Faulde fest.

Wie hoch genau die Kosten für Befall, Bekämpfung und Beseitigung sind, lässt sich zwar nicht genau beziffern, "aber es wird leicht unterschätzt", sagt Rainer Gsell, Vorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes.

Wenn die Fachleute mit Giftspritze und Klebefallen ausrücken, werden sie in rund einem Drittel der Fälle wegen Kakerlaken gerufen. "Weltweit wird schätzungsweise ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion durch Schädlinge vernichtet. Dabei trifft es hoch industrialisierte Staaten wie die USA genauso wie Entwicklungsländer", sagt Gsell.

Militär will Kakerlaken als "Spürhunde"

Für die Tiere interessiert sich in der Zwischenzeit sogar das Militär. "Wegen ihrer ungewöhnlichen Robustheit wurden die Tiere im Versuch eingesetzt, um im Terrorfall versteckte biologische oder chemische Substanzen aufspüren zu können", erklärt Wissenschaftler Faulde, der zum Thema Krankheitsübertragung durch Schädlinge ein Buch verfasst hat.

In Damme vermutet man derweil als Ursache den "sehr warmen Sommer 2003", wie Bürgermeister Muhle sagt. Doch das war in anderen Regionen Deutschlands genauso. Dass die Kakerlakenbrut in Damme nicht sorgfältig genug bekämpft worden sei, weist Muhle zurück. "Wir haben aber anders als andere Gemeinden flächendeckend auf einen Befall untersucht", will Muhle erst gar keine Debatte über mögliche Versäumnisse aufkommen lassen.

Möglicherweise aber sind die Tiere bereits gegen manche Gifte immun geworden. "Solche Resistenzen können dann auftreten, wenn regelmäßig die gleichen Gifte benutzt werden", sagt UBA-Expertin Klasen. Im benachbarten Landkreis Osnabrück wurden solche Resistenzen bereits gemeldet.

(afp)