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Brennende Ölfelder Bedrohung für Mensch und Umwelt: Insbesondere Kinder und Atemwegs-Kranke gefährdet

Brennende Ölfelder Bedrohung für Mensch und Umwelt : Insbesondere Kinder und Atemwegs-Kranke gefährdet

Nairobi (rpo). Im Irak stehen zahlreiche Ölfelder und mit Öl gefüllte Schützengräben in Brand. Durch den giftigen Rauch wird die ohnehin bedrohte Umwelt in der Region zusätzlich gefährdet.

"Die Chemikalien im Rauch gefährden unmittelbar die menschliche Gesundheit, insbesondere Kinder und Atemwegs-Kranke", warnte am Montag der Direktor des in Nairobi ansässigen UN-Umweltprogramms (UNEP), Klaus Töpfer.

Auch Meeresbiologen schlagen Alarm: Im Schatt-el-Arab, der Wasserstraße zum Persischen Golf, steigt bereits jetzt, knapp 14 Tage nach der Beginn der Invasion, die Planktonproduktion rapide an. Der Grund ist nach UNEP-Recherchen, dass in Folge defekter Klärwerke, etwa in Basra, mehr ungefilterte Abwässer ins Meer gelangen. Auch die vielen Kriegs- und Versorgungsschiffe produzieren Müllmassen, die das Meer verschmutzen, wie UNEP kritisierte. Nun drohe ein Fischsterben.

Glücklicherweise scheint das katastrophale Ausmaß des ersten Golfkriegs 1991 derzeit noch nicht erreicht zu sein: Jüngsten Zählungen zufolge brennen derzeit im südirakischen Ölfeld Rumeila zwischen drei und sieben Ölquellen; in ganz Irak gibt es rund 1.600.

Zum Vergleich: 1991 hatten die irakischen Besatzer in Kuwait mehr als 700 Quellen angesteckt. Aus geöffneten Bohrlöchern liefen über die Monate mehrere Millionen Tonnen Öl aus, ein großer Teil davon ins Meer. "Täglich verbrannten damals zwischen 300.000 und 700.000 Tonnen, das entsprach drei bis acht Prozent des damaligen weltweiten Ölverbrauchs pro Tag", bilanzierte am Montag der Greenpeace-Experte Jörg Feddern im AP-Gespräch. Weite Teile des Landes waren mit Ruß bedeckt, die Behörden registrierten kurz nach Kriegsende eine erhöhte Rate von Atemwegserkrankungen. Außerdem seien zerstörte Chemiedepots, Düngemittelfabriken und Pipelines zu gefährlichen Giftschleudern geworden. Chemischer Niederschlag habe die meisten Wasservorräte verseucht, berichtete Feddern. "Ein ähnliches Szenario ist auch diesmal nicht ausschließen, vor allem wenn eine Kriegspartei stark in die Defensive gerät oder die Kämpfe eskalieren."

Epidemien und Schrecken unter der Zivilbevölkerung

Nach Ansicht des nahe Fulda ansässigen Experten für "Ökologische Kriegsführung", Knut Krusewitz, haben die Alliierten im Golfkrieg 1991 "sowohl durch Luftverseuchung als auch durch Wasserverseuchung landesweit Epidemien und damit zusätzlich Schrecken unter der Zivilbevölkerung verbreitet". So wurden laut Krusewitz gezielt Wasserwerke, Staubecken und Kläranlagen bombardiert; Cholera und Typhusfälle in Bagdad und Basra seien die Folge gewesen. Die Zerstörung chemischer Anlagen und von Giftgasfabriken hätte zudem Gifte in der Atmosphäre verteilt, die sich teilweise erst Monate später zersetzt haben. Angesichts dieser massiven Umweltschäden erschien es aus Sicht des Professors bereits vor Beginn der aktuellen Invasion fraglich, "ob der ökologische Status quo ante in der Golfregion jemals wieder hergestellt werden kann", wie es in einem Aufsatz heißt.

Verheerend war 1991 aus Sicht von Krusewitz auch der Einsatz von radioaktiv strahlender uranhaltiger Munition, die auch diesmal verschossen werden könnte. Offiziellen Angaben zufolge wurden davon 1991 in Irak zwischen 400 und 900 Tonnen eingesetzt; langfristige Schäden sind zu befürchten, aber noch nicht endgültig erforscht.

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Juristisch ist die Lage eindeutig: Seit dem massenhaften Einsatz des Entlaubungsmittels "Agent Orange" im Vietnam-Krieg verbietet eine 1978 verabschiedete UN-Konvention jede militärische Manipulation natürlicher Abläufe, wie etwa Klima- und Wettereingriffe, das Umleiten von Flüssen oder das Einbringen gefährlicher Stoffe in Nahrungsketten.

Doch weil auch im laufenden Krieg wieder Umweltschäden zu erwarten sind, bereitet sich das UN-Umweltprogramm UNEP bereits jetzt auf das Ende der Kämpfe vor. Die Experten der Vereinten Nationen sammeln derzeit Daten, um nach Kriegsende möglichst schnell "Brennpunkte" lokalisieren zu können, die Menschen und Umwelt besonders bedrohen. "Schnelle Reparaturen von Umweltschäden können oftmals die natürlich vordringliche humanitäre Hilfe in entscheidender Weise unterstützen", sagt UNEP-Chef Töpfer.