Geheimnisvolle Orte (6): Hindenburgs Besuch am Deutschen Eck

Geheimnisvolle Orte (6) : Hindenburgs Besuch am Deutschen Eck

Am 22. Juli 1930 feiern die Menschen – unter ihnen Reichspräsident Paul von Hindenburg – in Koblenz den Abzug der letzten französischen Besatzungstruppen aus dem Rheinland. Doch dann kommt es am Deutschen Eck zur Tragödie.

Am 22. Juli 1930 feiern die Menschen — unter ihnen Reichspräsident Paul von Hindenburg — in Koblenz den Abzug der letzten französischen Besatzungstruppen aus dem Rheinland. Doch dann kommt es am Deutschen Eck zur Tragödie.

Die etwa sechsjährige Gretel Frankmann hat sich auf den Tag gefreut. Ganz Koblenz ist am 22. Juli 1930 auf den Beinen. Zur Arbeit geht an diesem Dienstag niemand. Denn an diesem Festtag kündigt sich hoher Besuch an: Reichspräsident Paul von Hindenburg kommt endlich in die Stadt, nachdem er bereits in anderen Städten des Rheinlandes an den dortigen Feierlichkeiten zur Befreiung des Rheinlandes teilgenommen hat. Die letzten verbliebenen französischen Besatzungstruppen, die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges dort stationiert waren, hatten am 30. Juni 1930 die Region verlassen — Koblenz sogar schon am 29. November 1929. Ein spannender Tag für alle, die mitfeiern, auch für Gretel. Krönender Abschluss der Feierlichkeiten an diesem 22. Juli ist um 22.30 Uhr das Feuerwerk auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins auf der Festung Ehrenbreitstein gegenüber dem Deutschen Eck. Eine Stunde später ist Gretel Frankmann tot. Sie ist eines von 38 Opfern, die beim Einsturz einer Pontonbrücke am Deutschen Eck in der Mosel ertrinken.

Das Deutsche Eck ist eine künstlich aufgeschüttete Landzunge. Hier mündet die Mosel in den Rhein. Seit dem Jahr 1897 wird der Platz vom Reiterstandbild des Deutschen Kaisers Wilhelm I. dominiert. Von dort aus eröffnet sich der freie Blick auf die Festung Ehrenbreitstein, die 118 Meter über dem Fluss thront. Es ist die letzte Station auf der Rundreise des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg durch Koblenz. Er kennt die Stadt, hat in den Jahren 1896 bis 1900 dort als Generalstabschef des achten Armeekorps gearbeitet und gelebt. Seit dem 28. September 1917 ist er Ehrenbürger der Stadt. Am 22. Juli 1930 legt um 11.30 Uhr das Schiff mit dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun am Deutschen Eck an. Dort werden sie offiziell vom Koblenzer Oberbürgermeister Karl Russell begrüßt — der Ort ist damals längst zur Touristenattraktion geworden und zieht an diesem Tag mehr denn je die Menschen an. Unter lautem Glockengeläut heißt die Bevölkerung Hindenburg willkommen. Doch für den Reichspräsidenten geht es bald weiter, der Tag ist gut durchorganisiert. Als nächstes steht ein Festakt mit Bankett in der Stadthalle auf dem Plan. Paul von Hindenburg hält dort eine Rede, stilisiert den Rhein "zum Wahrzeichen der deutschen staatlichen Einheit und unseres Willens zur Selbstbehauptung". Es schließen sich eine Stadtrundfahrt und die Besichtigung der Festung Ehrenbreitstein an. Für den hohen Besuch haben die Koblenzer in der Innenstadt Häuser, Plätze und Straßen mit Girlanden und Flaggen geschmückt. Alles ist festlich dekoriert. Koblenz ist stolz.

