Biologen machen Inventur: Tierische Einwanderer im Rhein

Biologen machen Inventur : Tierische Einwanderer im Rhein

Im Rhein leben zahlreiche eingewanderte Tierarten. Um mehr über die Besiedlung des Flusses zu erfahren, läuft zur Zeit eine große Inventur.

Langsam hebt der Bagger die Steine vom Grund des Rheins auf das Forschungsschiff "Burgund". Erst kurz über der Arbeitsplattform öffnet sich der Greifarm, und der Inhalt - große Platten und kleines Geröll - fällt krachend heraus. Sofort macht sich ein Biologenteam über den triefenden Steinhaufen her. Schon auf den ersten Blick sind auch Muscheln, Flohkrebse und Schwämme zu erkennen. Aber die Experten auf dem Forschungsschiff der rheinland-pfälzischen Wasserwirtschaft wollen es genauer wissen. In diesen Wochen werden auf Rhein, Mosel und Saar systematisch Proben für eine große Studie gewonnen.

Um sich ein Bild von der derzeitigen Besiedlung zu machen, werden noch bis Ende Juni rund 100 Proben aus bis zu sechs Metern Tiefe aufs Schiff geholt. Dabei geht es den Forschern darum, welche Tiere aus der Gruppe der Wirbellosen im Rhein leben und wie viele. Die Ergebnisse sind auch für die EU bestimmt, in Brüssel sollen die Berichte aus den verschiedenen Ländern zusammengeführt werden. Zu den Wirbellosen zählen etwa Muscheln, Insekten oder Krebstiere.

Wandel im Fluss

"Der Rhein ist im Wandel", erklärt Jochen Fischer, Biologe beim Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht. Vor allem seit Öffnung des Main-Donau-Kanals 1992 wandern Tiere und Pflanzen neu in das Flusssystem ein - auch gegen die Strömung. Jede fünfte Tierart zählt inzwischen zu den Neozoen, die zwischen 60 und 80 Prozent der Individuen bei den Wirbellosen stellen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins hat allein zwischen 2001 und 2007 knapp 40 zugewanderte Arten im Rhein nachgewiesen - die meisten davon Muscheln und Schnecken.

Beispiel Körbchenmuschel: Sie wird vom Bagger gleich dutzendfach ans Licht geholt. Im Rhein ist die bis zu fünf Zentimeter große Muschel bereits seit 1988 zu Hause - sie stammt aus Asien. Vor sechs Jahren kamen die beige gefärbten Quaggamuscheln aus der Donau dazu. Etwa zur gleichen Zeit wurden die ersten Grundeln gesichtet. Von den rund 20 Zentimeter großen gedrungenen Fischen sind schon fünf verschiedene Arten aus dem Schwarzmeerraum eingewandert. "Die Grundeln breiten sich derzeit stark in Rhein und Mosel aus", sagt Fischer. Mancher Angler fange kaum noch einen anderen Fisch.

"Neubürger treffen oft gute Lebensbedingungen an und vermehren sich explosionsartig", erklärt der Biologe. Nach den Beobachtungen der Forscher gehen die Bestände zehn Jahre später oft wieder zurück. So hätten auch Neozoen mit der Konkurrenz durch neue Einwanderer zu kämpfen. "Nicht jede eingebürgerte Art ist eine schlechte Art", betont Fischer. Der Steinkleber etwa, eine Flussschnecke, habe sich gut eingefügt und störe keinen.

Sehr gute Wasserqualität

Der Rhein hat nach den Worten des Experten inzwischen wieder eine sehr gute Wasserqualität. Unter anderem die Flusskahnschnecke, eine alte Rheinbewohnerin, breite sich wieder aus. Dass sich viele andere heimische Arten mit der Rückkehr in den Lebensraum schwertun, liegt nach den Worten des Experten vor allem an fehlenden natürlichen Uferstrukturen.

Dennoch machen die Biologen auch erfreuliche Entdeckungen in den Proben, etwa eine Hydropsyche. Das Insekt zählt zu den Köcherfliegen, und die sind selten geworden im Rhein. Um 1900 waren noch 70 Prozent der Arten in dem Fluss Insekten, bis heute ist der Anteil dieser Tiergruppe auf weniger als 40 Prozent geschrumpft. In rauen Mengen ist dagegen der Höckerflohkrebs zu finden, der Mitte der 1990er Jahre über den Main-Donau-Kanal in den großen Strom gelangte und im Verdacht steht, andere Arten zu verdrängen.

Um ein vergleichbares Bild der einzelnen Flussabschnitte zu gewinnen, müssen die Biologen Maria Dommermuth und Guido Haas bei jeder Probe gleich vorgehen: Zunächst legen sie mit den herausgebaggerten Steinen den Boden einer Schüssel aus. Anschließend werden die Steine in Wasser getunkt und abgebürstet. "In einem Sieb wird zum Abschluss alles aufgefangen, was an den Steinen gelebt hat", erklärt Dommermuth. Ihr Kollege Haas beschriftet währenddessen mehrere Laborgefäße - hier werden die Proben verwahrt und später ausgezählt.

An Bord ist die Zeit knapp. Die Biologen haben keine Muße, das romantische Mittelrheintal mit Loreley und Burg Kaub zu genießen. Spätestens alle halbe Stunde ist eine neue Stelle für die Probennahme erreicht, und der rote Greifarm schwenkt über die Reling. Und nach der Sammlung der Proben geht die Arbeit weiter: Dann müssen die Gefäße mit Zehntausenden von Tieren ausgewertet werden.

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(dpa)
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