Analyse: Warum Wissenschaftler auswandern

Analyse : Warum Wissenschaftler auswandern

Weil die Karrierechancen unsicher sind, verlassen inzwischen viele deutsche Nachwuchswissenschaftler das Land. Es fehlen vor allem Professoren-Stellen, um im Wettbewerb um die besten Köpfe mithalten zu können.

Das aktuelle Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) stimmt eine alte Klage an: Deutschland kann seine klügsten Köpfe nicht halten. Demnach verließen 4000 Wissenschaftler mehr das Land als von anderen Staaten nach Deutschland kamen. Die EFI hat dafür Daten der Industrieländer-Organisation OECD ausgewertet und bezieht sich auf den Zeitraum von 1996 bis 2011.

Der Schweiz, Österreich, Schweden und Belgien sei es dagegen gelungen, den "Wissenspool konsequent durch einen Neuzufluss aufzuwerten", heißt es in der Studie, die morgen offiziell vorgestellt wird. "Insbesondere für die Besten scheint das deutsche Forschungssystem nicht attraktiv genug zu sein", kritisieren die von der Bundesregierung bestellten Experten.

Im Bundesbildungsministerium hieß es, die Regierung habe in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um Spitzenforscher in Deutschland zu halten. Der EFI-Befund stellt allerdings die Wirksamkeit der Rückhol-Programme infrage, für die der deutsche Staat und Wissenschaftsorganisationen Millionen ausgeben.

70 Prozent ausländische Professoren

Die offensichtlich besten Bedingungen finden deutsche Wissenschaftler in der Schweiz und in den USA. Der Alpenstaat rekrutiere gemeinsam mit den USA "mehr als 50 Prozent aller deutschstämmigen im Ausland aktiven Erfinder", heißt es im Bericht. Die namhaften Schweizer Forschungseinrichtungen wären ohne Ausländer nicht mehr arbeitsfähig. An der ETH Zürich forschen und lehren 70 Prozent ausländische Professoren, an der ETH Lausanne und der Uni St. Gallen sind es mehr als 60 Prozent. Am Teilchenbeschleuniger CERN in Genf ist die Quote noch höher.

Dabei stehen die deutschen Einrichtungen der Spitzenforschung im internationalen Vergleich sehr gut da: Verwendet man als Qualitätsmerkmal wissenschaftliche Veröffentlichungen mit dem weltweit größten Einfluss, so zählt die Max-Planck-Gesellschaft als einzige europäische Institution weltweit zur absoluten Spitzengruppe. Allerdings ist auch dort die Internationalisierung längst Alltag. Auf den Fluren der Institute wird selten Deutsch gesprochen.

"Die Max-Planck-Gesellschaft ist eine deutsche Forschungsorganisation, die von jeher engste Kontakte zu den weltweit besten Wissenschaftlern pflegte", sagte einmal ihr Präsident Peter Gruss. Ein Drittel der Direktoren der Max-Planck-Institute stammt aus dem Ausland, bei den Doktoranden sind es etwa die Hälfte. Bei den "Postdocs", also den Mitarbeitern, die nach ihrer Doktorarbeit in der Forschung bleiben und meist das wissenschaftliche Rückgrat der Institute bilden, besitzen über 90 Prozent einen ausländischen Pass.

EHC-Grants für Spitzenwissenschaftler

Europaweit gilt die personenbezogene Förderung des Europäischen Forschungsrats als Maß für Qualität. 443 der so genannten EHC-Grants, die Spitzenforscher mit bis zu fünf Millionen Euro unterstützen, gingen an Wissenschaftler britischer Elite-Unis, 268 nach Frankreich und 261 nach Deutschland. Am Welthandel mit forschungsintensiven Waren hält Deutschland einen Anteil von zwölf Prozent, mehr als die USA oder Japan. Deshalb wollte selbst die kritische EFI in ihrem Vorjahres-Gutachten den Standort Deutschland nicht verteufeln. Die Bilanz sei ausgeglichen, Deutschland ziehe ebenso viele internationale Unternehmen an, wie deutsche Unternehmen die Vorzüge anderer Standorte nutzten.

Für Christiane Funken liegt der Grund für die Abwanderung deutscher Forscher nicht in der Qualität, sondern in den Rahmenbedingungen. "Der Wettbewerb ist unerträglich geworden, ihre berufliche Situation bedeutet für viele Nachwuchswissenschaftler unzumutbare Belastungen und Existenzängste", berichtet die Soziologie-Professorin der TU Berlin, die Arbeitsbedingungen deutscher Forscher untersucht. Einerseits habe die Förderung von Graduiertenschulen, Stipendien und Postdoc-Stellen für viel guten Nachwuchs gesorgt, andererseits fehlten genügend feste Stellen: bei den Professoren und im wissenschaftlichen Mittelbau der Universitäten. Die Beschäftigungsverhältnisse des deutschen Wissenschaftsnachwuchses sind unsicher, die Erwartungen an die Leistung durch die Einführung der neuen Elite-Programme aber sehr hoch.

In Deutschland entscheidet sich spät, wer in der Wissenschaft Fuß fasst. Bis dahin gibt es einen Kampf um die wenigen Professorenstellen, der durch die Einrichtung von deutschlandweit 1240 Junior-Professuren nur unwesentlich entschärft wurde. Bei einem Großteil des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals von Universitäten folgt hingegen ein Zeitvertrag dem nächsten, gepaart mit der Unsicherheit, ob nicht ein anderer Nachwuchsforscher bevorzugt wird (siehe Grafik). Nach zwölf Jahren dürfen die Zeitverträge nicht mehr verlängert werden, wenn die Gelder nicht aus Drittmitteln stammen. Wer bis dahin als Wissenschaftler den Sprung an die Spitze nicht schafft, für den gibt es häufig keinen Plan B.

Im Jahr 2010 wurden bereits 43 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur aus Drittmitteln bezahlt. Das fördert Bürokratie und schadet der Kreativität. Zudem schränkt es die Forschungsfreiheit ein, denn Drittmittelförderung bringt häufig Vorgaben mit sich. England und Frankreich bieten den Nachwuchsforschern bessere Bedingungen.

Die Weichen werden früher gestellt, und die Zukunft wird plötzlich planbar: Nur 28 Prozent haben dort einen zeitlich befristeten Vertrag, in den USA sind es sogar nur 14 Prozent. Ein deutlicher Anreiz für diejenigen, die die Qualität mitbringen und sich im Ausland durchsetzen können. Ob diese Wissenschaftler nach Deutschland zurückkehren, liegt dann meistens am persönlichen Lebensentwurf — und nicht an den hiesigen Bedingungen.

(RP)