Jährlich rieseln 1,5 Millionen Tonnen Staub auf die Erde

Kein Leben ohne das ungeliebte Material: Staub - der unterschätzte Stoff

Er ist ein ständiger Begleiter, kein Winkel der Erde ist ohne ihn: der Staub. Doch ihn zum Teufel zu wünschen, würde bedeuten, die Vergangenheit unseres Planeten zu negieren. Ein etwas anderer Blick auf das Material.

Im Garten Eden gab es keinen Staub. Er ist eine Plage, die wir uns Menschen mit unserem Sündenfall eingehandelt haben. Im ersten Buch Mose, sagt der Herr zu Adam: "Von Staub bist du genommen, zu Staub kehrst du zurück." In der christlichen Semantik steht der Staub seitdem für die irdische Vergänglichkeit. Aber auch Erniedrigung: Wir wälzen uns im Staube wie ein Wurm, unsere Feinde werden Staub lecken.

Auch in der Alltagssprache ist der Staub negativ besetzt. Einer, der Staub aufwirbelt oder sich einfach aus dem Staube macht, ist nicht gerne gesehen, ebenso wenig wie verstaubte Ansichten noch Gehör finden. Aber mit der Vergänglichkeit ist das so eine Sache. Wenn er denn mal endlich verschwinden würde! Der Staub legt sich einfach auf alles, wischt man ihn weg, ist er kurz darauf wieder da - eine Erfahrung, die man nicht nur beim Frühjahrsputz macht.

Als Staubwischer braucht man mehr Gleichmut als Sisyphos, der nur immer wieder einen Felsbrocken den Berg emporrollen musste. Doch der Staub, das sind viele Teilchen, die sich zusammentun, sie kriechen in jeden Winkel und jede Ritze. Stichwort Dieselfahrverbot: Der Feinstaub in den Städten schränkt unsere Mobilität drastisch ein, Vulkanasche stoppt den Flugverkehr, vier bis fünf Millionen Allergiker leiden unter dem Milbenkot, der sich im Hausstaub findet, von den Pollen des Blütenstaubs ganz zu schweigen. Lediglich der Goldstaub hat ein etwas besseres Ansehen.

Unser Verstand sagt uns, dass es auf Erden nichts gibt, das völlig ohne Sinn ist. Staub hat nicht nur Folgen, sondern auch eine Ursache. Es ist wert zu fragen, ob die Wollmaus unter dem Bett nicht doch Bestandteil eines höheren kosmischen Zusammenhangs ist. Astrophysiker verklären uns diese Landplage als einen Gruß aus dem All. Während uns der Staub das Leben schwer macht, behaupten sie: Ohne diesen Fluch gäbe es kein Leben auf der Erde. Sind wohl deshalb Studenten-WGs so quicklebendige Orte, weil dort so selten Staub gewischt wird?

Folgt man mal nicht der biblischen Erzählung, sondern den Erkenntnissen der Wissenschaft, war die Erde einst nur ein Gemisch aus Gas und Staub. Und dieses Etwas war noch nicht einmal von hier, sondern die Folge eines explodierenden Sterns, Supernova genannt. Durch das Universum fliegende Teilchen wurden von dieser Gas- und Staubwolke stofflich gebunden. Staubteilchen bildeten letztlich unser Sonnensystem aus. Diese Invasion aus dem All hält immer noch an - "jedes Jahr rieseln bis zu 1,5 Millionen Tonnen auf die Erde herab", heißt es auf einer Wissenschaftsseite den Senders ntv.

Der Mensch selbst ist mit seinen Absonderungen kleinster Haut- und Hornpartikel ein Partikelproduzent. Unsere Schuppen und Haare, die Flusen an unserer Kleidung - alles das ist Teil des Problems, für das es keine Lösung gibt. Denn, das ist die andere Seite: ohne Staubkorn keine Regentropfenbildung, und nur mit Hilfe größerer Staubteilchen kann es regnen. Sandstaub aus der Wüste transportiert Nährstoffe, die wiederum das Planktonwachstum im Meer fördern. Das wiederum filtert das Kohlenstoffdioxid und wirkt so dem Treibhauseffekt entgegen, garantiert überdies die Nahrungskette im Meer.

Der Kölner Künstler und Historiker Wolfgang Stöcker will dem Staub seinen Stachel nehmen, indem er Proben aus allen Teilen der Welt und den verschiedensten Epochen zusammenträgt. In seinem "Deutschen Staubarchiv", das er 2004 gründete, gibt es die Kategorien: sakrale Staube, Kulturstaube, politische Staube, kulinarische Staube (vorwiegend aus Weinkellern), Naturstaube und musikalische Staube.

Da darf man sich fragen: Sind die Ablagerungen auf einer alten Stradivari anders als auf dem Fries der Akropolis? Oder sind Milbenexkremente im Bett eines Marquis von blaublütiger Beschaffenheit? Stöcker sammelt nicht mehr nur. Er formt aus seinen akribisch gesuchten Proben mit Wachs gebundene Figuren, die das Patina der Geschichte verkörpern. Er schafft Reliquien des Verfalls, die auf unsere Endlichkeit verweisen. Der Staub wird die Menschheit jedenfalls ganz sicher überdauern.

(felt/kna)
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