Gegenwart im Theater

Datenklau, Islamismus, Einwanderung: In diesen Stücken beschäftigen sich die Theater an Rhein und Ruhr mit unserer Gegenwart.

Natürlich gibt es auch in dieser Spielzeit wieder Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist und den alten Shakespeare, der vor nunmehr 399 Jahren gestorben ist. Natürlich gibt es wieder bürgerliche Trauerspiele über "Kabale und Liebe", neues vom "Guten Mensch von Sezuan" und "Geschichten aus dem Wiener Wald". Alles schön und gut, aber was macht eigentlich das Theater zur Zeit? Nachfolgend sechs Theaterstücke, die in diesen Tagen zwischen Bochum, Düsseldorf und Köln aufgeführt werden. Was sie gemein haben? Sie haben unsere Gegenwart zum Gegenstand.

Kapitalismuskritik

Wenn weder Mensch noch Tier etwas zählen, sondern nur noch der Gewinn, dann läuft der Schlachtbetrieb in Christoph Nussbaumeders "Das Fleischwerk" wie geschmiert. Regisseur Robert Schuster führt in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses ins Innenleben einer Fleischfabrik, in der Wanderarbeiter aus dem Osten Europas unter widrigen Umständen ihr Tagwerk verrichten. Als der bulgarische Arbeiter Andrei den Kampf gegen die Arbeitsbedingungen zu organisieren beginnt, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Ein Stück über Wertschöpfungsketten und Entfremdungsprozesse. Christoph Nussbaumeders Auftragsarbeit für das Schauspielhaus wurde Mitte September uraufgeführt. Am kommenden Samstag, 10. Oktober, wird es zum nächsten Mal gespielt.

Deutscher Alltag

Naser fährt Taxi und hört zu. Seit vielen Jahren bringt der aus dem Iran emigrierte Mann deutsche Fahrgäste von A nach B. Unterwegs erzählen sie ihm von ihren Sehnsüchten und Träumen, Rück- und Schicksalsschlägen. Dabei träumt Naser selbst von einem anderen Leben, einer Zukunft als Schriftsteller und einer Rückkehr in seine Heimat. Der iranische Autor und Übersetzer Naser Ghiasi fuhr in Berlin Taxi und hörte seinen Fahrgästen unterwegs genau zu. Seine Erlebnisse schilderte er in einem Blog, der Regisseur und Autor Amir Reza Koohestani las die "Taxigeschichten" und brachte sie auf die Bühne. Das Stück über das Einwanderungsland Deutschland und seine Bewohner feiert unter der Regie von Amir Reza Koohestani am 30. Oktober im Theater Oberhausen Premiere.

Syrienkrise

Plötzlich schmeißt Philipp die Schule, interessiert sich für den Koran, und dann ist er weg. Die Polizei ist sich sicher, der Junge ist ausgerissen, nun irgendwo in Syrien, um im Heiligen Krieg zu kämpfen. "Stirb, bevor du stirbst" heißt die Komödie von Ibrahim Amir über einen jungen Dschihad-Ausreißer und eine Mutter, deren Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Denn von einem auf den anderen Tag sieht sich Philipps Mutter mit einer Welt konfrontiert, die sie bislang nur aus den Nachrichten kannte. Das Schauspiel Köln zeigt "Stirb, bevor du stirbst" im Depot 2. Regie führt Rafael Sanchez. Uraufführung ist am 7. November.

Bildungssystem

Frau Müller muss weg! Darüber sind sich die Eltern einer vierten Klasse einig. Denn die Klassenlehrerin der 4b, die den Nachnamen Müller trägt, ist schuld daran, dass bei manchen Sprösslingen die Versetzung aufs Gymnasium gefährdet ist - meinen die Eltern. Nachdem sie unter ihresgleichen Unterschriften gegen die verhasste Lehrerin gesammelt haben, teilen sie ihr den Beschluss am Elternabend mit. Doch dann kommt alles ganz anders. In "Frau Müller muss weg" wird mit gängigen Ressentiments gegenüber Lehrern und dem Bildungssystem gespielt. 2015 hat Sönke Wortmann Lutz Hübners Stück fürs Kino verfilmt. Am 28. November feiert es auf der Bühne in Mönchengladbach Premiere. Regie führt Anja Panse.

Krieg gegen den Terror

Der Anschlag auf ein Fußballstadion kann nur verhindert werden, weil ein Kampfjet-Pilot eine Entscheidung trifft: Er schießt ein von Terroristen gekapertes Flugzeug ab. Die Passagiere an Bord sterben. Und laut Gesetz hätte der Bundeswehrpilot gar nicht schießen dürfen. Nun steht er vor Gericht, weil er 164 Menschen getötet hat - um 60.000 zu retten. In seinem erstem Theaterstück "Terror" fragt der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach nach der Würde des Menschen. Nachdem das Stück in Frankfurt und Berlin uraufgeführt wurde, ist es bald auch am Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen. Regie führt Kurt Josef Schildknecht. Schauspieler Moritz von Treuenfels gibt einen Angeklagten, über den zuletzt das Theaterpublikum richten muss: Schuldig oder unschuldig? Premiere ist am 18. Oktober.

Big Data

Restlos vernetzt ist die Welt heutzutage, mit nur einem Mausklick werden Datenmengen zwischen New York, Sydney und Berlin verschoben. Welche Daten auf ihrem Weg um die Welt gesammelt, verglichen und für welche Zwecke ausgewertet werden, ist kaum mehr zu verstehen. Für "Ich habe nichts zu verbergen - Mein Leben mit Big Data" fügt Autor und Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer am Essener Grillo-Theater Dokumentarisches, Literarisches und Komödiantisches zusammen. Real Existierendes trifft auf wahnwitzige Zukunftsvisionen. Am Donnerstag, 8. Oktober, wird das Stück über die Datensammelwut zum nächsten Mal gespielt.

(RP)