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Düsseldorf: Halloween fordert Protestanten heraus

Düsseldorf : Halloween fordert Protestanten heraus

Morgen ist Reformationstag – und Halloween, das angelsächsische Gruselfest. Dieses Zusammentreffen löst bei der evangelischen Kirche ein gewisses Unbehagen aus. Grund sei eigene Unsicherheit, sagen Wissenschaftler.

Mochte Luther Kürbisse? Die Frage mag sich nicht jedem unmittelbar aufdrängen. Die Evangelische Kirche im Rheinland beantwortet sie dennoch, per Comic-Video im Internet: "Ja, in der Suppe!" Dazu dudelt der Reformations-Schlager "Ein' feste Burg ist unser Gott". Dann geben die Macher den Nutzern noch in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen die Botschaft auf den Weg: "Am 31. Oktober ist Reformationstag!"

Und nicht Halloween, wäre zu ergänzen. Mit der angelsächsischen Gruselwelle, die vor wenigen Jahren aus Amerika nach Deutschland geschwappt ist – inklusive ausgehöhlter Fratzen-Kürbisse, daher die Luther-Geschichte –, können die evangelischen Kirchen in Deutschland wenig anfangen. "Dieses andere Fest" habe sich zulasten des Reformationstages "in den Vordergrund geschoben", heißt es auf der Website der rheinischen Kirche: "Halloween ist heute ein heidnisches Fest, aber eines der neuen Heiden, die vielleicht die Mehrheit unserer Bevölkerung bilden und die weder an heidnische Götter noch an den Gott der Bibel glauben, sondern an sich selbst und an ihren Spaß." Der Text kommt vom Referat für Sekten und Weltanschauungsfragen.

Landauf, landab suchen die Protestanten Alternativen zum Halloween-Spektakel. Auch morgen wieder. Das Projekt "Hallo Luther" soll Gemeinden zu eigenen Aktionen anregen. In ganz Deutschland haben sich die "Churchnights" verbreitet, die vor allem Jugendliche ansprechen – mit Rock-Gottesdienst, Film, Kürbis-Kochshow oder "Lutherlounge". Andere wollen im sozialen Netzwerk Facebook "Gesicht zeigen". Motto: "Faithbook".

Was aber, wenn dann doch ein Stoßtrupp kleiner Zombies an der Haustür steht? Auch dafür ist gesorgt: Die Nordkirche hat "Lutherbonbons" und "Lutherkekse" erfunden, mit denen laut Werbetext "Christen Süßes geben" können "und zugleich an die Bedeutung des 31. Oktober als Reformationstag erinnern". Sechs Tonnen würden jährlich verschickt, heißt es.

All das (ob augenzwinkernd oder bierernst) zeigt vor allem eins: Halloween fordert die evangelische Kirche heraus, bereitet ihr nicht selten Unbehagen – und widerlegt nebenbei die These, die Protestanten liefen zwanghaft dem Zeitgeist nach. Dabei gibt es durchaus Anknüpfungspunkte zum Christentum. Schon im Namen: "Halloween" leitet sich her von "All Hallows' Evening", dem Abend vor Allerheiligen, an dem ursprünglich die Iren mit Feuer und Masken versuchten, die Geister der Toten von der Rückkehr auf die Erde abzuhalten. 835 verlegte Papst Gregor IV. das Hochfest Allerheiligen auf den 1. November – und stülpte dem heidnischen Treiben so einen christlichen Sinn als Verstorbenen-Gedenken über.

"Auch bei Halloween geht es um Tod und Transzendenz", sagt der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Heiner Barz. Er sieht den Grund der kirchlichen Irritation außer in der Datumskollision in einer Krise des Selbstverständnisses: "Die Kirchen sind im gesellschaftlichen Diskurs seit Jahren auf dem Rückzug. Die eigene Identität ist vor allem bei den Protestanten manchmal schwach." Umgekehrt drückt es die Bonner Völkerkundlerin Gabriele Dafft aus: "Wer wirklich christlichen Glaubens ist, der wird davon nicht abkommen, weil auf einmal eine Halloween-Party angeboten wird."

Barz folgert: "Gerade in diesem Fall wäre es naheliegend, die Gegnerschaft aufzugeben und die Sache sozusagen durch Umarmung zu entschärfen oder ganz zu vereinnahmen. Aber die protestantischen Vorbehalte scheinen stärker zu sein." Für ihn verbinden sich in der Halloween-Ablehnung "typisch protestantische Haltungen: der Rationalismus, das Antikommerzielle, auch eine gewisse Askese".

Nun mag diese Gegnerschaft, vor allem was die Askese angeht, im Rheinland traditionell milder ausfallen. So war es durchaus folgerichtig, dass der damalige rheinische Präses Nikolaus Schneider, ein Duisburger, im vergangenen Jahr sagte, er sehe Halloween "relativ gelassen". Schneiders Nachfolger Manfred Rekowski aus Wuppertal gibt offen zu: "Mir persönlich ist der in Deutschland ja noch relativ junge Brauch sehr fremd." Die evangelischen Christen, sagt Rekowski, erinnerten sich am 31. Oktober "an die Wiederentdeckung der Bibel, die Betonung des Glaubens an Christus für den einzelnen Menschen und an die feste Überzeugung, dass Gott jeden Menschen ohne Bedingungen oder Vorleistungen annimmt".

Doch auch in Wuppertal ziehen morgen kleine Geister durch die Straßen. Darauf sei er vorbereitet, beteuert Rekowski: "Wenn es dann bei uns klingelt, gibt es denoch Süßes." So klingt wohl rheinisch-bergischer Halloween-Pragmatismus.

(RP)