Am Abend finden sich alle Feiernden am Deutschen Eck ein. Mit Sonderzügen sind die Menschen angereist, drängen sich auf der Landzunge dicht an dicht, um das Feuerwerk um 22.30 Uhr am gegenüberliegenden Ufer am Ehrenbreitstein zu sehen. Eine halbe Stunde später scheint der Tag gelungen zu Ende zu gehen. Doch was dann geschieht, geht als größte zivile Katastrophe der Stadt Koblenz in die Geschichtsbücher ein. Das Feuerwerk ist vorbei, Menschenmassen treten den Heimweg an. Einige von ihnen nutzen eine schmale Pontonbrücke an der Einfahrt zum Lützeler Sicherheitshafen, die vom Neuendorfer Eck über die Mosel führt, als Abkürzung. Gut 200 Menschen schieben sich auf der schmalen Schwimmbrücke vorwärts, als das Unglück geschieht. Die auf drei Meter hohen Mauer-Stützlagern ruhende Brücke kann dem Gewicht der Menschen nicht Stand halten. Immer tiefer sinken die Schwimmer ins Wasser hinein, so dass die Brückenenden schließlich auf beiden Seiten aus ihrer Lagerung gerissen werden.

Der "Koblenzer Generalanzeiger" bescheibt die grausige Szenerie am 24. Juli: "Der Menschen, die sich auf der Brücke befanden, bemächtigte sich eine ungeheure Panik, und die an den Ufern Stehenden ergriff lähmendes Entsetzen, denn nun neigte sich die vom Land losgelöste Brücke stark nach der Seite, schlug um und zog alle auf ihr Befindlichen mit in die grausige Tiefe." Rund 200 Menschen stürzen in die Mosel, für 38 von ihnen kommt jede Hilfe zu spät. Sie ertrinken in den Fluten. Die Opfer, deren Namen später in einem Nachruf veröffentlicht werden, sind zwischen sechs und 66 Jahre alt. Unter ihnen ist Gretel Frankmann als eines der jüngsten Opfer. Viele der Ertrunkenen sind Schülerinnen der Ursulinen-Schule, wie später bekannt wird.

Von den anschließenden Rettungsversuchen, die bis in die frühen Morgenstunden andauern, bekommt Reichspräsident Paul von Hindenburg nichts mehr mit. Er hatte die Szenerie bereits verlassen, bevor es zur Katastrophe gekommen war. An der Landzunge spielen sich derweil dramatische Szenen ab: Mit Booten, Stangen und Stöcken versuchten die Helfer im Dunkeln, die im Wasser treibenden Menschen auf Schiffe zu ziehen. Schiffskapitäne, Polizei, Feuerwehr und das Rote Kreuz suchen den in Dunkelheit liegenden Unglücksort nach Überlebenden ab. Ein Augenzeuge berichtet in einem am 23. Juli in der "Berliner National-Zeitung" veröffentlichten Artikel: "Es war ein furchtbarer und erschütternder Anblick, als beim Schein der Fackeln und beim grellen Licht der Scheinwerfer der Kraftwagen die Leichen aus den trüben Fluten geborgen wurden. In drei Stunden waren 34 Todesopfer geborgen." Die Zahl sollte auf 38 ansteigen.

Von Hindenburg erfährt am nächsten Morgen von dem Unglück und bricht daraufhin seine Reise durchs Rheinland, auf deren Programm noch Trier und Aachen stehen, ab. Am Vormittag des 23. Juli nimmt er an einer Trauerfeier im Stadthaus teil, spricht den Angehörigen der Opfer seine Unterstützung und sein Beileid aus und reist dann zurück nach Berlin. Zur Trauerfeier am 26. Juli 1930 kommt von Hindenburg nicht nach Koblenz zurück. Der Reichsverkehrsminister Theodor von Guérard jedoch ist vor Ort und hält eine kurze Rede: "Der Reichspräsident hat mich beauftragt, an dieser Gruft, wo viele Hoffnungen und Wünsche endeten, seine herzlichste Teilnahme auszusprechen, wie er dies schon einmal in der Trauerstunde im Koblenzer Rathaus getan hat, als nationale Freude sich in nationale Trauer wandelte. Der Herr Reichspräsident richtet seine herzlichsten Grüße an alle, die hier an diesen Gräbern trauern und deren Familienglück durch die Unerbitterlichkeit des Todes so jäh vernichtet worden ist."

In der nächsten Folge am Dienstag geht es um den autofreien Sonntag am Kreuz Kaiserberg.

(RP)
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