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Gift der Seewespe - tückisch und tödlich

Bedrohung unter Wasser : Das Gift der Seewespe: Tückisch und tödlich

Seit etwa 650 Millionen Jahren schweben Quallen wie an Fallschirmen im Meer. Einige Arten können dem Menschen gefährlich werden - etwa die Seewespe, das giftigste Tier der Welt. Sie könnte mit ihrem Gift 250 Menschen auf einen Schlag töten.

Kuscheltiere sind Quallen nicht gerade. Seit 600 bis 700 Millionen Jahren schwimmen oder treiben sie im Plankton durch die Meere und betäuben mit ihren teils extrem giftigen Nesseln Fische, Wasserflöhe oder Garnelen, die sie anschließend in ihre Mundöffnung ziehen. Sie selber wiederum fallen hungrigen Schildkröten, Thunfischen oder Delphinen zum Opfer. Im Englischen heißen die seltsamen Tiere ohne Herz, Hirn und Blut völlig unzutreffend "Gelee-Fische", im Französischen weitaus korrekter "Gelee des Meeres".

Allerdings kann dieser Gelee in Maßen schwimmen, indem er nach dem Rückstoß-Prinzip seinen schirmartigen Körper zusammenzieht und dabei Wasser nach schräg unten herausdrückt. Quallen sind Meister der chemischen Kriegsführung - und Artilleristen höchster Güte: Statt Kanonen bedienen sie sich ihrer Nesselkapseln, die nur etwa einen hundertstel Millimeter breit sind. Wann immer ein mögliches Beutetier, ein Angreifer oder auch ein planschender Mensch mit den - bei manchen Arten fünfzig Meter langen - Tentakeln in Kontakt kommt, zeigt die Natur eine ihrer eindrucksvollsten Leistungen.

Ungeheurer Druck

In jeder Nesselkapsel lauert ein mit winzigen Bohrzähnen versehener Schlauch, der um seine eigene Achse gewickelt ist. Am Ende der fadendünnen Harpune sitzt eine Art Injektionsnadel. Trifft eines der Sinneshärchen an einer Tentakel auf einen Widerstand, steigt der Innendruck der Nesselkapsel auf ungeheure 150 Bar an, also das 70- bis 80-fache des Luftdrucks im Autoreifen.

Zeitgleich springt der Deckel der Kapsel auf, worauf der mikroskopisch kleine Giftfaden hervorschnellt, um sein spitzes Ende in die Haut des Opfers zu bohren. Dann entlädt das Geschoss sein Gift. Der komplette Vorgang dauert nur wenige Millisekunden. Und es bleibt nicht bei einer Mini-Harpune: Jeden Quadratmillimeter Haut durchbohren mehr als zweitausend davon.

Die gefährlichste Qualle und obendrein das giftigste bekannte Tier weltweit, die Seewespe (Chironex fleckeri), besitzt nach Angaben des Meeresbiologen Thomas Heeger "150 bis 200 Millionen Nesselkapseln". Die Giftmenge der bösen Fee des Pazifiks reiche aus, "um 250 erwachsene Menschen zu töten", so Heeger. Trotz mancherorts aufgespannter Fangnetze sterben mehr Schwimmer und Surfer durch Kontakt mit der im Dauerlauf-Tempo (9 km/h) jagenden Seewespe als durch Haie: Über 1100 waren es in den letzten 20 Jahren.

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Rasierschaum als Linderung

Die im Atlantik und in Nord- und Ostsee häufig auftretende Ohrenqualle hingegen ist für Schwimmer ungefährlich - ihre Nesseln können die menschliche Haut nicht durchdringen. Allenfalls in den Augen kann es bei Kontakt mit den Tentakeln zu Reizungen kommen.

Große Pein hingegen verursacht der ungeschützte Kontakt mit einer Nesselqualle oder einer Gelben Haarqualle (Cyanea capillata), die beide an der Nordsee-Küste häufig sind. Nicht umsonst heißt die Haarqualle auch Feuerqualle; ein weniger bekannter Name ist "arktische Löwenmähne". Als Meduse, also erwachsenes Tier, ist sie die größte bekannte Qualle und wird bis drei Meter groß - die Fangarme können sogar dreißig Meter lang werden.

Häufig lässt sich der von Feuerquallen verursachte Schmerz lindern, indem man Rasierschaum auf die Haut aufträgt und nach dem Eintrocknen mit einem stumpfen Messer oder einer Sandschaufel von der Haut schabt - inklusive der Nesselzellen. Gegen die Seewespe - und nur gegen diese Qualle - hilft Essig, weil er das Verschleudern der Nesselfäden beendet.

So gravitätisch eine Qualle im Wasser wirkt, so jämmerlich sieht sie aus, wenn sie gestrandet ist. Hitze und Trockenheit bewirken, dass sich die Tiere buchstäblich in Luft auflösen: Sie bestehen zu bis zu 99 Prozent aus Wasser. Trocknet eine Ohrenqualle ein, bleibt nur ein grammschweres Häutchen übrig.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die gefräßigsten Tiere

(alfa)