Tübingen/Salzburg: Heiße Nacht im Blütenstand

Tübingen/Salzburg : Heiße Nacht im Blütenstand

Mit welchen Verführungstricks Pflanzen arbeiten, um Insekten anzulocken.

350 000 Blumenarten gibt es, und sie arbeiten mit den unterschiedlichsten Methoden, um Insekten zum Bestäuben anzulocken. Mit Rosenduft versucht es eine Art, mit ihrer Blütenpracht etwa die Orchidee.

Der Salzburger Botaniker Stefan Dötterl hat den Überblick und kennt die Methoden. Besonders viel Aufwand, so der Wissenschaftler, betreibt der Philodendron. Eine große Menge an Blüten produziert das Gewächs, das viele Pflanzenliebhaber zu Hause haben. Diese Blüten liefern auch weibliche Samen, die am ausgehöhlten Boden des Blütenstandes sind. Angelockt werden nachtaktive Käfer, indem die Pflanze abends Düfte verströmt, erklärt Dötterl. "Der Blütenstand wird in den Nachtstunden bis zu 40 Grad heiß. Das ist ein Temperaturunterschied zwischen Pflanze und Umgebung von 30 Grad Celsius. Eine Weltmeister-Leistung."

Allerdings bleibt dem Käfer zum Wohlfühlen keine Zeit. Denn der Philodendron hat ein Zeitfenster eingebaut. Nur zwei Tage ist der Blütenstand geöffnet. Am zweiten Tag rutscht der Käfer in den Kolben und frisst sich mit weiblichem Samen voll. Mit dieser Ladung ausgestattet, besucht er einen anderen Philodendron. Dort hält sich der Käfer anfangs am oberen Blütenstand auf, indem die männlichen Samen lagern. Weibliche und männliche Samen kommen zusammen, die Bestäubung ist komplett.

Die bekanntesten Bestäuber sind Bienen. Von den rund 25 000 Arten ernähren sich fast alle über Blütenpollen. Eine Ausnahme ist die Schenkelbiene, die Öl aus dem Gilbweiderich sammelt, einer gelblich blühende Gartenblume. Hier ist es nicht die Optik, auf die das Insekt abfährt, sondern der Duft. Wahre Geruchsmeister sind Leuchterblumen, eine beliebte Zimmer-Hängepflanze. "Gemeine Täuscher", nennt sie Dötterl. Denn die Sorte Ceropegia dolichophylla gaukelt vor, nach dem bananenartigen Duft von Honigbienen zu riechen.

Dieser Geruch fesselt eine etwa drei Millimeter kleine Fliegenart, die sich von toten Bienen ernährt. Auf den Leuchterblumen ist ihre Suche zwar vergeblich – und doch erfüllt das Manöver seinen Zweck. Die Tiere rutschen ab, fallen hinab in einen Blütenkessel und sind gefangen. Dafür sorgen kleine Härchen, die wie ein Gefängnisgitter funktionieren. Die Insekten können erst einen Tag später entkommen, wenn die Härchen ihre Spannkraft verlieren.

(epd)