Kosmodrom Plessezk: Ist Objekt 2014-28E ein Killersatellit?

Kosmodrom Plessezk: Ist Objekt 2014-28E ein Killersatellit?

Eine russische Rakete hat ein mysteriöses Flugobjekt ins Weltall geschossen. Manche Experten bewerten das Objekt als Killer-Satelliten, der die Annäherung an andere Satelliten trainiert, um diese zu zerstören.

Der Weltraum ist in Hollywood beliebt. Drehbuchautoren leben dort ihre Begeisterung für Technik aus. Die Charaktere in diesen Filmen sind einfach: entweder heldenhaft gut oder abgrundtief böse. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Aufregung leichter verstehen, die um ein unbekanntes Flugobjekt entstanden ist, das von der russischen Weltraumbehörde ins All geschossen wurde. Seine offizielle Bezeichnung ist Object 2014-28E. Es steht im Verdacht, ein Killersatellit zu sein.

Es gibt nur wenig offizielle Informationen zu Object 2014-28E. Der Start erfolgte am 23. Mai vom Weltraumbahnhof Kosmodrom Plessezk. Die Rakete brachte drei militärisch genutzte Kommunikationssatelliten vom Typ Rodnik in eine Umlaufbahn. Damit setzten die Russen eines ihrer Spionage-Programme fort. Der erste Rodnik-Satellit wurde 2005 ins All geschossen, drei weitere Aufklärer dieses Typs folgten im Jahr 2008.

Jeder Raketenstart wird weltweit beobachtet - von offiziellen Stellen und von einer Vielzahl privater Weltraum-Enthusiasten. Die Himmelsgucker werten dabei öffentlich zugängliche Daten aus und lieferten diesmal eine Überraschung. Neben den drei Militär-Satelliten und der letzten Stufe der Rakete erreichte auch ein fünftes Objekt eine Erdumlaufbahn. Das Objekt wurde erst als Raketenüberbleibsel tituliert. Von solchem Weltraumschrott gibt es mehr, als den Raumfahrern lieb ist.

Das erwies sich als falsch. Im Juni entdeckten Hobby-Astronomen, dass Object 2014-28E auch navigieren kann. Es veränderte in den folgenden Monaten mehrfach seine Flughöhe und führte nach Ansicht der Experten recht präzise Navigationsmanöver aus. Einmal verlor es binnen kurzer Zeit 600 Kilometer an Höhe, um auf eine andere Umlaufbahn einzuschwenken. Seitdem steht das unbekannte Flugobjekt auch unter offizieller Beobachtung. Russland schweigt dazu - nicht ungewöhnlich, auch die USA und China verweigern manchmal Kommentare zu Weltraummissionen.

Die ungewöhnlichen Manöver können verschiedene Ziele verfolgen: militärische, aber auch friedliche. Wenn zwei Satelliten sich einander nähern, könnte der eine den anderen reparieren oder auftanken. Damit ließe sich die Lebendauer der Weltraumtechnik verlängern. Wegen der großen Menge Weltraumschrott im All planen einige Forscher Aufräumaktionen. Auch die europäische Weltraumbehörde ESA arbeitet daran. Satelliten sollen sich den großen Trümmerteilen nähern und diese in eine tiefere Umlaufbahn befördern. Dann könnten sie in der Erdatmosphäre verglühen oder kreisen zumindest auf einer weniger gefährlichen Bahn.

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Die Internationale Raumstation ISS musste mehrfach den Kurs verändern, damit sie nicht von Trümmerstücken getroffen wird, wie es der Film "Gravity" beschreibt. Auch Satelliten, die für die Infrastruktur wichtig sind, würden einen Zusammenstoß nicht überstehen. Davon gibt es viele: Telekommunikation, Internet, Navigationssysteme und Wetterprognosen funktionieren nicht ohne die Hilfe aus dem All.

Diese Bedeutung macht die künstlichen Himmelskörper gleichzeitig zum potentiellen Ziel für Militärattacken. Verschiedene Sicherheitsexperten argwöhnen, dass Object 2014-28E die Annäherung an Satelliten trainiere, um diese zu zerstören. Wenn Russland derartige Experimente ohne offizielle Ankündigung durchführe, lege das nahe, das diese keinem friedlichen Zweck dienten, so bewertete der ehemalige Nasa-Ingenieur James Oberg in der "Moscow Times" die Geheimniskrämerei.

"Was immer dieses Objekt ist, es sieht sehr experimentell aus", sagte Sicherheitsexpertin Patricia Lewis der Zeitung "Financial Times". "Es wäre seltsam, wenn der Weltraum der einzige Ort wäre, in dem sich Armeen zurückhalten", ergänzt die Expertin des britischen Thinktanks "Chatham house". Die FT erinnert an eine Aussage von Oleg Ostapenko. Der heutige Chef der russischen Raumfahrtbehörde hatte im Jahr 2010 gesagt, Russland entwickle wieder Angriffssatelliten. In den USA hat der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einen Begriff geprägt, der die Sorgen der Amerikaner gut wiedergibt: "Pearl Harbor im Weltraum".

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hatten USA und Russland ihre Programme für einen Weltraumkrieg offiziell für beendet erklärt. Doch seit einem Jahrzehnt hat sich die Situation verändert. Eine dritte Weltraummacht will ebenfalls Stärke zeigen: China. Im Jahr 2007 schossen die Chinesen mit einer Rakete von der Erde einen eigenen Satelliten ab. Die Amerikaner bewiesen ein Jahr später, dass sie das ebenfalls können. Beide Explosionen im Weltall produzierten viel Weltraumschrott. 2012 schickten die USA das Orbital Test Vehicle mit unbekannter Mission ins All, es kehrte erst im Oktober 2014 zurück. Im Juli 2013 transportierte China den Satelliten Shijian 15 ins Weltall. Das Geheimprojekt soll mit einem Roboterarm ausgestattet sein. Durch private Satellitenbeobachtung wurde bekannt, dass Shijian 15 gezielt einen anderen Satelliten ansteuerte.

(RP)
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