1. Panorama
  2. Wissen
  3. Forschung

Ideen für die Pflege nach der Corona-Pandemie

Serie Forscher in der Region : Neue Wege zu Schutz und Nähe

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Sicherheit und sozialer Isolation gerade für alte Menschen sein kann. Ein Gastbetrag von Christian Bleck über neue Ideen für die Pflege.

Die Teilhabesituation alter Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben, ist in den aktuellen Zeiten von Corona offensichtlich durch ein gravierendes Dilemma bestimmt. Denn es gilt hier zwischen Möglichkeiten abzuwägen, die gleichermaßen problematisch sind.

Einerseits der Schutz vor Corona und dessen Verbreitung: Unbestritten ist bislang, dass bei Covid-19 die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe mit dem Alter und vorliegenden Vorerkrankungen zunimmt. Dabei bestehen für Bewohnerinnen und Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen – wie auch das Robert Koch-Institut festhält – nochmals erhöhte Risiken. Denn bei ihnen begünstigen nicht nur ihre Hochaltrigkeit und mehrere Vorerkrankungen einen schweren Krankheitsverlauf, sondern auch die Gemeinschaft in der Einrichtung und nahe Kontakte in der Pflege eine Infektion mit dem Virus und dessen Verbreitung. Sie erkranken an Covid-19 jedoch nicht nur schwerer, sondern sterben daran auch häufiger. Diese gravierenden Folgen der Corona-Pandemie sind individuell mehr als dramatisch und auch gesellschaftlich nur schwer zu ertragen. Um das Auftreten und die Verbreitung von Covid-19 in Pflegeheimen zu vermeiden, waren daher zunächst generelle Besuchsverbote und sind weiterhin besondere Schutzmaßnahmen notwendig. Aber inwieweit ist es legitim, Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben, dauerhaft in ihren Grundrechten einzuschränken?

Andererseits das Recht auf Teilhabe: Alte Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben, haben die gleichen Rechte wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger auch. Ihnen nur aufgrund ihres Alters, ihrer Pflegebedürftigkeit und weil sie in einem Altenheim leben, wesentliche Zugänge zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verwehren, stellt eine Diskriminierung dar. Trotz des notwendigen Infektionsschutzes dürfen Heime – wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie festhält – nicht zu Gefängnissen werden. Zu strikte Regelungen führen zu Verhältnissen sozialer Isolation, die andere negative psychische und physische Auswirkungen haben können. Aber inwieweit ist es verantwortbar, für die Gewährleistung sozialer Teilhabe Risiken einer Corona-Infektion in Kauf zu nehmen?

 Mit diesem Dilemma mussten und müssen alle Betroffenen umgehen: So ertragen die Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihre Angehörigen – größtenteils mit viel Verständnis – grundlegende Einschränkungen ihrer Teilhabe. Ebenso gebührt den Leitungen sowie Mitarbeitenden hohe Anerkennung dafür, wie sie die besonderen Herausforderungen in Zeiten von Corona bewältigen. Schutz zu gewährleisten, sowohl für die Bewohnerinnen und Bewohner als auch für das Personal, hatte hier Priorität. In der überwiegenden Mehrzahl der Einrichtungen hat dies funktioniert, auch weil sie im Umgang mit Infektionskrankheiten Standards und Erfahrung besitzen. Herausforderungen waren zu Beginn aber auch der Mangel an Schutzkleidung und fehlende Leitlinien in Bezug auf die soziale Situation. Überwiegend wurde hier aber nicht nur professionell und verantwortungsvoll, sondern auch kreativ gehandelt, sodass inzwischen bereits erste Schritte aus dem Dilemma erfolgten, die nun in mehrfacher Hinsicht achtsam fortzuführen sind:

Achtsam gegenüber Bewohnerinnen und Bewohnern sowie ihren Angehörigen: Bereits eingeführte Teilhabemöglichkeiten – von Fensterkontakten über Begegnungsräume bis hin zu Hofkonzerten – sollten nun sorgsam, aber sukzessive erweitert werden. Wesentlich sind hier eine gute Kooperation und Aufgabenteilung zwischen dem Sozialen Dienst und der Pflege. Besondere Sensibilität erfordert auch, wenn Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz nicht nachvollziehen können, warum Abstand zu halten ist oder jemand eine Maske trägt. Für sie ist es nun gerade wichtig, dass gewohnte Strukturen und Rituale sowie eine positive Atmosphäre aufrechterhalten werden. Sinnvoll wären darüber hinaus weitere risikominimierende Maßnahmen, wie etwa regelmäßige Covid-19-Tests.

Achtsam gegenüber Mitarbeitenden: Lange geforderte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in Altenpflegeeinrichtungen müssen endlich durchgesetzt werden (zum Beispiel quantitativ und qualitativ adäquate Personalressourcen), um langfristig eine gute Versorgung und Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeeinrichtungen gewährleisten zu können. Selbstverständlich sind auch Maßnahmen zur Sicherung der Gesundheit regulär vorzuhalten (beispielsweise Schutzausrüstung).

Achtsam gegenüber Technik: Die nun stärkere Nutzung digitaler Kommunikationsformen (Videoanrufe) unterstützt bereits vor Corona begonnene Digitalisierungsbemühungen. Dies ist weiterhin zu fördern (Ausbau technischer Voraussetzungen, Schulungen), allerdings mit dem Wissen, dass digitale Kommunikation den persönlichen Kontakt sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen kann.

Achtsam gegenüber Zusammenhalt: Es existieren bewundernswerte Beispiele, wie alte Menschen von jüngeren Generationen unterstützt werden (Einkäufe, Technikbegleitung). Wichtig ist aber auch, dass in den Medien ein differenziertes Altersbild gefördert wird. Wenn alte Menschen vor allem als Risikogruppe und passive Opfer betrachtet werden, generiert das negative Stereotype. Es sollte daher nicht bloß über, sondern stärker mit alten, pflegebedürftigen Menschen gesprochen werden.

In diesem Sinne können und sollten achtsame Schritte aus dem aktuellen Dilemma alten Menschen mit Pflegebedarf ihren berechtigten Weg zurück in das gesellschaftliche Leben ermöglichen.