1. Panorama
  2. Wissen
  3. Forschung

Was wir durch Corona von Kindern über Kultur und Bildung lernen können

Serie Forscher in der Region : Was wir von Kindern über Bildung lernen

Die Pädagogik nach Corona muss nachhaltiges Lernen und Kultur für alle Generationen krisensicher machen. Wir brauchen jetzt nicht nur Notprogramme, sondern vor allem Konzepte für die Zukunft.

Wenn wir kleine Kinder beobachten, dann sehen wir einen ganz besonderen Weltzugang. Und wir sehen, wie sie gerade mit „der Krise“ umgehen und mit den damit zusammenhängenden vielen alltäglichen Krisen. Sie entwickeln Erklärungen, sie schaffen sich Rituale, und sie gestalten ihre Welt mit. Sie leiden auch, manche besonders schwer, das wird im gesellschaftlichen Diskurs oft übersehen. Es ist wie bei uns Erwachsenen: Es gibt Formen und Handlungen, die uns bei Stress, Unsicherheit, Hoffnung oder Utopie tragen – Kultur. Wenn Kinder eine Höhle aus Kissen und Decken bauen oder Erwachsene den Balkon mit Blumen und Kerzen dekorieren, dann gestalten beide einen Rückzugsort. Wenn Kinder einen gemalten Regenbogen ins Fenster hängen oder Erwachsene einen handgeschriebenen Brief verschicken, dann zelebrieren beide ein soziales Miteinander. All das sind kulturelle Praktiken.

In der Akutphase der Corona-Krise konnten wir sehen, wie sehr uns Kultur und Bildung stärken (und was uns derzeit fehlt). Wir konnten erkennen, was uns beide bedeuten. Für die Zeit „danach“ sollten wir daraus Lehren ziehen. Aus meiner Disziplin heraus, der frühkindlichen Kulturellen Bildung, möchte ich das an zwei Aspekten skizzieren.

Bildung von den Kindern lernen

Gerade bei kleinen Kindern spielen sinnliche Zugänge zur Welt eine große Rolle; Kinder begreifen und erspüren ihre Umgebung. Sie tun dies gerne gemeinsam – Bildung ist immer ein soziales Geschehen; alles wird geteilt und mitgeteilt. Dabei sind Beziehungen ganz wichtig; Menschen werden nie rein sachlich genommen, sondern immer auch emotional. All das gilt genauso für die Bildung der Erwachsenen. Wer sich an eine trockene Fortbildung eines unsympathischen Referenten erinnert, weiß das. Weil vieles davon gerade schlecht möglich ist, führt uns diese Krise vor Augen, was Bildung eigentlich ist.

Wenn jetzt eine Neukonzeption des pädagogischen Bereichs ansteht, müssen wir das mitdenken. Es ist absehbar, dass sich Kitas und Schulen deutlich verändern werden: mehr digitales Lernen, möglichst wenig körperliche Nähe. Doch Bildung muss weiterhin auch leib-sinnlich, sozial und in Beziehung stattfinden. Wenn wir Kinder nicht nur betreuen oder beschulen wollen, sondern bilden, dürfen wir das nicht vergessen. Dafür braucht es Profis, auch das müssen wir beachten. Es kann nicht so weitergehen, dass Stellen in Schulen und Kitas unbesetzt bleiben oder unqualifizierte Kräfte schnell angelernt werden. Schon Theodor Fliedner, in dessen Bildungstradition die Fliedner Fachhochschule Düsseldorf steht, betonte: „Die gute Gesinnung tut‘s nicht allein.“ Wir müssen die gesellschaftlichen Kräfte – und damit auch öffentlichen Gelder – dafür einsetzen, dass hervorragendes pädagogisches Personal unseren Kindern die beste Bildung bietet, die wir uns vorstellen können.

Kultur krisensicher machen

Kinder brauchen Kultur genau wie wir Erwachsenen. Damit meine ich nicht nur Oper und Museum, sondern gerade auch das gemeinsame Singen, das Tanzen zur Musik auf dem Schützenfest oder das tägliche Vorlesen eines Buches. In diesen Tagen erkennen wir das daran, dass Menschen auf den Balkonen gemeinsam musizieren, dass Bastelanleitungen im Netz geteilt werden oder dass Lesungen ins Radio verlegt werden. Wir spüren das hilfreiche Potenzial der Kultur im Umgang mit Unsicherheit und Neuorientierung.

Wir erkennen aber auch, dass der organisierte Kulturbereich fragile Strukturen hat; viele Institutionen sind personell und finanziell schwierig aufgestellt, Kulturschaffende sind in weiten Teilen prekär beschäftigt, Aktivitäten sind immer bedroht vom nächsten Sparprogramm. Man rechnet geradezu mit der Abruf- und Selbstausbeutungsbereitschaft in einem von Honorarkräften und Projektförderungen geprägten Feld, wie der Rat für Kulturelle Bildung kritisiert. Wir haben es wieder versäumt, in wirtschaftlich guten Zeiten strukturell vorzusorgen. Auch daraus sollten wir lernen: Wir müssen Kultur krisensicher machen, weil wir sie gerade in Krisen besonders brauchen. Wir brauchen verlässliche öffentliche Budgets, Festanstellungen, mehr Unabhängigkeit von Sponsorengeldern – damit auch in Krisenzeiten ein kulturelles Angebot da ist, das allen zugutekommt; und nicht nur denen, die sich den Eintritt, die DVD, das Buch leisten können, nicht nur denen, die zu den „Zielgruppen“ der Sponsoren gehören.

Und wir brauchen Kulturelle Bildung. Denn dass man auf dem Balkon musizieren kann, setzt voraus, dass man es gelernt hat. Auch wer in Krisenzeiten seine Sorgen oder seine Hoffnungen beim Malen ausdrücken will, beim Fotografieren oder beim Dekorieren, der muss vorher Kulturelle Bildung erfahren haben. Mit unserem Studiengang „Kultur-Bildung-Teilhabe. Kunst & Pädagogik in der frühen Kindheit (M.A.)“ möchten wir dazu beitragen, dass auch schon kleine Kinder die Möglichkeiten von Kultur erleben.

Keine Notprogramme, sondern Visionen für Bildung und Kultur

Im Sommer werden diejenigen, die dafür bezahlt werden können, viel Zeit auf das Schreiben von Konzepten verwenden. Es sollten nicht nur Konzepte für ein pädagogisches oder kulturelles Notprogramm sein – sondern für die Zeit danach. Konzepte mit Visionen dafür, wie Bildung und Kultur aufgestellt sein müssen, damit sie auch in schweren Zeiten Menschen Halt und Lebenssinn geben kann. Keine Konzepte der Not; sondern Konzepte, die aus den Erfahrungen der Krise Möglichkeiten entwickeln, wie Kultur die nächste Krise überstehen kann.