Gen-Tresor in Spitzbergen: Grüne Arche Noah tief im Eis

Gen-Tresor in Spitzbergen : Grüne Arche Noah tief im Eis

Longyearbyen (RPO). Das Szenario erinnert an einen Science-Ficton-Film: Tief im ewigen Frost von Spitzbergen deponieren Forscher das Saatgut der wichtigsten Nutzpflanzen der Welt. Für diesen Zweck entstand ein riesiger unterirdischer Tresor, der heute offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Die Pflanzensamen sollen künftigen Generationen das Überleben sichern - nach einer globalen Katastrophe.

Am Dienstag wird das spektakuläre und weltweit einmalige Archiv im Beisein von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai eröffnet. Die Inselgruppe Spitzbergen wird von Norwegen verwaltet.

Seinen Platz findet das Sicherheitslager zur Bewahrung der Pflanzenvielfalt im Permafrostboden eines abgelegenen arktischen Berges, nur rund tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. Drei frostige Hallen von jeweils 27 mal 10 Metern Größe wurden in den Sand- und Kalkstein der norwegischen Insel gebohrt. Bis zu 4,5 Millionen Samenproben der wichtigsten Nutzpflanzen hätten hier Platz. Verschwindet eine Pflanze oder wird sie gar durch eine Katastrophe ausgelöscht, könnte sie wiederangepflanzt werden.

Sechs Millionen Euro investiert

"Die Anlage wurde so gebaut, dass sie doppelt so viele Sorten Saat aufnehmen könnte, wie wir überhaupt kennen", sagt Cary Fowler, Geschäftsführer des Welttreuhandfonds für die Kulturpflanzenvielfalt und Vordenker des Projekts. "Sie wird weder zu meinen Lebzeiten, noch zu denen meiner Enkel gefüllt werden." Damit die riesige Kühlhalle überhaupt gebaut werden konnte, investierte Norwegen umgerechnet rund sechs Millionen Euro.

Die drei luftdichten Räume werden durch Luftschleusen geschützt und sollen als Speicher für Proben der mehr als 1400 nationalen Samenkorn-Lager weltweit dienen. Viele solcher Saatgutbanken haben bereits ihren Teil zu dem neuen Lager beigetragen, das scherzhaft "Tresor des jüngsten Gerichts" genannt wird.

Nicht alle dieser nationalen Genbanken sind ausreichend geschützt, und ein Teil der Pflanzenvielfalt ist bereits verloren gegangen. So wurden irakische und afghanische Saatgutbanken im Krieg zerstört, eine fiel auf den Philippinen einem Taifun zum Opfer. Dass der neue Tresor solchen Widrigkeiten trotzt, hat sich schnell herumgesprochen. Von Unruhen geplagte Länder wie Pakistan und Kenia haben bereits Saatgutproben nach Spitzbergen verschickt.

250.000 Samenproben schon da

Rund 250.000 Samenproben schlummern schon jetzt in dem eisgekühlten Lager. Sie werden zwar auf Spitzbergen gesammelt, bleiben aber im Besitz der Herkunftsländer. "Ich arbeite schon 30 Jahre in dem Bereich, und ich dachte, ich kenne zumindest alle Kulturpflanzen", sagt der Projektplaner Fowler. Doch ein Blick auf die Liste der bisher eingetroffenen Proben belehrte ihn eines Besseren. "Ich muss zugeben, da gibt es eine Reihe von Kulturpflanzen, von denen ich noch nie gehört habe."

Es ist also ein reicher Schatz, der auf Spitzbergen ruht, einem Ort, wo die durchschnittliche Temperatur im Winter minus 14 Grad Celsius beträgt. Die norwegische Inselgruppe mit ihren rund 2300 Bewohnern wurde jedoch nicht trotz sondern gerade wegen ihres unwirtlichen Klimas als Standort ausgewählt. So werden die Samen von Weizen, Mais, Hafer und von anderen Nutzpflanzen bei einer konstanten Temperatur von minus 18 Grad Celsius gelagert. Sollte das Kühlsystem einmal ausfallen, sorgt der Permafrost dafür, dass das Quecksilber nicht über 3,5 Grad Celsius unter null klettert. "Spitzbergen erfüllte wirklich alle Kriterien", schwärmt Fowler.

Dicke Mauern, Panzertüren

Geschützt wird der Schatz von hohen und dicken Betonmauern, einer gepanzerten Tür, einem Alarmsystem und nicht zu vergessen von den Eisbären, die in der Gegend umherstreifen. Auch den Klimawandel haben die Architekten bedacht, als sie den Bau austüftelten. So liegt das Pflanzenlager 130 Meter über dem aktuellen Meeresspiegel. Selbst wenn große Teile der Eisdecken schmelzen sollten, bliebe es trocken. Der Beton-Kokon soll sogar einen Atomkrieg überdauern können und auch durch ein herabstürzendes Flugzeug nicht beschädigt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Klimaopfer der vergangenen zehn Jahre

(afp2)
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