Tübingen: Hirnforscher warnt vor Patientenverfügungen

Tübingen : Hirnforscher warnt vor Patientenverfügungen

Der renommierte Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer weiß, dass Patienten auch in grenzwertiger Lage Glück empfinden können.

In auswegloser Situation sich nicht artikulieren können; den Angehörigen zur Last fallen; keine definitive Entscheidung mehr treffen können; von Schläuchen abhängig sein - das sind angebliche Horrorszenarien, die Menschen mit einer Patientenverfügung vermeiden wollen. Sie regelt die Möglichkeit der Beendigung des Lebens. Sind jene Gründe überhaupt stichhaltig? Nein, sagt Niels Birbaumer. Der Tübinger Professor für Neurobiologie weist darauf hin, dass Patientenverfügungen nicht selten vorschnelle Entscheidungen seien, die sich im Ernstfall leider nicht revidieren lassen. Er ist überzeugt, dass viele Betroffene diese Korrektur in einer solchen Situation als Patienten aber gern vornähmen.

In seinem neuen Buch "Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst" erzählt Bierbaumer, einer der renommiertesten Gehirnforscher der Welt, von seinen Erfahrungen, die er etwa mit "eingeschlossenen" Locked-in- oder mit Schlaganfall-Patienten gemacht habe. Mit denen könne man auf fraglos eingeschränktem Niveau relativ gut und oft sehr anrührend kommunizieren; man müsse eben nur erfinderisch sein und wissen, wie das funktioniere. Nicht nur, indem man etwa winzige mimische Regungen vernimmt, sondern auch durch Technologie: So gibt es in Tübingen eine Trainingsumgebung für Patienten mit Lähmungen der Arme oder Hände, in der eine Hirn-Computer-Schnittstelle als Dolmetscher wirkt. Diese "Brain-Computer-Interface" erfasst anhand elektrischer Ströme im Gehirn die Absicht des Patienten, eine Bewegung auszuführen, und verwandelt diese Absicht in technische Signale. Die können dann von einer Roboter-Handprothese in eine tatsächliche Bewegung umgesetzt werden. So lernen Hand und Gehirn gleichzeitig.

Oder man guckt mit einer Nahinfrarot-Spektroskopie des Gehirns nach, welche Bereiche in welchen Momenten besonders gut durchblutet sind. Daraus lassen sich genaue Rückschlüsse auf Emotionen ziehen. Birbaumer, der das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie am Uniklinikum Tübingen leitet, habe Patienten erlebt, die bei Berührung, bei Düften oder beim Hören vertrauter Stimmen nachweisbar glücklich gewesen seien - es waren Menschen, die nach landläufigem Urteil angeblich nichts mehr mitbekamen und sich nicht artikulieren konnten. Und dann womöglich der eigenen Patientenverfügung zum Opfer fielen.

Solche Glücksmomente werden fast nie registriert, geschweige denn gemessen, weil es an Ausstattung mangelt, an Hinwendung zum Patienten, an interdisziplinärer Kompetenz. Wer sich im Medizinbetrieb auskennt, der weiß, dass Birbaumer in seiner Kollegen- und Systemschelte nicht überzieht: Es fehlt an Zeit und oft an gutem Willen.

Allerdings greift der Grundansatz seiner Überlegungen weiter aus, und er ist für viele auch schwer zu verstehen, weil er den konservativen Glauben ignoriert, der Mensch sei für immer so, wie er ist. Birbaumer weist uns auf nichts weniger als die fortwährende Veränderbarkeit unseres Lebens, Denkens und Fühlens hin - das nennt man Neuroplastizität des Gehirns. Es organisiert sich sekündlich neu, es lernt Dinge, von denen es nie etwas ahnte. Und es polt sich auf neue Muster um, mit denen es sich selbst Glück bereitet. Fürs Lernen - auch im Gehirn - gibt es kaum Altersgrenzen. Gehen irgendwo Nervenzellen unter, wird deren Aufgabe häufig von anderen übernommen.

Bevor ein Mensch also früh verfügt, dass andere seinem Leben in einer diffusen Lage ein Ende durch Abschalten von Apparaten setzen, sollte er erwägen, dass das sich verwandelnde Gehirn diese Grenzsituation vielleicht besser meistern wird, als er es ahnt. Der angebliche Verlust der Autonomie, sagt Birbaumer, finde nicht statt. Dass Menschen Patientenverfügungen ausfüllen, sagt Birbaumer, habe "nichts mit moralischem Fortschritt, wachsender Selbstverantwortung und erst recht nichts mit einer Zunahme an Wissen zu tun, sondern mit einer irrationalen Verlagerung der Angst". Selbst Tumorschmerzen, bei denen oft an Sterbehilfe gedacht werde, ließen sich medikamentös kontrollieren. Man müsse es eben nur tun.

Birbaumer hält die Ressourcen des lernfähigen Gehirns für gewaltig. Indes benötigen Patienten eine Zuwendung, die darauf vertraut, "dass die Selbstheilungskräfte unseres Gehirns enorm sind". Birbaumer hat das oft erlebt, und einer seiner bekanntesten Patienten war der Schauspieler Peer Augustinski, der nach einem Schlaganfall wieder vollends hergestellt ist - auch weil sich während seiner Behandlung sein Gehirn neu konfiguriert habe.

Auch bei Epilepsie, bei Demenz, bei Angststörungen und Depressionen, bei Parkinson, ja sogar bei Aufmerksamkeitsstörungen sei das Gehirn bei guter Führung durch interdisziplinär geschulte Therapeuten, die moderne Diagnose- und Heilverfahren einbeziehen, besser zu behandeln, als man denkt. Es werde einfach falsch an Patienten herumgedoktert. Eines der innovativsten Verfahren ist das Neurofeedback, mit dem Epileptiker ihre Anfälle voraussehen und dadurch regulieren.

Das Buch liest sich - dank meisterlicher sprachlicher Hilfe des Wissenschaftsjournalisten Jörg Zittlau - exzellent, bannend, in fast allen Facetten überzeugend. Jeder, der vor einer wichtigen planerischen Entscheidung für sein Leben und dessen Ende steht, sollte diese Gedankengänge gelesen, geprüft, erwogen haben. Wenn er sich dann trotzdem für eine Patientenverfügung entscheidet, soll er nicht sagen, er habe von nichts gewusst.

(RP)
Mehr von RP ONLINE